Papageien sind die Cleversten

Von anderen Vogelarten unterscheiden sie sich ­genetisch wie Menschen von Primaten.

Blaustirnamazonen haben viele Talente. Foto: Getty

Blaustirnamazonen haben viele Talente. Foto: Getty

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Der Graupapagei Alex lebte 30 Jahre lang mit der US-amerikanischen Tierpsychologin Irene Pepperberg zusammen, die täglich mit ihm trainierte. In dieser Zeit lernte er auf sechs zu zählen, konnte Formen unterscheiden und sich mit einfachen Ausdrücken verständigen. Nach den insgesamt 19 Jahren Training konnte Alex angeblich insgesamt rund 200 Wörter aktiv verwenden und ungefähr 500 Wörter verstehen. Er konnte 50 verschiedene Objekte erkennen, sieben Farben und fünf Formen unterscheiden, verstand die Konzepte «grösser» und «kleiner», «gleich» und «verschieden». Er schaffte sogar, was Kleinkinder erst im zweiten Lebensjahr lernen: dass man Dinge verstecken kann und diese trotzdem noch da sind.

Alex ist nicht der einzige: Es gibt viele Papageien, die ihre Besitzer mit ihrer Intelligenz, ihren Fähigkeiten und ihrer Langlebigkeit beeindrucken. Die Natur habe diese erstaunlichen Kreaturen hervorgebracht, sagt der Neurowissenschaftler Claudio Mello von der US-Universität Oregon. «Wir müssen uns dann fragen, warum das geschehen ist.» Deshalb suchte Mello mit seinem Team im Genom der Blaustirnamazonen (Amazona aestiva), einer brasilianischen Papageienart, nach Hinweisen, was diese Vögel so schlau macht.

Die Forscher verglichen die Daten mit jenen Dutzender anderer Vogelarten und kamen zum Schluss, dass die Papageien in Sachen Intelligenz in der Vogelwelt die gleiche Stellung einnehmen wie die Menschen unter den Primaten: Papageien unterscheiden sich in ihrem Genom so stark von anderen Vögeln, wie sich Menschen von Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans unterscheiden. Die Evolution habe bei zwei so unterschiedlichen Lebewesen wie den Menschen und den Papageien ähnliche Lösungen gefunden, schreiben die Autoren in «Current Biology».

Papageien können bis zu 66 Jahre alt werden

Allgemein scheint bei Vögeln und anderen Tieren zu gelten: Je grösser und schwerer eine Art ist, umso länger lebt sie. Ein kleiner Vogel wie ein Fink hat eine Lebenserwartung von fünf bis acht Jahren, grössere wie Adler oder Kraniche können hingegen Jahrzehnte leben. Noch älter werden Blaustirnamazonen und andere Papageienarten. Sie können bis 66 Jahre alt werden, manchmal überleben sie sogar ihre Besitzer.

In seiner Analyse fand das Team um Mello heraus, dass diese Papageien und andere Vögel, die sehr alt werden können, im Genom an 344 Stellen Veränderungen aufweisen, welche die Lebenserwartung beeinflussen. Es handelt sich dabei um Gene, die unter anderem regulieren, wie der Körper Schäden an der Erbsubstanz repariert, wie er Krebserkrankungen verhindert oder das Zellwachstum kontrolliert.

«Wir denken, Papageien sind unser Pendant in der Vogelwelt.»Claudio Mello, Neurowissenschaftler

Von rund 20 dieser genetischen Veränderungen ist bekannt, dass sie bei anderen Tierarten auch für die Lebensdauer eine Rolle spielen. Wie genau sich die restlichen Gene auf die Lebensspanne anderer Tierarten auswirken, haben die Forscher nicht untersucht – künftige Studien könnten aber zeigen, ob diese Gene nur bei den langlebigen Vögeln oder auch bei anderen Tierarten relevant sind.

Papageien ragen nicht nur wegen ihrer Langlebigkeit aus der Vogelwelt heraus, sondern auch dank ihrer kognitiven Fähigkeiten. «Das sind wirklich sehr intelligente Tiere, und ihre Gehirne sind aussergewöhnlich gross», sagt Mello. «Wir sehen hier eine Parallele zum Menschen, der im Vergleich zu anderen Tieren auch ein grösseres Gehirn und weitergehende kognitive Fähigkeiten besitzt. Wir denken, Papageien sind unser Pendant in der Vogelwelt.»

Ähnliche Veränderungen im Genom

Das Forscherteam fand Änderungen im Genom der Papageien, die erstaunlich ähnlich sind zu Umgestaltungen, die den Menschen von anderen Primaten unterscheiden. Mello wollte genauer verstehen, was diese genetischen Änderungen bedeuten. Die Veränderungen bei den Papageien und beim Menschen beziehen sich nicht auf die Gene selbst, sondern auf bestimmte Regionen im Genom, welche die Aktivität benachbarter Gene regulieren, die Gene also ein- oder ausschalten. Die so regulierten Gene scheinen bei der Entwicklung des Gehirns und der Intelligenz eine Rolle zu spielen. Können diese Veränderungen das grosse, komplexe Gehirn der Papageien und deren viele Talente auch erklären?

Das liesse sich nur herausfinden, indem man die einzelnen Aspekte genauer untersucht. Was das Alter betrifft, so ist dieses relativ einfach zu quantifizieren, und es ist auch eher einfach zu beobachten, wie es durch verschiedene genetische Schalter beeinflusst wird. Viel schwieriger lässt sich beurteilen, wie das temporäre Ein- und Ausschalten kleiner genetischer Schalter die Grösse des Papageiengehirns beeinflusst – oder welche Auswirkungen das auf die Fähigkeit der Papageien hat, die menschliche Sprache nachzuahmen.

Die entdeckte Parallele zwischen Mensch und Papagei ist noch in einer anderen Hinsicht interessant: Indem Forscher die Besonderheiten in den genetischen Veränderungen von Papageien und Menschen untersuchen, könnten sie künftig auch das Phänomen der sogenannten konvergenten Evolution besser verstehen: Warum entwickeln nicht näher verwandte Arten analoge Merkmale? Vielleicht kennt die Evolution nur einen Weg, der zu komplexen Hirnstrukturen und fortschrittlichen kognitiven Fähigkeiten führt, wie man sie bei Papageien und Menschen findet. Vielleicht gibt es aber auch mehrere evolutionäre Pfade, die solch komplexe Kreaturen in verschiedenen Bereichen des Tierreichs hervorbringen können.

Erstellt: 02.03.2019, 20:23 Uhr

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