«Pavarotti sorgte für den Wein, ich kümmerte mich ums Essen»

Der 87-jährige Stardirigent Nello Santi über Diven, junge Regisseure und Pop-Musik.

«Wenn die Musik da ist, fühle ich mich jung»: Nello Santi im Spiegelsaal des Opernhauses Zürich. Fotos: Sebastian Magnani

«Wenn die Musik da ist, fühle ich mich jung»: Nello Santi im Spiegelsaal des Opernhauses Zürich. Fotos: Sebastian Magnani

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Opernhaus Zürich. Vor über 60 Jahren hat Nello Santi hier zum ersten Mal dirigiert. Unter dem grossen Spiegel nimmt der 87-jährige und über 100 Kilo schwere Stardirigent Platz («Ich war auch schon 135 Kilo!»). Und beginnt sogleich zu trällern. «O luce di quest’anima» aus Donizettis «Linda di Chamounix». Immer wieder lacht er herzhaft, imitiert einzelne Instrumente, summt und singt aus den über 80 Opern, die er schon dirigiert hat.

Wie muss man einen Stardirigenten anreden? Maestro? Cavaliere?
Nein, nein. Kein Stardirigent! Einfach Signore Santi. Aber ja, ich bin Cavaliere della Repubblica Italiana. Eine grosse Ehre. Wo haben Sie Musik studiert?

Ich habe zwar studiert, aber leider nicht Musik.
Aber Sie spielen ein Instrument?

Ein bisschen Klavier. Sie hingegen beherrschen eine ganze Reihe von Instrumenten.
Na ja. Die Trompete liebe ich sehr. Und im Orchester habe ich früher auch das zweite Horn, Pauke, Bratsche und die zweite Geige gespielt. Am besten aber beherrsche ich die Türglocke und die Autohupe. (lacht herzhaft)

War eine Karriere als Solist nie eine Option?
Nein. Ich beobachte lieber das Spiel der anderen. Wenn ich Solist wäre, könnte ich mir nicht selber zuschauen.

Wann haben Sie sich entschieden, Dirigent zu werden?
Das weiss ich noch genau. Es war in den Sommerferien in Recoaro. Dort habe ich zum ersten Mal eine Oper gesehen: Verdis «Rigoletto». Und ich wusste, ich wollte Dirigent werden. Das war 1935, ich war vier Jahre alt. 16 Jahre später habe ich zum ersten Mal dirigiert. Den «Rigoletto» in Padua.

Sie wohnen in Zürich und in Flims, aber dirigieren auf der ganzen Welt. Reisen Sie immer noch so viel?
Das gehört natürlich zu meinem Beruf. So richtig sesshaft war ich ja eigentlich nie mit meinen Engagements in Hamburg, in Mailand oder als Direktor des Radio-Sinfonieorchesters Basel. Aber jetzt in meinem hohen Alter bin ich nicht mehr so viel unterwegs. Und lange Reisen, etwa nach Japan, wo ich früher oft und gern dirigierte, sind mir zu anstrengend. Es ist nicht mehr so leicht, dieses Spiel ohne Grenzen. (lacht wieder)

Fahren Sie noch Ski, wenn Sie in Flims sind?
Ich bin noch nie auf Ski gestanden, fahre nicht einmal mit der Gondel. Ich habe höchstens als Kind mit Schneebällen gespielt. Und im Winter ziehe ich die Mietwohnung in Zürich vor, die nicht weit vom Opernhaus im Seefeld-Quartier liegt, oder unsere Wohnung bei Nizza. Zu viel Schnee macht mir Angst.

Ist das Alter ein Handicap? «Lucia di Lammermoor», die Sie jetzt am Zürcher Opernhaus dirigieren, dauert rund drei Stunden, während deren Sie am Dirigentenpult stehen.
Das geht schon. Wenn die Musik da ist, fühle ich mich jung. Es steht auch ein Stuhl bereit, falls es doch zu anstrengend werden sollte.

Und wie steht es um Ihr fotografisches Gedächtnis, das ja legendär ist?
Das habe ich immer noch, ja. Aber man spürt natürlich auch hier das Alter. Vergessen Sie nicht, ich bin 1931 geboren!

Dirigieren Sie immer noch auswendig und ohne Partitur – ebenfalls ein Markenzeichen von Ihnen?
Sagen wir: meistens.

Vor 60 Jahren haben Sie die «Lucia» ebenfalls am Opernhaus dirigiert . . .
Ja, 33-mal, von Januar bis Juni. Es war übrigens die erste Oper, die in Zürich in der italienischen Originalsprache gesungen wurde. Ein Jahr vorher hatte ich mein Debüt gegeben mit «Die Macht des Schicksals» – «La forza del destino» von Giuseppe Verdi. Auf Deutsch!

Konnten Sie als junger italienischer Dirigent überhaupt Deutsch?
Ich hatte keine Ahnung von der Sprache! Mir wurde das deutsche Libretto gezeigt, und da stand der erste Satz aus der Arie des Marchese: «Gute Nacht, meine Tochter, begib dich zur Ruhe.» Ich habe nichts verstanden, das Buch zugeklappt – und zugesagt.

Wie wichtig ist der Text in einer Oper?
Der Text spielt eine sehr grosse Rolle. Aber auch die Tradition und das Wissen über einen Komponisten. Dies macht erst die Oper aus. Es gibt keine Oper ohne Tradition, sonst wird der ganze Abend zu einem Solfeggio.

Solfeggio?
Das ist eine bestimmte Tonlehre, bei der man kurze Silben schnell aneinanderreiht, um das Gehör und den Gesang zu trainieren. (singt) Dododo, rerere, mimimi. Dies ist allerdings nur in lateinischen Sprachen möglich. Auf Deutsch funktionieren diese Tonübungen nicht.

«Ich halte nichts von modernen Operninszenierungen. Der Regisseur sollte das umsetzen, was der Komponist aussagen wollte.»

Sie sprechen von Tradition. Was halten Sie von modernen oder aktualisierten Operninszenierungen?
Gar nichts! Der Regisseur soll das umsetzen, was der Komponist aussagen wollte. Viele junge Regisseure machen aber etwas völlig anderes. Und ruinieren damit das ganze Werk. Sie löffeln quasi die Nahrung in die Ohren rein. Aber man muss mit dem Mund essen!

Bedeutet Tradition auch, dass man wieder auf den alten Instrumenten spielt, wie das etwa der Dirigent Nikolaus Harnoncourt propagierte?
Nein, das ist nur ein grosser Bluff, denn die neuen Instrumente sind viel besser, viel perfekter als die ­alten. Ausser vielleicht eine Geige von Stradivari.

Und welche Rolle spielt der Dirigent in einer Oper?
Auch für ihn gilt, das zu machen, was der Komponist wollte. Basta! Viele Dirigenten machen aber einfach Solfeggio – Tonübungen.

Eine ketzerische Frage: Braucht ein etabliertes Top-Orchester überhaupt noch einen Dirigenten?
Allora, wenn das Orchester die Oper mit mir eingeübt hat, wäre auch eine Vorstellung ohne Dirigent denkbar. Die Musiker sind gut genug. Entscheidend ist aber, dass der Dirigent den Klang des Orchesters bestimmt. Das ist sehr wichtig. In London habe ich einmal sechs «Aida»-Aufführungen nacheinander dirigiert. Das New Philharmonia Orchestra konnte aber eine der Aufführungen nicht spielen. So habe ich die dritte Vorstellung mit einem anderen Orchester bestritten. Und keiner hat bemerkt, dass das Orchester ausgetauscht wurde.

Für dieses Orchester war das kein Problem?
Na ja, die «Aida» ist ja nicht so schwer. Und beide Orchester hatten mit demselben Orchester­material gespielt. Mit meinem ­Orchestermaterial.

Wie bringen Sie diesen Klang in ein Orchester?
Dazu muss man vor allem die Instrumente kennen. Die Streicher sind die Lunge in einem Orchester, sie müssen herauskommen. Und die Bläser dürfen nicht zu laut sein – das ist eine Katastrophe.

Sind Sie autoritär?
(überlegt lange) Sehr. (und lacht schallend) Was ich will, das will ich. Vielleicht bin ich manchmal etwas böse zu den Musikern. Viel wichtiger aber ist es, nicht böse zum Komponisten zu sein.

Fliegt ein Musiker aus dem Orchester raus, wenn er nicht gut genug ist?
Nein, nein. Das muss nicht sein. Denn wenn ich ihn rauswerfe, spielt er nicht besser, sondern nicht mehr. Ein Dirigent muss sanft sein. Er muss sagen, sì, das ist eine Idee, vielleicht könnte man es aber auch anders spielen. Man muss sorgfältig korrigieren. Das ist Psychologie. Wenn man mit dem Holzhammer kommt, ist der Kampf schon verloren.

Und wie gehen Sie mit den Primadonnen um?
Das ist kein Problem, die grossen Sängerinnen und Sänger sind immer sehr gut vorbereitet. Im letzten Herbst dirigierte ich Verdis «La Traviata» mit Anna Netrebko an der Scala in Mailand. Sie kam zur Probe und sang perfekt. Ich kenne die «Traviata» von Verdi, Netrebko auch! Es gab keine Diskussion. Wir verstanden uns sofort. Wenn die richtigen Leute kommen, ist es immer eine grosse Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Spielten Sie auch mit Pavarotti?
Veramente! Pavarotti war ein enormer Tenor. Wir waren zusammen an der Metropolitan Opera in New York und in Paris.

War er schwierig?
Nein, nein! Luciano war ein guter Freund von mir. Manchmal waren wir nach der Oper bis zwei Uhr in der Nacht auf meinem Zimmer. Er sorgte für den Wein, ich kümmerte mich ums Essen.

Funktioniert das Zusammenspiel mit den Stars immer so gut?
Na ja, meistens. Aber wenn eine Sopranistin auf Konflikt geht, funktioniert es nicht. Mit der weltberühmten Joan Sutherland hatte ich einmal Bellinis Oper «Sonnambula» geprobt, und sie sagte mir, das Tempo sei ihr zu langsam. Na ja. Man fragte mich dann, ob ich Renata Scotto kenne. Ich sagte, selbstverständlich. Mit ihr hatte ich schon oft zusammengearbeitet, aber noch nie in der «Sonnambula». Es wurde eine kurzfristige Probe einberufen, doch ich sagte, ich brauche keine Probe mit Renata Scotto, weil sie die Opern von Bellini so kennt wie ich. Und so spielten wir ohne Probe. Es wurde eine wundervolle Aufführung.

Wer singt die Lucia in der jetzigen Inszenierung am Opernhaus?
Es sind zwei Besetzungen. Mit der einen, Venera Gimadieva, habe ich schon zusammengearbeitet. Die zweite kannte ich bis jetzt nicht. Aber es sind beides hervorragende Sopranistinnen. Kein Problem. Ein paar Proben genügten.

Eines der bekanntesten Lieder in «Lucia di Lammermoor» ist die Wahnsinnsarie. Sie gilt als die schwierigste Arie überhaupt.
Sie ist sehr schwer, das stimmt.

Wie viel Sängerinnen können sie singen?
Nicht so viele . . . Ich weiss nicht, vielleicht ein Dutzend?

Haben Sie schon einmal erlebt, dass eine Sängerin die Töne nicht getroffen hat?
Nein, das muss man eigentlich vorher abklären. Wenn eine Sängerin die «Lucia» im Repertoire hat, muss sie diese Arie beherrschen. Dann gibt es auch keine Überraschungen. Dazu kommt, dass ein falscher Ton vielleicht eine Reaktion beim Publikum auslöst, für einen kurzen Moment. Wenn hingegen ein Dirigent schlecht ist, macht er alles kaputt, die ganze Oper.

Gibt es heute genügend gute Sängerinnen und Sänger?
Es gibt viele neue Sängerinnen, etwa in Osteuropa oder in Asien, die ich aber nicht kenne. Bei vielen fehlt jedoch die Persönlichkeit. Die Technik beherrschen sie zwar, aber genauso wichtig ist, dass man sich mit der Rolle, zum Beispiel eben der Lucia, identifiziert.

Technik allein reicht also nicht?
Die Koloraturen muss eine Sängerin natürlich beherrschen. In der Wahnsinnsarie heisst es zum Beispiel nicht «spargi d’amore pianto», sondern «spargii». Diese zwei I muss man singen können. (singt es vor) Und wenn man das nicht kann, tönt es schlecht.

Was hat sich verändert, seit Sie 1958 zum ersten Mal am Opernhaus Zürich dirigierten?
Tutto! Es hat sich alles völlig verändert. Aber nicht nur in Zürich, auch an der Scala in Mailand, dem Teatro Fenice in Venedig, in Florenz, Bologna, Neapel.

War es früher besser?
Naturalmente. Bei weitem, per l’amor di Dio! Die Leute waren alle bestens vorbereitet. Radio und Fernsehen übertrugen viele Opern. Ich war ja zehn Jahre lang Musikdirektor des Radio-Sinfonieorchesters Basel. Und heute? Nichts! Alles muss schnell gehen. Niemand hat mehr Zeit. Kürzlich habe ich in Toronto «Don Pasquale» gesehen. Sie spielen Opern dort, das ist gut. Aber es war alles flach, tutto quadrato. Keine emozioni, keine musica, nichts!

Woran liegt das?
Ein Grund dafür ist sicher, dass es keine richtige Dirigentenausbildung mehr gibt. Die einzige Möglichkeit ist, sich alte Platten anzuhören und so das Handwerk zu lernen. Verdi hat einmal gesagt: «Torniamo all’antico e sarà un progresso» – «wenn wir uns der Antike zuwenden, wird das ein Fortschritt sein.» Denn plötzlich gab es keine Komponisten mehr in Italien. Bellini, Donizetti, Rossini – alle waren gestorben. Es blieb nur noch Verdi. Er hat das Beste gemacht, solo. Er hat kopiert oder, besser gesagt, liess sich inspirieren von den früheren, grossen Komponisten.

Unterrichten Sie?
Nein. Aber viele angehende Dirigenten rufen mich an. Meine Frau meinte, ob ich jetzt schon Stunden am Telefon gebe! Ich lasse Studenten aber oft zu Proben zu, was viele meiner Kollegen nicht machen. So bekommen sie einen Eindruck davon, wie ich arbeite. Und können dieses Wissen vielleicht einmal weitergeben.

Hören Sie auch Pop- oder Rockmusik?
Nein, nein. Das ist doch völlig unnützes Zeug. Das ist keine Musik. Die spinnen, die Leute, die solche Musik machen. Da gilt das berühmte Zitat von Hamlet: «To be, or not to be.»

Welche Musik haben Sie auf Ihrem Handy als Klingelton?
Ich habe kein Handy . . . «Torniamo all’antico e sarà un progresso», kann ich da nur wiederholen.

Welche Oper möchten Sie noch einmal im Leben dirigieren?
Ich weiss nicht. Ich habe ja schon so viele Opern dirigiert. Fast alle Opern von Verdi, von Donizetti, dann die französischen Opern, die deutschen. Ich denke, so gegen 80 Opern habe ich schon im Repertoire. Mit dem Opernhaus Zürich habe ich jetzt aber einen Vertrag abgeschlossen und werde im Jahr 2020 «L’elisir d’amore» – «Der Liebestrank» von Donizetti dirigieren. Mein Gott, 2020!

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Wenn ich sterbe, müssen die anderen Angst haben, die da oben!

Zu Ihrem 80. Geburtstag haben Sie den «Rigoletto» im Opernhaus dirigiert. Welche Oper gibt es in gut zwei Jahren zu Ihrem Neunzigsten?
Vielleicht nochmals «Rigoletto», warum nicht? Damit hat ja alles ­begonnen.

Erstellt: 24.02.2019, 11:19 Uhr

Der Maestro mit Schweizer Pass

Nello Santi gehört zu den weltweit bekanntesten Dirigenten. Er war an allen grossen Opern tätig – von der Mailänder Scala über die Metropolitan Opera in New York bis zum Nationaltheater in Tokio. Bereits mit vier Jahren wusste er, dass er Dirigent werden wollte und debütierte als 20-Jähriger in Padua mit Verdis «Rigoletto». 1958 dirigierte er zum ersten Mal am Zürcher Opernhaus. Von 1958 bis 1969 war er dessen Musikdirektor. ­Bekannt wurde er in der Schweiz auch mit dem Radio-Sinfonieorchester Basel, das er von 1986 bis 1994 leitete. 1975 bekam er den Schweizer Pass. Nello Santi wohnt in Zürich und Flims. Zusammen mit seiner Frau Gabrielle hat er drei Kinder. Seine Tochter Adriana Marfisi gehört zu den grossen Sopranistinnen und tritt immer wieder zusammen mit ihrem ­Vater auf. Noch bis 19. März dirigiert Nello Santi am Opernhaus Zürich ­Donizettis Belcanto-Oper «Lucia di Lammermoor».

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