Panikmache um Minuszinsen für Kleinsparer

Von Helden zu Buhmännern: Sind die Zentralbanker schuld an zu tiefen Zinsen?

EZB-Präsident Mario Draghi als Dracula: Die Zinsentschiede animieren Medien zu schrägen Vergleichen.

EZB-Präsident Mario Draghi als Dracula: Die Zinsentschiede animieren Medien zu schrägen Vergleichen.

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«Geld-Wahnsinn – So saugt Graf Draghila unsere Konten leer». Mit diesen Worten kommentiert die grösste Zeitung Deutschlands, «Bild», den Entscheid der Europäischen Zentralbank unter Leitung von Mario Draghi, den Negativzins von –0,4 auf –0,5 Prozent weiter in den negativen Bereich zu senken und ab 1. November monatlich An­leihen im Umfang von 20 Milliarden Euro zu kaufen. «Geldpolitischen Wahnsinn» nennt das die deutsche «Wirtschaftswoche», die NZZ schreibt von «Gift».

Der «Blick» startete am Donnerstag eine Serie: «Negativzinsen auf dem ­Vormarsch – Jetzt triffts auch die Kleinsparer!» Gemäss anonymen Quellen verlangen Banken schon «sehr bald» Negativzinsen für Kleinsparer. Doch dazu wird es so bald nicht kommen.

Wenn die Schweizerische Nationalbank am Donnerstag über ihren geldpolitischen Kurs entscheidet, wird sie die Negativzinsen wahrscheinlich nicht weiter senken. Der Franken hat sich inden letzten Tagen sogar abgeschwächt. Zwar diskutierten Bankenvertreter am Donnerstag anlässlich des Bankiertags in Zürich über eine mögliche konzertierte Aktion aller Banken, für Kleinsparer Negativzinsen einzuführen. Aber dagegen sprechen nicht nur wettbewerbsrechtliche Bedenken, wie eine kleine Umfrage unter zehn Banken zeigt.

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Die Banken sind sich bewusst, dass sie das Vertrauen der Kunden damit zerstören würden. Entsprechend vorsichtig äussern sich die Banken zur Frage, wie sie reagieren würden, wenn die Nationalbank am Donnerstag die Negativzinsen weiter senken sollte. «Es ist derzeit nicht geplant, Negativzinsen an die Kleinsparer weiterzugeben», heisst es bei der Basler Kantonalbank.

Raiffeisen Schweiz lässt verlauten, man verfolge «grundsätzlich den ­Ansatz, keine Negativzinsen an Privatkunden zu verrechnen». UBS, Migros-Bank und Zürcher Kantonalbank äussern sich nicht zu möglichen zukünftigen Szenarien. Postfinance, Raiffeisen oder Credit Suisse behalten sich An­passungen vor, sollten sich die Marktverhältnisse ändern.

Eher werden Belastungen für hohe Barbestände verschärft

Wer das Tabu bricht, geht ein hohes ­Risiko ein. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine der grösseren Banken hier vorangeht und den kleinen und mittleren Kunden Negativzinsen belastet», sagt Marc Andrey, Sprecher der Berner Bank Valiant. Wie empfindlich die Kunden reagieren, musste Postfinance erfahren, nachdem sie im letzten Herbst ihre Gebühren erhöht hatte. Innert weniger Monate verlor sie gegen 70 000 Kunden.

Eher werden die Banken bestehende Belastungen für hohe Barbestände bei vermögenden Privatkunden und ­Institutionellen je nach Qualität der Kundenbeziehung verschärfen. Derzeit belastet zum Beispiel Postfinance Guthaben ab einer halben Million mit besonderen Gebühren, die Migros-Bank tut dies ab einer Million Franken. Die Credit Suisse setzt bei Eurobeständen ab einer Million an.

Die UBS wird neu ab 1. November Privaten, die Barbestände von über 2 Millionen Franken halten, den Negativzins von –0,75 Prozent belasten. Bei Kunden mit grossen Euro-Barbeständen senkt sie die Schwelle von einer auf eine halbe Million, ab der sie 0,6 Prozent belastet.

«Ein massiver Eingriff in die Rentabilität unserer Banken.»Herbert Scheidt, Präsident der Bankiervereinigung

Negativzinsen versteht kaum jemand, der damit aufgewachsen ist, dass sich sparen lohnt. Dass sich Schuldner zu Nullzinsen Geld leihen können oder in Spezial­fällen gar dafür bezahlen lassen, scheint dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen. Dies untergräbt das Vertrauen in die Geldpolitik.

Zwar war die Nationalbank seit der Finanzkrise erfolgreich: stabile Preise, eine lang anhaltende günstige Konjunktur, tiefe Arbeitslosigkeit. Doch nun wird sie zunehmend verantwortlich gemacht für Anlageprobleme der Pensionskassen, steigende Immobilienpreise und Probleme der Banken.

Die 2 Milliarden Franken Negativzinsen, die sie der Nationalbank abliefern müssen, seien «ein massiver Eingriff in die Rentabilität unserer Banken», sagte Herbert Scheidt, Präsident der Bankiervereinigung, am Bankiertag. Die Belastung wird allerdings relativiert, wenn man weiss, dass allein die beiden Grossbanken im Durchschnitt der letzten zehn Jahre mehr Geld für Bussen und Vergleiche ausgegeben haben als die gesamte Branche im letzten Jahr für die Negativzinsen.

Tiefzinsphase dürfte noch länger anhalten

Letztendlich sind die tiefen Zinsen gar nicht in erster Linie den Zentralbanken anzulasten. Sie können diese in der langen Frist nicht dauerhaft beeinflussen. Die Talfahrt der Zinsen ist ein globales Phänomen und setzte schon Ende der 1980er-Jahre ein, lange vor den umstrittenen Massnahmen der Zentralbanken. Sie hat mit dem stark erhöhten Sparvolumen und der verlangsamten Investitionstätigkeit zu tun. Immer mehr Ersparnisse fliessen aus den Schwellenländern in den Westen, und die ­alternde Bevölkerung spart mehr für das Alter. Gleichzeitig wachsen die Investitionen langsamer, weil Dienstleistungen und die neuen Technologiekonzerne wie Apple oder Google viel weniger Kapital benötigen als alte Industrieriesen wie ABB. Ausserdem schmälert die schrumpfende Erwerbsbevölkerung das Wachstumspotenzial.

Es gibt kaum Anzeichen, dass sich an diesen strukturellen Entwicklungen in absehbarer Zeit viel ändern wird. Die Tiefzinsphase könnte also noch lange anhalten – und die Zentralbanken haben darauf wenig Einfluss. Negativ­zinsen sind nicht die Ursache des Problems, sondern das Symptom.



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Erstellt: 15.09.2019, 08:04 Uhr

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