Paris brennt, und Trump triumphiert

Wie Hoffnungsträger Macron es fertiggebracht hat, innert 19 Monaten alle gegen sich aufzubringen und zu Frankreichs Albtraum zu werden.

Donald Trump im gilet jaune. Illustration: Kornel Stadler

Donald Trump im gilet jaune. Illustration: Kornel Stadler

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Wer hätte das gedacht: Gerade mal 19 Monate ist es her, seit rund zwei Drittel der Franzosen den erklärten Proeuropäer Emmanuel Macron zum neuen Präsidenten wählten. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ein halbes Jahr zuvor und dem Brexit-Votum vom Sommer 2016 war dies das vom Establishment und allen Linken sehnlichst erhoffte Signal gegen den Populismus.

Seither konnte man jeden Tag eine neue Episode von Trumps Chaos-Regentschaft in Washington lesen, jede Woche gab es einen Skandal wegen seiner Russland-Kontakte. Mittlerweile sind die US-Zwischenwahlen vorbei, und Trump hat sie verloren – so wie praktisch jeder US-Präsident vor ihm.

In Frankreich geschah nichts dergleichen. Macron gewann nach den Präsidentschaftswahlen auch noch die Parlamentswahlen haushoch. Er kann von Paris aus durchregieren. Letztes Jahr brachte er es fertig, das Arbeitsrecht zu reformieren, trotz Protest der Gewerkschaften. Auch die Eisenbahner mussten eine Erhöhung ihres grotesk tiefen Rentenalters hinnehmen. Und es schien sogar, als ob sich die Wirtschaft Frankreichs wenigstens ein bisschen erholen und die Arbeitslosigkeit ein bisschen zurückgehen würde. Skandale gab es kaum.

«Macron ist zum Albtraum all jener geworden, die genau das verhindern wollten.»

Und nun dies: Seit Wochen machen in Frankreich Hunderttausende mit bei gewalttätigen Demonstrationen gegen Macron. Entzündet hat sich die Revolte an einer geplanten Erhöhung der Treibstoffpreise. Eine Massnahme gegen den Klimawandel, eine Massnahme, die man eigentlich weltweit ergreifen müsste, wenn man den Pariser Vertrag einhalten will. Eine Massnahme, die Macron Anfang Woche auf Druck der Strasse zurückgenommen hat. Und trotzdem brennt es weiter in Paris.

In Washington hingegen sind die Demonstrationen gegen Trump längst Vergangenheit. Er selber ist nicht gerade populär, aber immer noch 44 Prozent der Amerikaner unterstützen ihn. Das war bei Obama auch nicht viel anders, und der Mann, bei dem die führenden Medien des Landes nach einem Monat im Amt bereits über ein Amtsenthebungsverfahren spekulierten, hat durchaus Chancen, wiedergewählt zu werden. Und er findet Zeit, hämische Tweets zu schreiben, bei denen er sich über Macron lustig macht.

Mit seiner Arroganz der Macht hat er es fertiggebracht, alle gegen sich aufzubringen.

Würde in Frankreich gewählt, dann könnte Macron gerade mal mit 23 Prozent Unterstützung rechnen, so sagen es zumindest die Umfragen. Und nachdem er Anfang Woche eingeknickt ist, wird er in Frankreich nicht mehr viel bewirken können. Macron hat es nicht geschafft, Koalitionen zu bilden und die Leute auf seinem Weg mitzunehmen. Stattdessen hat er sich in seinem Präsidentenpalast verschanzt, den grossen Auftritt in Versailles gesucht und die Steuern der Reichen gesenkt, statt sich die Sorgen der Leute anzuhören, die ihn gewählt haben. Mit seiner Arroganz der Macht hat er es fertiggebracht, alle gegen sich aufzubringen.

Wenn das so weitergeht, ist bald Marine Le Pen Präsidentin Frankreichs. Paris brennt, und Trump triumphiert – Der Hoffnungsträger Macron ist ein Albtraum für alle geworden, die genau dies verhindern wollten.

Erstellt: 08.12.2018, 21:56 Uhr

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