Wie Pädophile in Sex-Chats das Gesetz umgehen

Ein Lehrer onaniert gemeinsam mit einem Jungen via Chat. Doch sexueller Kontakt im Netz ist nicht per se strafbar.

Bisher kein Offizialdelikt: Anmache in Chatrooms im Internet. Foto: Getty Images

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In einem Dorf im Kanton Zürich lebt ein Mann, Primarlehrer von Beruf, zur Tatzeit ohne Lehrerjob, der bis vor kurzem im Internet junge Buben suchte. Am 23. September 2016 nahm er Kontakt auf mit dem 13-jährigen Sandro. Die Chats über Skype ohne Kamera waren anfänglich harmlos. Doch schnell ging es dem Mann um Sex. Er bat den Jungen, sich sexuell zu berühren und ihm dies per Chat zu beschreiben.

Am 26. November 2016 beispielsweise dauerte die Konversation drei Stunden. Er gab dem 13-Jährigen genaue Anweisungen, wie er während dem gemeinsamen Onanieren vorgehen sollte. Er sagte dem Buben auch, dass es ihm gefallen hätte, ihm alles in den Mund zu spritzen, und fragte: «Dörfti dich blase?» Nach ein paar Monaten flaut der Kontakt ab, zu einem Treffen kam es nicht.

Identität dank Fotos verifiziert

Mit Sandro war der Ex-Lehrer an den Falschen geraten. Sandro ist ein Polizist, der sich als Kind ausgibt. Und die Ermittler haben in diesem Fall Glück: Der Mann hat Sandro während des monatelangen Chats unverfängliche Fotos von sich geschickt. Damit konnte seine Identität verifiziert werden. «Der Mann ist geständig», sagt die zuständige Zürcher Staatsanwältin Katrin Baumgartner.

So wie der Mann aus dem Kanton Zürich bewegen sich in der Schweiz tagtäglich Männer im Internet – auf der Suche nach Kindern, um ihre Sexgelüste zu befriedigen. Sandra Muggli ist Assistenz-Staatsanwältin im Kompetenzzentrum für Cybercrime bei der Zürcher Staatsanwaltschaft. Sie hat zum Thema eine Dissertation verfasst und als Strafverfolgerin schon viele Erwachsene im Netz bei der Kontaktsuche mit Kindern beobachtet: «Das geht innert Sekunden: Die Chatnutzer sprechen das Kind an, fragen ein oder zwei belanglose Sachen – und dann geht es bereits um Sex.» Muggli geht davon aus, dass der sexuelle Missbrauch im Netz heute ein vergleichbares Problem darstellt wie der «herkömmliche» Missbrauch.

Es fehlt eine klare Regelung

Je verbreiteter das Phänomen des Cyber-Grooming ist, wie diese Art von sexueller Anmache heisst, desto problematischer ist ein Umstand: Es ist unklar, inwiefern es strafbar ist, wenn es nie zu einem Treffen oder zum Austausch von strafbarem Bildmaterial kommt. Das Gesetz lässt Interpretationsspielraum. Muggli sagt: «Wenn ein Erwachsener im Netz über Chats Kinder schriftlich dazu animiert, sich sexuell zu berühren, und sich dabei befriedigt, ist es rechtlich umstritten, ob dies bereits ein ­verbotenes Verleiten eines Kindes zu einer sexuellen Handlung darstellt – oder ob dies erst der Fall ist, wenn der Täter zuschaut.»

Das wissen die Männer. Sie filmen keine Sexszenen und tauschen keine Bilder aus. Sie geilen sich aber daran auf, mit den Buben oder Mädchen sehr explizite Sex-Chats zu führen – schriftlich. Die Kontakte finden zum Teil über Monate statt, das Kind wird in eine Beziehung gelockt. Studien zeigen, dass über 50 Prozent der Männer, die ihre sexuelle Begierde mit Kindern im Netz befriedigen, kein Treffen im Auge haben.

Die beiden Rechtsexpertinnen Karin Fontanive und Monika Simmler kommen in einer Studie, die sie an der Universität St. Gallen verfasst haben, zum klaren Schluss: Das blosse unzüchtige Reden stelle nach Schweizer Recht keine sexuelle Handlung dar, da es dabei am Einsatz des Körpers fehle. Das gelte insbesondere für die Kommunikation in Chatrooms. Chats seien auch keine Pornografie. «Die Kommunikation in Chatrooms sind Livegespräche, die nicht vom Pornografie-Artikel im Gesetz erfasst sind», schreiben sie.

Knappe Mittel spielen Tätern in die Hände

Auch der Straftatbestand der sexuellen Belästigung hilft nicht weiter. Dazu braucht es heute eine Anzeige des Kindes. Es sei aber kaum vorstellbar, sagt Cybercrime-Spezialistin Muggli, dass ein Kind, das so angemacht werde, zu seiner Mutter gehe und sage, es wolle zur Polizei. Sie fände es deshalb sinnvoll, wenn speziell die sexuelle Belästigung von Kindern im Netz zum Offizialdelikt würde. Auch die St. Galler Wissenschaftlerin Simmler hält es für dringend, dass Cyber-Grooming in der Schweiz unter Strafe gestellt wird. In Deutschland, Frankreich und Österreich ist dies bereits der Fall.

Der Bundesrat und das Parlament haben einen Cyber-Grooming-Artikel im Gesetz bisher verworfen. 2014 hiess der Nationalrat das Anliegen zwar gut, doch der Ständerat lehnte es mit einer Stimme Unterschied ab. CVP-Nationalrätin Viola Amherd nimmt deshalb einen neuen Anlauf. Sie wird in der anstehenden Sommersession eine parlamentarische Initiative einreichen. Sie verlangt einen speziellen Grooming-Artikel und will, dass die sexuelle Belästigung von Kindern im Netz zum Offizialdelikt wird. «Es geht mir einfach nicht in den Kopf, dass Erwachsene mit einem Kind im Netz sexuellen Kontakt haben und das straflos bleibt. Die Kinder sind dem ausgeliefert und brauchen speziellen Schutz.» Die Organisation Kinderschutz Schweiz unterstützt beide Gesetzesvorschläge. Es gebe grossen Handlungsbedarf, die rechtliche Situation sei unbefriedigend, heisst es.

Derweil kämpfen die Ermittler mit einem weiteren Problem: «Eine grosse Herausforderung sind die fehlenden Ressourcen», sagt Stephan Walder, Co-Leiter des Zürcher Kompetenzzentrums Cybercrime. Es gebe in der Schweiz einzelne Behörden, die verdeckt in Chats solche Täter suchten. Aber die machten das nur, wenn es das Tagesgeschäft zeitlich gerade zulasse. Philipp Bongard, zuständig für das Kommissariat Sexualdelikte im Kanton Neuenburg, pflichtet bei: «Wir würden gern mehr machen, um diese Männer zu verfolgen, aber uns fehlen die Mittel.»

recherchedesk@sonntagszeitung.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2018, 23:02 Uhr

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