Pathos unter der Discokugel

Mit Vendredi Sur Mer schickt sich wieder mal eine Schweizerin an, Frankreich zu erobern. Dieses Mal mit schwüler Discomusik.

Verdreht den Franzosen den Kopf: Charline Mignot.

Verdreht den Franzosen den Kopf: Charline Mignot. Bild: PD

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Es kommt nicht von ungefähr, dass die Achtzigerjahre landläufig als das Jahrzehnt des minderwertigen Geschmacks abgebucht worden sind. Während sich im Untergrund Post-Punk und New Wave austobten und wilde Blüten trieben, etablierte sich im Mainstreampop ab Mitte des Jahrzehnts ein leicht lähmender Hochkonjunktur-Chic: Man tanzte zu Digitalsynthesizerpop im Neonlicht, schwitzen war eher verpönt, Discokugel und Dauerwellen wurden mit Trockeneis eingenebelt und die leicht unterkühlten Barkeeper servierten reichlich überzuckerte Mischgetränke zum Soundtrack von Matt Bianco oder Nik Kershaw.

In den Achtzigerjahren wäre auch die Musik von Vendredi Sur Mer in Discotheken gespielt worden, die nach heutigem Stand der musikalischen und modischen Aufgeklärtheit wohl als eher unapart durchgehen würde. In ihren Songs türmen sich Schwaden von Synthesizer-Kitsch auf, der Discotakt ist schmucklos in bejahrte Rhythmusmaschinen programmiert, sogar Querflöten-Erotik wird geboten, gut möglich, dass auch sie aus dem Digitalsynthesizer stammen. Und zu all dem vollführt die Dame am Mikrofon einen leicht pathetischen Sprechgesang, der vom Vortragsgebaren her an eine gefühlige Gedicht-Rezitiererin gemahnt.

Das klingt ja furchtbar, wenden nun erste Skeptiker ein. Ist es aber nicht! Es ist stellenweise sogar ziemlich umwerfend.

Im November ein Auftrittim altehrwürdigen Olympia

Vendredi Sur Mer ist das Projekt der Genferin Charline Mignot, die sich vor zwei Jahren nach Paris aufgemacht hat und seither mit ihrer schwülen Discomusik den Franzosen den Kopf verdreht. Nun hat sie ihren ersten Longplayer veröffentlicht und damit innert kürzester Zeit siebenstellige Streamingzahlen erreicht. Es gibt Auftritte im TF1-Fernsehstudio und Aufmacher in der «Vogue», und im November dieses Jahres darf sie sogar im altehrwürdigen Olympia in Paris auftreten.

Das wäre kaum möglich, würde Vendredi Sur Mer bloss in 80s-Disco-Klischeekisten kramen. In den besten Momenten steigen aus dem süsslich riechenden Bodennebel überaus hübsche Ohrwurm-Melodien empor. Dann entfalten diese Lieder einen entwaffnenden Charme, dann werden Reminiszenzen an die Semi-Erotikklassiker der französischen Musikgeschichte wach, im ungefähren Spektrum zwischen Gainsbourg/Birkin und Guesch Patti.

Ausgangspunkt ihrer Musik sei die Sinnlichkeit, hat sie kürzlich in einem Interview erwähnt. «Sie ist der einzige Ort, an dem ich es schaffe, so zu sein, wie es mir in meinen Träumen vorschwebt.» Doch da der Weg zu dieser Sinnlichkeit zuweilen auch ein bisschen steinig sein kann, handeln ihre Lieder nicht nur von fleischlicher Lust, sondern ebenso oft von zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten und trotzigem Spott: «Elle fait pleurer les garçons / Et elle a bien raison» singt sie in einem der besten Songs des Albums («Larme à gauche») in der Rolle der beobachtenden Femme fatale. Sie habe ihre Trennungen zu Songs gemacht, sagt sie, und sie freue sich darüber.

Genau wie die Literatur, von der sie sich inspirieren lässt, von keinem sonderlich unbeschwerten Liebesleben zeugt: Marie-France Hirigoyen hat Anleitungen zum Alleinsein verfasst, Edouard Louis hat sexuelle Gewalterfahrungen literarisch verarbeitet, und Georges Perec hat finstere Utopien einer Welt gezeichnet, in der es nur Gewinner oder Verlierer gibt.

Diese dunklen Seiten finden sich erst im Kleingedruckten des neuen Vendredi-Sur-Mer-Albums, dessen Cover eine prächtig gekämmte Charline Mignot in rosarotem Gewand auf einem muschelförmigen Thron zeigt. Eine Ambivalenz zwischen Kitsch und Kunstanspruch, welche die Sängerin ganz offensichtlich zu amüsieren scheint.

Vendredi Sur Mer: «Premiers émois» (Profil de Face)

Dabei ist die Musik eigentlich bloss ein Kollateralprodukt im Leben der Charline Mignot. Sie arbeitete als Fotografin, als ihr die Idee kam, für ein Fotoshooting einen Text zu vertonen, der ihr geeignet für das Setting erschien. Nachdem ihr erster Song erstaunlich viel Aufsehen erregt hatte, legte sie einen zweiten nach, der sogleich von der Modedesignerin Sonia Rykiel für eine Modeschau benutzt wurde.

Auch als Fotografin sorgt sie für Aufsehen.

Es scheint, dass diese 24-Jährige mit so ziemlich allem, was sie tut, einen Nerv trifft. Während ihre Musikkarriere langsam in die Gänge kam, wurde sie als das nächste grosse Talent der französischen Modefotografie gehandelt. Ihren Fotografien ist etwas Entrücktes eigen. Die Models wandeln traumartig durch die Szenerie, gelacht wird selten, es dominiert eine sonderbare Melancholie in einer sorgfältig stilisierten Welt. Sie visualisieren also ziemlich genau das, was Vendredi Sur Mer auf ihrem ersten Album zu Musik macht.



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Erstellt: 20.04.2019, 16:41 Uhr

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