Pharma-CEO verteilte illegale Geschenke

Angestellte von Merz Schweiz wegen Vorteilsgewährung an Ärzte und unerlaubter Medikamentenwerbung verurteilt.

Medikamente gegen Alzheimer: Ein Forschungslabor des deutschen Pharmaunternehmens Merz in Frankfurt. Foto: DPA/Picture Alliance

Medikamente gegen Alzheimer: Ein Forschungslabor des deutschen Pharmaunternehmens Merz in Frankfurt. Foto: DPA/Picture Alliance

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Die Ermittler der Heilmittelbehörde Swissmedic fahren am 28. Februar 2013 in Allschwil BL vor. An der Grenze zu Frankreich hat der Schweizer Ableger des deutschen Pharmariesen Merz seinen Sitz. Der Konzern verkauft Alzheimer-Medikamente und Kosmetika. Die Bundesbeamten stellen in den Büros Akten sicher: Mails, Werbeunterlagen, Einladungsschreiben an Ärzte.

Die Hausdurchsuchung ist Teil eines über fünf Jahre dauernden Verfahrens gegen Angestellte des Pharmakonzerns, das nun abgeschlossen ist. Sechs frühere und aktuelle Mitarbeiter der Merz Pharma Schweiz AG werden zu Bussen verurteilt – unter ihnen Kaderleute wie CEO Martin Künzel, der den Schweiz-Ableger bis heute leitet. Swissmedic bestraft die Personen, weil sie illegal Werbung für Medikamente machten und Ärzte in ­unerlaubter Weise einluden.

«Umfangreichster Fall»

Das Urteil ist schweizweit einzigartig – und spektakulär. «Es ist sicher der umfangreichste Fall, den wir im Zusammenhang mit der Gewährung geldwerter Vorteile bei der Veranstaltung von Kongressen je hatten», sagt Andreas Balsiger Betts, Leiter des Bereichs Recht bei Swissmedic. «In der Regel waren im Rahmen unserer Strafuntersuchungen ein oder zwei Ärztekongresse betroffen, mehr nicht.»

Im vorliegenden Fall haben die Ermittler allein 15 Sachverhalte wegen Vorteilsgewährung geprüft. Für Balsiger Betts steht daher ausser Frage: «Das Vorgehen des Pharmaunternehmens hatte System, das muss man sagen.»

1000 Franken Honorar für eine simple Wortmeldung

Wie Merz-Angestellte die Ärzte mit «geldwerten Vorteilen» bedachten, zeigt ein Alzheimer-Kongress in Paris. Im Juli 2011 reisten 23 Ärzte auf Einladung von Merz zum Kongress. Das ist gang und gäbe – und erlaubt. Relevant ist, ob die Ärzte bei solchen «Geschenken» eine Gegenleistung erbringen oder einen Teil selber zahlen. Wenn die Ärzte etwa ein Referat halten, liegt in der Regel keine Vorteilsgewährung vor – dann haben sie Anspruch auf ein Honorar. Ist das jedoch nicht der Fall, liegt oft ein Gesetzesverstoss vor.

Die Paris-Reise kostete pro Arzt rund 3000 Franken: für Kongress, Reise, Hotel, Restaurants, Metro und Museen. Zugleich vergütete Merz den Ärzten, die an einer bestimmten Veranstaltung teilnahmen, Honorare von je 1000 Franken. Somit hatten die Ärzte zwar vordergründig einen Teil selber bezahlt respektive eine Gegenleistung erbracht. Doch für das Geld mussten sie keinen Finger rühren, teilweise genügte eine Wortmeldungen in einer Diskussion.

Ähnlich operierten die Angestellten bei Kongressen in Stockholm und Lissabon. Manchmal fehlte sogar jeder medizinische Bezug: wenn Ärzte, wie mehrmals vorgekommen, zum Skifahren eingeladen wurden. In allen Fällen ist das Verdikt von Swissmedic gleich: illegale Vorteilsgewährung.

Diente der «Umsatzsteigerung»

Mit einer weiteren unerlaubten Masche versuchten die Merz-Mitarbeiter die Umsätze von Medikamenten wie Axura zu bolzen. Dabei handelt es sich um ein Mittel für Patienten, die unter Gedächtnisverlust leiden. Von Swissmedic ist Axura zugelassen – aber erst ab einem bestimmten Schweregrad. Wollen Ärzte das Mittel bei einer weniger gravierenden Demenz verschreiben, können sie dies in der Regel tun und bei den Krankenkassen um eine Vergütung dieses Off-Label-Gebrauchs ersuchen.

Die Merz-Leute haben versucht, Ärzte von solchen Verschreibungen zu überzeugen und sie ihnen zu erleichtern. Dazu erstellten sie Briefvorlagen für die Krankenkassen, die sie den Ärzten abgaben, «damit diese von der Krankenkasse ihres jeweiligen Patienten die Übernahme von dessen Behandlungskosten mit Axura erwirken». Dieses Vorgehen diente laut Urteil «der Umsatzsteigerung».

Ebenso illegal bewarben die Angestellten bei Ärzten das Medikament Elidel, für dessen Vermarktung Merz zuständig war. Die Salbe wirkt gegen Hautentzündungen, ist aber erst bei Kindern ab zwei Jahren zugelassen. An einer «Promotionsveranstaltung» für Ärzte hiess es, die Salbe sei bei Kindern unter zwei Jahren «absolut vertretbar» und sogar «etablierter Konsens».

Gesundheitspolitikerin stört sich an «zu tiefen Bussen»

Merz-Schweiz-CEO Künzel lässt über einen Anwalt ausrichten, dass bei mehr als 200 von Swissmedic untersuchten Veranstaltungen «sämtliche geltenden Bestimmungen» eingehalten worden seien. Die Geschäftsleitung bedauere, dass es zu «wenigen gebüssten Fällen» gekommen sei. Im Übrigen hätten die Regelverstösse bereits vor der Swissmedic-Untersuchung zu personellen Konsequenzen geführt. Zudem seien bei Merz seit 2012 «Standards und Kontrollen» kontinuierlich verbessert worden.

Der CEO kassierte mit 4000 Franken die höchste Busse. Insgesamt müssen die fehlbaren Mitarbeiter rund 10 000 Franken zahlen. Für die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim ist das ein Hohn: «Zu tiefe Bussen, die Unternehmen quasi aus der Portokasse zahlen können, laden direkt dazu ein, Gesetze zu umgehen», sagt sie. Bei der 2016 abgeschlossenen ­Revision des Heilmittelgesetzes schlug der Bundesrat daher vor, in solchen Fällen Unternehmen direkt zu belangen – und zwar mit Bussen von bis zu fünf Millionen Franken. Die bürgerliche Mehrheit im Parlament wollte jedoch nichts davon wissen. Silvia Schenker, Heims Rats- und Parteikol­legin aus Basel, will jetzt aktiv ­werden und «vermutlich einen Vorstoss einreichen» für schärfere Strafen gegen Pharmakonzerne.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 22:40 Uhr

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