«Panik bei der Hasenpest ist fehl am Platz»

Bakteriologe Matthias Wittwer über eine infizierte Joggerin und die starke Zunahme von Ansteckungen.

Feldhase: Hat man nach einem Zeckenbiss geschwollene Lymphknoten, könnte die Hasenpest im Spiel sein. Foto: Getty Images

Feldhase: Hat man nach einem Zeckenbiss geschwollene Lymphknoten, könnte die Hasenpest im Spiel sein. Foto: Getty Images

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Die Hasenpest (Tularämie) breitet sich aus. In der Schweiz wurden im vergangenen Jahr 130 Personen angesteckt, 2016 waren es nicht einmal halb so viele. Das Nationale Referenzzentrum für Tularämie am Labor Spiez verfolgt die Situation. Der stellvertretende Leiter, Bakteriologe Matthias Wittwer, hat unlängst in einer aufwendigen Studie untersucht, wie die bei Nagern verbreitete Infektionskrankheit zunehmend auf den Menschen übertritt.

Eine Aargauer Joggerin ­infizierte sich vor kurzem, als sie von einem Mäusebussard angegriffen wurde. Wie häufig sind solche Hasenpest-­Ansteckungen?
Dieser Vorfall ist sehr ungewöhnlich. Schon dass der Bussard überhaupt einen Menschen angreift, kommt selten vor. Dass dann das Tier auch noch kurz vorher einen infizierten Nager geschlagen hat und der Erreger noch an den Krallen haftete, ist ein grosser Zufall. Bis jetzt kennt man Ansteckungen durch grosse Tiere vor allem von Jägern, die sich zum Beispiel bei einem erlegten Hasen am Blut angesteckt haben. Dabei braucht es nur gerade zehn Keime des Hasenpest-Bakteriums Francisella. Das ist extrem wenig im Vergleich etwa zu Salmonellen, bei denen es dafür 10'000 Keime braucht. Am häufigsten wird die Hasenpest jedoch durch Zecken übertragen.

Die Anzahl Fälle ist inzwischen ähnlich hoch wie bei der ­Zeckenhirnhautentzündung FSME. Sind diese beiden ­Infektionen ähnlich gefährlich?
Im Gegensatz zur Hasenpest kann man sich mit einer Impfung vor FSME schützen. Ohne ist die Zeckenhirnhautentzündung jedoch deutlich gefährlicher. Weil sie von einem Virus hervorgerufen wird, lassen sich nur die Symptome behandeln. Der Erreger der Hasenpest ist ein Bakterium, gegen das gängige Antibiotika wirken.

Wird eine Hasenpest-­Ansteckung in der Regel ­rechtzeitig entdeckt?
Die Sensibilisierung bei den Ärzten ist gestiegen. Wir sehen das an der Anzahl der Verdachtsproben, die uns zur Untersuchung geschickt werden. Zudem ist die Erregervariante, die bei uns kursiert, nicht so gefährlich. In den USA, wo die Krankheit um 1920 entdeckt wurde, ist eine viel gefähr­lichere Unterart im Umlauf.

Unbehandelt kann die Infektion tödlich enden. Sind in der Schweiz Todesfälle bekannt?
Nein. Bei unserer medizinischen Versorgung ist die Krankheit keine grosse Gefahr. Wenn die betroffene Person Jäger ist oder sonst Kontakt mit Wildtieren hatte, kommen die Ärzte oft schnell auf die richtige Diagnose. Bei Zeckenbissen kann es passieren, dass bei geschwollenen Lymphknoten oder gar einer Lungenentzündung nicht gleich optimal behandelt wird. Spätestens auf der Infektiologie im Spital werden solche Fälle aber in der Regel schnell erkannt.

Die Zahl der Infektionen bei Menschen hat massiv zu­genommen. Was ist der Grund?
Lange dachte man, dass die Hasenpest vor allem Jäger, Wild­hüter und zum Teil Landwirte betrifft. Inzwischen hat man jedoch festgestellt, dass Zecken bei der Übertragung am wichtigsten sind. Und Zeckenkrankheiten haben europaweit generell zugenommen. Wahrscheinlich wegen der Klimaerwärmung und weil sich das Freizeitverhalten verändert hat. Die Leute halten sich öfter im Freien auf.

Die Ansteckung durch einen Bussard-Angriff hat viele schockiert. Könnte es ähnlich wie bei der Tollwut sein, dass infizierte Tiere aggressiver sind und Menschen angreifen?
Nein. Bei der Tollwut greift der Erreger direkt das Hirn an und verändert so das Verhalten. Das ist bei der Hasenpest nicht der Fall. Grosse Tiere erkranken gar nicht. Und befallene Nager sind eher lethargisch und sterben. Dann werden sie auch schnell mal gefressen, weshalb es auch schwierig ist, abzuschätzen, wie häufig die Hasenpest bei diesen Tieren ist.

Gibt es Übertragungen von Mäusen auf Menschen?
Das kann es geben. Die Nager leben unter uns, zum Beispiel auf dem Bauernhof. Wenn ein Landwirt dann zum Beispiel den Heuschober putzt, kann es passieren, dass er mit dem Staub Mäusekot aufwirbelt und der Erreger auf ­diese Weise übertragen wird.

Dann sollte man auch vorsichtig sein, wenn man eine tote Maus im Keller findet oder die Katze eine nach Hause bringt.
Auf jeden Fall. Auch wegen an­derer übertragbarer Erreger. Vor allem sollte man nicht mit dem Blut der Tiere in Kontakt kommen. Grundsätzlich braucht es aber beim Menschen zusätzlich eine Eintrittspforte wie eine kleine Hautverletzung, durch die der Erreger in den Körper eindringen kann. Wenn man mal eine tote Maus am Schwanz hochhebt und entsorgt, besteht eigentlich keine Gefahr.

Wie ist es mit der Hauskatze, die eine Maus mit Hasenpest gefressen hat – kann die uns anstecken?
Von einem solchen Fall habe ich noch nie gehört. Es wäre ähnlich wie beim Mäusebussard. Die Katze müsste an den Krallen Blut einer Maus haben, die mit Hasenpest angesteckt war. Diese Wahrscheinlichkeit ist sehr klein. Im Allgemeinen sind Haustiere wie Hunde und Katzen nicht sehr empfänglich für die Krankheit.

In der Bodenseeregion soll die Hasenpest derzeit unter Feld­hasen grassieren. Besonders Hundehaltern wird geraten, deshalb vorsichtiger zu sein.
Es ist meiner Meinung nach nicht angebracht, sich deswegen anders zu verhalten. Panik bei der Hasenpest ist fehl am Platz. Das Risiko einer Ansteckung ist sehr gering. Bei den Zecken sind in der Schweiz nur gerade 0,02 Prozent Träger. Hingegen ist fast jede dritte Zecke Träger von Borreliose. Die Hasenpest ist etwas, an das man denken muss, wenn man von einer Zecke gebissen wird oder mit toten Wildtieren Kontakt hatte und danach Symptome wie geschwollene Lymphknoten oder Husten hat. Dann ist es sowieso eine gute Idee, einen Arzt aufzusuchen. Das ist keine neue Empfehlung.

Seit drei Jahren ist das Nationale Referenzzentrum für Hasenpest in Spiez. Wieso?
Wir haben uns schon davor mit Hasenpest beschäftigt. Der Grund ist, dass sich die gefährliche Francisella-Unterart aus den USA auf der Liste der biologischen Waffen befindet. Der Erreger, der bei uns vorkommt, würde sich hingegen nicht als B-Waffe eignen. Die Hasenpest ist aber auch eine meldepflichtige Krankheit, die vom Bundesamt für Gesundheit überwacht wird. Die Aufgabe des Labor Spiez als Referenzlabor ist es, den Nachweis des Erregers mit validierten Methoden sicherzustellen.

War die Hasenpest schon als biologische Waffe im Einsatz?
Im Zweiten Weltkrieg gab es beim Russlandfeldzug der Deutschen gehäuft Hasenpestfälle. Die Russen hatten damals tatsächlich grosse Mengen von Francisellen als ­B-Waffe hergestellt. Der Ausbruch könnte allerdings auch eine ganz andere Ursache gehabt haben. Um zu überleben, mussten die Soldaten damals Ratten und andere Wildtiere essen und könnten sich so vermehrt angesteckt haben. Aber es ist klar, dass sich der Erreger damals im Portfolio verschiedener Länder befand. Die Russen hatten riesige Lager von Francisellen als mögliche B-Waffen. Heute gibt es zumindest offiziell keine solchen Lager mehr.

Erstellt: 21.04.2018, 18:48 Uhr

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