Päckli-Rekord für die Post

Online-Shopping beschert der Post ein glänzendes Jahr – die Zahl der unzufriedenen Kunden steigt aber.

Hochbetrieb in Zürich-Mülligen: Im Briefzentrum werden die Kleinwarensendungen kontrolliert. Allein aus dem asiatischen Raum waren es im ersten Halbjahr 2017 rund sieben Millionen. Foto: Michele Limina

Hochbetrieb in Zürich-Mülligen: Im Briefzentrum werden die Kleinwarensendungen kontrolliert. Allein aus dem asiatischen Raum waren es im ersten Halbjahr 2017 rund sieben Millionen. Foto: Michele Limina

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«Klick» und schon ist die Jeans, der Staubsauger oder das Weihnachtsgeschenk für den ­Göttibuben bestellt. Läuft alles nach Plan, hält man das gewünschte Produkt wenige Tage später in den Händen. Der Einkauf im Internet ist bequem. Kein Warten an der Kasse, kein Gedränge zwischen den Regalen, keine Einschränkung durch Ladenöffnungszeiten. ­Während die Detailhändler unter dem Onlinehandel leiden, frohlockt die Post.

2017 wird der gelbe Riese so viele Pakete verteilt haben wie noch nie. Rund 130 Millionen Pakete werden es voraussichtlich sein. Das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr und 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. «Der Markt boomt, und das Volumen steigt jährlich an», sagt Post-Sprecherin Jacqueline Bühlmann.

Besonders gefordert ist die Post jetzt in den Wochen vor Weihnachten. An Spitzentagen treffen in der Adventszeit bis zu 50 Prozent mehr Pakete ein als an einem durchschnittlichen Tag während des Jahres. Die Herausforderung: Einen Grossteil der Sendungen aus dem Ausland kontrollieren und begutachten Postmitarbeiter noch immer von Hand.

7 Millionen Kleinsendungen aus Asien

Über sechs Millionen Importpakete erreichen jährlich die Schweiz. Nicht eingerechnet sind die sogenannten «Kleinsendungen mit Wareninhalt», wie sie im Jargon der Post heissen. Das sind gepolsterte und gefüllte Couverts oder kleine Pakete, deren Länge, Breite und Höhe zusammengezählt nicht mehr als 90 Zentimeter ergeben.

Allein aus dem asiatischen Raum hat die Post im ersten Halbjahr 2017 sieben Millionen solcher Päckchen importiert. Das sind täglich rund 45 000 Sendungen. «Der grösste Teil stammt von Onlinehändlern wie Alibaba oder Wish», sagt Bühlmann von der Post.

Das Problem: Sie sind ein Verlustgeschäft. Denn die Vergütungen, welche der Schweizer Staatsbetrieb aus Fernost erhält, sind zu klein, um die Kosten für die Zustellung zu tragen. Im Weltpostverein machen sich die Schweizer daher stark, dass Chinas Post künftig stärker zur Kasse gebeten wird.

Keine 300-Franken-Freigrenze

Seit rund acht Jahren ist die Post für die gesetzeskonforme Importverzollung für Briefe und Pakete im Auftrag der eidgenössischen Zollverwaltung zuständig. Sämtliche internationalen Einzelsendungen werden in den beiden Zürcher Postzentren zentral verzollt und besteuert. Grosspakete kontrollieren Mitarbeiter in Urdorf ZH, Kleinwarensendungen landen im Briefzentrum Zürich-Mülligen in Schlieren ZH.


Video – Pächliroboter in Zürich

Der Lieferroboter der Post braucht noch Begleitung auf seinem Weg durch die Innenstadt. (Video: Nicolas Fäs)


Eine Freigrenze von 300 Franken, wie es sie im Reiseverkehr gibt, besteht bei Postsendungen nicht. Stattdessen ist jede Importsendung zollmeldepflichtig, wenn Zoll- und Mehrwertsteuer fünf Franken übersteigen. Somit können Waren, die weniger als 62.50 beziehungsweise 200 Franken kosten – je nachdem, ob die gelieferten Waren einem Mehrwertsteuersatz von 8 oder 2,5 Prozent unterliegen –, frei eingeführt werden.

Böse Überraschung für Online-Shopper

Die grosse Mehrheit der Kleinwarensendungen in Zürich-Mülligen erhält einen grünen Kleber: Es handelt sich um abgabefreie Sendungen. Der Empfänger wird dafür später dem Pöstler weder Zoll- noch Mehrwertsteuerbetrag bezahlen müssen. Doch rund drei Prozent versehen die Mitarbeiter mit einem roten Kleber. Sie enthalten entweder einen mehrwertsteuerpflichtigen Warenwert oder sie sind falsch, ungenügend oder gar nicht deklariert.

Für viele Online-Shopper kommt dann die böse Überraschung. Der SonntagsZeitung liegen über ein Dutzend Schreiben von genervten Lesern vor. Sie ärgern sich, dass der Pullover oder das Make-up aus dem Internet mit allen Gebühren den ursprünglichen Betrag deutlich übersteigt. So kann es sein, dass Handschuhe aus Frankreich im Wert von 54 Franken einschliesslich Versand, Einfuhrsteuern und Verzollungs­gebühren 94 Franken kosten. Fast 47 Prozent mehr.

Post verspricht Besserung

Bei Marianne Sonder mehren sich die Anfragen von empörten Kunden. Sie führt die unabhängige Schlichtungsstelle Ombud-Postcom. «Wer sich gegen die Gebühren wehren will, muss eine komplizierte Zollveranlagungsverfügung anfechten», sagt Sonder. «Die Anleitung dafür ist alles andere als kundenfreundlich.»

Sonder selbst sind die Hände gebunden. «Die Schlichtungsstelle darf von Gesetzes wegen nur in zivilrechtlichen Angelegenheiten tätig werden», sagt sie. «Die Gesuche bezüglich Anfechtung der Zollgebühren darf ich daher nicht ­behandeln.» Sonder hat jedoch die Post auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Diese wird die Angelegenheit nun mit der Zollverwaltung prüfen.

In der Zwischenzeit weichen viele Schweizer auf das nahe Ausland aus, vor allem nach Deutschland. Sie lassen sich Waren an die Grenze liefern und führen sie dann eigenmächtig ein. Allein beim Anbieter Paketdepot Lörrach treffen aktuell täglich 1000 Pakete ein. Bis zum Jahresende werden es 150 000 gewesen sein. Die allermeisten Sendungen haben einen Warenwert unter 300 Franken. So können sie vom Empfänger gratis und unkompliziert über die Grenze gebracht werden.

Post gibt Verzögerungen zu

Angefangen hatte Geschäftsführer Edgar Geiger 2011 in der Garage. Heute beschäftigt er sieben Mitarbeiter. Zu den Kunden zählen längst nicht mehr nur Private. Auch Autowerkstätten lassen sich Ersatzteile liefern oder Universitäten Forschungsproben. «Die Schweizer stören sich nicht nur an den hohen Einfuhrgebühren, sondern auch daran, dass sie nie wissen, wie lange ein Paket beim Zoll hängen bleibt», sagt Geiger.

Wie lange Sendungen durchschnittlich beim Zoll liegen, ist ­statistisch nicht erfasst. Die Post räumt aber ein, dass es im November zu Verzögerungen kam. Laut Sprecherin Bühlmann wegen der riesigen Anzahl von Paketen und auch wegen Systemproblemen. «Die Rückstände konnten mittlerweile aufgearbeitet werden.» Unter anderem wurde das Personal im Dezember befristet um bis zu 30 Prozent aufgestockt. «Ausserdem sortiert die Post an zwei Samstagen vor Weihnachten zusätzlich Pakete», sagt Bühlmann.

Erstellt: 17.12.2017, 14:22 Uhr

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