Päcklidienst statt Patrouille

Der Bundesrat krempelt die Zollverwaltung um. Viele Mitarbeitende sind mit der Reorganisation unzufrieden, wie eine Umfrage bei über 1500 Beamten zeigt.

Bewaffnete Grenzwächter im Einsatz. In Zukunft sollen sie neben Passagieren auch Postpakete kontrollieren. Foto: Keystone-SDA

Bewaffnete Grenzwächter im Einsatz. In Zukunft sollen sie neben Passagieren auch Postpakete kontrollieren. Foto: Keystone-SDA

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Nicht einmal der Name bleibt. «Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit» heisst die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) in Zukunft. Vor einem halben Jahr gab der Bundesrat seine Pläne für die Reorganisation bekannt, betroffen sind fast 5000 Mitarbeiter.

Bisher waren sie aufgeteilt in Grenzwacht und Zoll. Doch diese Unterscheidung verschwindet: «Im Zentrum der Neuausrichtung steht ein einheitliches Berufsbild, welches die bisherigen ­Berufe ablösen wird», schrieb der ­Bundesrat im Mai. «Alle Mitarbeitenden werden für umfassende Kontrollen von Waren, Personen und Transportmitteln ausgebildet und spezialisieren sich in einem dieser Bereiche.» Sämt­liche Beamten würden uniformiert und «aufgabenbezogen bewaffnet».

Vielen Mitarbeitenden passt das gar nicht. Im September hat die Gewerkschaft Garanto eine Umfrage zur ­Reorganisation durchgeführt. 1545 Angestellte der EZV beteiligten sich. Jeder Dritte war insgesamt unzufrieden mit der Veränderung. Mehr als die Hälfte der Beamten klagte über zu wenig ­Mitsprache und Einbezug. Drei Viertel waren der Meinung, das Arbeitsklima habe sich durch die Umstrukturierung verschlechtert.

Was sich hinter den Resultaten verbirgt, zeigen Gespräche mit Mitarbeitern. Sie alle wollen anonym bleiben, «aus Angst vor negativen Konsequenzen», sagt Zöllner Michael*. «Meine Arbeit dreht sich um Waren. Ich schaue, ob Pakete korrekt verzollt sind. Aber jetzt soll ich plötzlich Waffe und Uniform tragen und an der Grenze Flüchtlinge kontrollieren», sagt er. «Das ist ein völlig anderer Beruf, den ich nicht ausüben will.»

«Waren abfertigen, anstattdraussen im Einsatz zu sein»

Auch Frederik* ist Zöllner, seit über 20 Jahren. «Eine solche Verunsicherung unter meinen Kollegen habe ich noch nie erlebt», sagt er. Für viele seien Fronteinsätze mit Uniform und Waffe unvorstellbar. «Hinzu kommt die ständige Verfügbarkeit: Grenzwächter müssen auch Sonntags- und Nachtdienste leisten, je nach Bedarf in verschiedenen ­Regionen. Für Angestellte mit Kindern geht das nicht.» Laut Frederik gab es in den vergangenen Monaten viele Abgänge. «Wer einen anderen Job findet in der Verwaltung, der geht.»

Von Kündigungen spricht auch ­Stefan*, langjähriger Grenzwächter. «Wir haben plötzlich völlig neue Aufgaben und müssen Waren abfertigen, anstatt draussen im Einsatz zu sein. Das wollen viele im Korps nicht.» Niemand sei gegen eine Modernisierung. «Aber diese Vermischung von zwei verschiedenen Berufen ist zu radikal. Und sie wird uns diktiert, von oben herab, ohne uns einzubeziehen.»

Nun sollen Externe helfen, damit die Reorganisation gelingt. Die Bundesverwaltung suchte im August eine Firma, die eine «kulturelle Transformation» durchführt, unter anderem bei der EZV. Laut Ausschreibung beträgt das Auftragsvolumen bis zu 20 Millionen Franken. «Führungskräfte und Mitarbeitende sollen in ihrer Arbeitsweise, in ihrer Einstellung und in ihrem Verhalten ­dahin gehend entwickelt werden, dass sie sich auf künftige Veränderungen ­einlassen und diese mehrwertbringend mittragen», steht im Aufgabenheft.

Wenn jemand keine Waffe tragen will, dann wird er sicher nicht dazu ge­zwungen.Christian Bock, Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung

«Das Zusammenlegen von zwei Berufsbildern erfordert auch eine kulturelle Transformation», heisst es auf An­frage bei der Eidgenössischen Zollverwaltung. «Diese Aufgabe wird primär von den Vorgesetzten übernommen. Die EZV hat sich aber entschieden, diesen Prozess punktuell auch mit externem Know-how zu unterstützen.»

Die Fluktuation habe im Vergleich zu letztem Jahr abgenommen und liege unter dem Durchschnitt in der Bundesverwaltung. «Das Personal wurde von Beginn weg aktiv informiert und in die Transformation mit einbezogen.» So habe Direktor Christian Bock Anfang Jahr bei rund 60 Anlässen an 13 Standorten den Mitarbeitenden die Weiterentwicklung persönlich im Detail vorgestellt, begründet und erklärt. Die EZV betont: «Wir nehmen Garanto ernst und nehmen die Vorbehalte zur Kenntnis.»

Deshalb wurde die Gewerkschaft nun zur nächsten Sitzung der Geschäftsleitung eingeladen. «Dort können wir die Forderungen der Angestellten direkt aufzeigen, was wir sehr begrüssen», sagt Garanto-Vizedirektor Bernhard Talg. Wichtig sei ein gemeinsamer Nenner zwischen Arbeitgeber und -nehmer. Und gute Kommunikation. «Damit die Mitarbeiter wissen, was auf sie zukommt. Denn das gibt Sicherheit.»

EZV-Direktor Bock selbst haben die Resultate von Garanto erstaunt: «Ich habe viel direkten Kontakt mit Mitarbeitenden und erhalte meist positive Rückmeldungen.» Im Frühling habe man zudem eine eigene Umfrage durchgeführt, die auch ein anderes Bild gezeigt habe.

Es sei nachvollziehbar, dass eine solch umfassende Reorganisation auch Unsicherheit auslöse. «Aber leider kann ich viele Fragen zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht beantworten», sagt Bock. Was aber schon jetzt klar sei: «Wenn jemand keine Waffe tragen will, dann wird er sicher nicht dazu ge­zwungen.» * Name geändert



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Erstellt: 26.10.2019, 22:23 Uhr

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