Pflegerin wegen fahrlässiger Tötung in Behindertenheim angeklagt

Ein 30-Jähriger ertrank in der Badewanne. Seiner Betreuerin droht ein Schuldspruch. Gewerkschaften warnen, dass viele Angestellte überlastet sind.

Auf sich allein gestellt: Laut Gewerkschaften ist in vielen Pflegebetrieben das Personal knapp (Symbolbild). Foto: Getty Images

Auf sich allein gestellt: Laut Gewerkschaften ist in vielen Pflegebetrieben das Personal knapp (Symbolbild). Foto: Getty Images

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Samstag, 20.10 Uhr. Dann, wenn andere ihr Wochenende geniessen, arbeitet Maya* im Wohnheim, betreut dort Menschen mit Behinderung. Zum Beispiel Beat*, der gerne ein Bad nehmen will. Die Betreuerin willigt ein. Sie platziert einen Stuhl so, dass sie die Wanne immer im Blick haben kann.

Trotzdem gerät der 30-Jährige unter Wasser. «Was von der Beschuldigten indes nicht beziehungsweise viel zu spät wahrgenommen wurde, obschon sie es aufgrund ihrer Sitzposition und der Verpflichtung, immer Sichtkontakt aufrechtzuerhalten, sofort hätte bemerken müssen.» So steht es in der Anklageschrift. Diese hält auch fest, wie Maya Reanimationsversuche unternahm, die Sanität und den Notarzt alarmierte. Dennoch sei der Geschädigte noch im Wohnheim verstorben.

Schuldig oder nicht? Darüber wird das Bezirksgericht Hinwil entscheiden müssen. Der Fall wirft aber auch weitere Fragen auf. Maya war an jenem Augustabend vor zwei Jahren «allein verantwortliche Pflegerin in der Wohngruppe». Neben Beat musste sie gemäss Anklage eine zweite Bewohnerin betreuen sowie «eine im Rollstuhl sitzende Bewohnerin aus einer anderen Wohngruppe». Wie hätte sie gleichzeitig den Badenden stets im Blickfeld behalten sollen? Spielte auch die Personal­situation eine Rolle beim Unglück?

Die Stiftung Züriwerk, verantwortlich für das Wohnheim, spricht von einem tragischen Todesfall. «Dieser geht uns immer noch sehr nahe», sagt Direktor Reto Fausch. Man wolle nicht spekulieren. «Die Ermittlungen sind Sache der Staatsanwaltschaft, die wir vollumfänglich dabei unterstützt haben. Denn auch wir wünschen Klarheit», sagt Fausch. «Wir gewährleisten, dass zu jeder Zeit die benötigten Personalressourcen vorhanden sind.»

Neun von zehn Pflegenden haben zu wenig Zeit

Unabhängig vom vorliegenden Fall: Für Gewerkschafter ist klar, dass es in vielen Institutionen zu Engpässen kommt. «Wir hören immer wieder, wie angespannt die Personalsituation ist», sagt Samuel Burri, Branchenverantwort­licher Pflege bei der Unia. «Gerade in der Nacht und an Wochenenden ist die Belegschaft extrem knapp. Dann können schon kleine Notfälle problematisch werden.» Vor einem Jahr befragte die Gewerkschaft über 2800 Personen aus den Bereichen Pflege und Betreuung. «87 Prozent gaben an, dass in ihrem Betrieb Personalmangel herrscht», sagt Burri. Gleich viele waren der Meinung, nicht genug Zeit für Bewohner zu haben.

Zum Teil mit fatalen Konsequenzen. «Vor einigen Jahren haben wir einer Angestellten Rechtsschutz erteilt, die ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung angeklagt war», sagt Pierre-André Wagner, Jurist vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Die Beschuldigte habe in einem Behindertenheim gearbeitet, in dem zwei Mitarbeiter bis zu 16 Personen gleichzeitig betreuen mussten. «Als sie eine schwer beeinträchtigte Frau nur kurz aus den Augen liess, fiel diese die Treppe hinunter und brach sich das Genick.» Das Gericht sprach die Angestellte schuldig. Wagner sieht sie als Sündenbock. «Schuld war eigentlich der Personalmangel», sagt er. «Man hätte die Institution oder den Kanton in die Verantwortung nehmen müssen.»

Unterkünfte für Menschen mit Behinderung sind meist von Stiftungen oder Vereinen geführt. Finanziert werden sie in der Regel über Kantone, die Leistungsvereinbarungen abschliessen. «Wir beobachten seit 15 Jahren, dass in diesem Bereich weniger öffentliche Gelder fliessen», sagt Christoph Schlatter, Zentralsekretär vom Verband des Personals öffentlicher Dienste. Fast alle Kantone müssten sparen. «Das trifft häufig den Pflegebereich. Und dort die Betreuung von Menschen mit Behinderung, weil diese keine grosse Lobby haben.» Dies zeige sich auch in der öffentlichen Diskussion. Der Personalmangel in der Alterspflege ist laut Schlatter immer wieder öffentliches Thema. «Bei Menschen mit Behinderung gibt es das gleiche Problem. Nur spricht kaum jemand darüber.»

«Wollen wir dem steigenden Bedarf gerecht werden, brauchen wir mehr Junge in der Ausbildung.»Peter Saxenhofer, Geschäftsführer Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung

Eigentlich wären die Institutionen gefragt. Die aktuellsten nationalen Daten stammen von 2015. Damals zählte der Bund 46 720 Klienten in Institutionen für Menschen mit Behinderung – ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor. Dieser Trend setzt sich laut Fachleuten fort. Weil die Bevölkerung insgesamt wächst und weil die Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung steigt.

Laut den Arbeitgebern ist die Situation für das Personal «noch nicht bedrohlich», sagt Peter Saxenhofer, Geschäftsführer vom Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung. «Unbestritten ist aber, dass ein Fachkräftemangel droht.» In der Branche stehe eine grössere Pensionierungswelle bevor. «Wollen wir dem steigenden Bedarf gerecht werden, brauchen wir mehr Junge in der Ausbildung.» Und das allein reiche nicht. «Es muss auch besser gelingen, das Fachpersonal im Beruf zu halten. Zu viele Angestellte verlassen die Branche nach relativ kurzer Zeit.»

Angeklagte zufrieden mit Arbeitsbedingungen

Eine Studie von 2018 untersuchte die Gründe. Das Schweizerische Observatorium für die Berufsbildung befragte über 150 ehemalige Pflegende, warum sie ihren Job aufgegeben haben. Jede vierte Person hatte zuvor Menschen mit Behinderung betreut. Im Fazit steht: «Fast alle berufsbedingten Ausstiegsgründe werden mit (knappen) Personal- und Zeitressourcen in Verbindung gebracht. Dabei werden folgende Haupttendenzen deutlich: Knappe zeitliche und personelle Ressourcen werden mit einer hohen beruflichen Be­lastung und Überforderung bis zur ­Erschöpfung und gesundheitlichen ­Problemen verbunden.»

War auch Maya überlastet? Am 1. November steht sie vor Gericht. «Bis dann kann ich mich noch nicht zu den Vorwürfen äussern», sagt ihr Verteidiger Simon Krauter. Mit den Arbeits­bedingungen in der Wohngruppe sei seine Mandantin aber zufrieden gewesen. Sie arbeite auch heute noch für die Stiftung Züriwerk. *Namen geändert

Alle Daten beziehen sich auf das Jahr 2015 und stammen vom Bundesamt für Statistik. Zahlen für spätere Jahre sind auf nationaler Ebene noch nicht verfügbar.



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Erstellt: 28.09.2019, 22:10 Uhr

In Zahlen

22

Prozent der gesamten Bevölkerung sind laut Schätzungen des Bundes Menschen mit Behinderung – dazu gehört gemäss Definition aber jegliche psychische oder physische Beeinträchtigung. «Stark eingeschränkt» sind demnach nur 4,4 Prozent.

46'720

Klienten zählen die Institutionen für Menschen mit Behinderung, das sind 34 Prozent mehr als im Jahr 2006.

2/3

der Angestellten in entsprechenden Institutionen sind gemäss Bundesamt für Statistik Frauen. Insgesamt sind 31'302 Vollzeitstellen besetzt.

527

Institutionen für Menschen mit Behinderung gibt es in der Schweiz, die meisten davon in Bern (123), Zürich (86) und im Tessin (39).

4,5

Milliarden Franken betragen die Betriebskosten der spezialisierten Institutionen
im Jahr, vom Wohnheim bis zur Werkstätte. Inbegriffen sind hier Angebote für Menschen mit Behinderung, Suchterkrankungen und auch psychosozialen Problemen.

38,4

Jahre alt sind weibliche Klienten im Durchschnitt, männliche 37,1 Jahre. Bei der deutlichen Mehrheit handelt es sich um Menschen mit geistiger Behinderung.





Alle Daten beziehen sich auf das Jahr 2015 und stammen vom Bundesamt für Statistik. Zahlen für spätere Jahre sind auf nationaler Ebene noch nicht verfügbar.

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