Piazza con tutti

Sie ist das Herzstück des Filmfestivals von Locarno. Aber im schönsten Freiluftkino der Welt laufen immer die falschen Filme.

Die Piazza Grande in Locarno. Foto: Keystone

Die Piazza Grande in Locarno. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Neu: Artikel vorlesen lassen

Vous avez aimé? Retrouvez chaque jour, un nouveau podcast sur audio.lematindimanche.ch | Apple Podcast | Spotify | Deezer ou sur votre application de podcasts favorite.

Die Plastikstühle sind hart. Der Pflastersteinboden ist uneben. Man sitzt eng, wenn die Person vorne sich bewegt, muss man sich die freie Sicht auf die Leinwand neu erkämpfen. Der Ton erschlägt einen manchmal. Und: Es läuft immer der falsche Film. Derjenige von gestern wäre bestimmt besser gewesen!

Willkommen im schönsten Freiluftkino der Welt, auf der Piazza von Locarno. Nichts kommt an ein Kinoerlebnis dort heran, sagen viele. Zuletzt der weit gereiste französische Schauspieler Mathieu Amalric (siehe rechts), der findet, höchstens die Piazza von Bologna könnte bezüglich Filmvorführungen mit derjenigen im Tessin konkurrieren: «Aber Bologna ist zu quadratisch, eher geeignet für Militärparaden. Locarnos Piazza ist auch von der Form her ein Kino – das schönste der Welt.» Danke für die Blumen, solche Komplimente sind stets auch eines für die Kinoschweiz. Aber stimmt es? Und falls ja, wieso wird die Auswahl der Filme darauf immer wieder kritisiert? Eine Antwort anhand von fünf Vorführungen.

2017 «Lola Pater» mit Fanny Ardant.
Vergangener Donnerstag, der zweite Abend am 70. Locarno Festival. Kein berauschender Film, es geht um einen jungen Mann, der nach dem Tod der Mutter Kontakt zum Vater sucht. Dieser ist aber unterdessen eine Frau geworden, die Annäherung ist schmerzhaft – und vorhersehbar.

Der Trailer zu «Lola Pater». Video: Youtube

Ein Film, den man vergessen kann, aber er hat einen Trumpf: Fanny Ardant, die inzwischen 68-jährige Ikone des französischen Kinos. Sie dominiert nicht nur jede Szene, nein, vor der Vorführung steht sie auf dem Podium und hat das Publikum schnell im Sack: «Grazie Piazza, grazie Locarno.»

«Auf der Piazza finden alle Menschen zusammen, die sich am Tag für die unterschiedlichsten Filme interessiert haben», sagt Carlo Chatrian, als künstlerischer Leiter verantwortlich für das Programm. Es sei eine Herausforderung, Filme zu finden, die auf die Riesenleinwand passten. Dabei gehe es nicht nur um die Kunst, manchmal sei die Absicht auch einfach, eine Person ins Zentrum zu stellen, bekannt oder unbekannt. Das hat an diesem Abend bestens funktioniert. Grazie, Fanny Ardant.

1982 «La notte di San Lorenzo der Brüder Taviani»

Das Finale von «La notte di San Lorenzo der Brüder Taviani». Video: Youtube

Sternschnuppen auf der Leinwand, Sternschnuppen am Himmel – immer noch die legendärste Vorstellung am Festival. In der Nacht von San Lorenzo, am 10. August, ist der Meteoritenschwarm der Perseiden zu beobachten, die Tränen des Märtyrers San Lorenzo eben. Die Schnuppen kommen im Filmklassiker der italienischen Regisseure vor, waren aber damals auch neben der Leinwand zu beobachten. Seitdem sind die Wörter Magie und Piazza nicht mehr zu trennen: Was auf der Leinwand geschieht, wird vom Ambiente potenziert, zehnmal real, hundertmal in der Erinnerung. Magisch.

1980 «Polenta» von Maya Simon

Es geht aber auch umgekehrt. Mit diesem Kammerspiel aus dem verschneiten Jura wurde damals das Festival eröffnet. Drei Männer – unter ihnen Bruno Ganz – sitzen in einer Hütte und essen Maisbrei. Ein viel zu kleiner Film für den grossen Platz. Das sah auch das Publikum so. Und weil es ein 1. August-Abend war, begann bald einmal einer zu applaudieren, als neben der Leinwand eine Rakete zum Himmel stieg. Bald wurde das Spiel aufgenommen, das Feuerwerk stand im Zentrum – und vom Film und der Regisseurin hörte man nie mehr. Ein Opfer der Piazza, die das Beste und Schlechteste aus allem rausholt.

1992 «Antigone» von Straub/Huillet

Die Piazza gehört zu Locarno, aber nicht von Beginn an, wie das selbst Bundesrat Alain Berset in seiner Jubiläumsrede zur Eröffnung der 70. Ausgabe fälschlicherweise sagte. Bei der Gründung fanden die Vorführungen nämlich im Garten des Grand Hotels statt, und in den späten 1960er-Jahren strich ein politisch motiviertes Direktorengespann die Freilichtvorführungen ganz, das Festival wurde in den Herbst und in die Säle verlegt, um den Diskurs zu fördern. Ein Komitee um den Tourismusverein zog dann bei der serbelnden Veranstaltung den Schlussstrich und machte 1971 die Piazza im August frei für Vorführungen.

Der Trailer zu «Antigone». Video: Youtube

Tourismus versus Kunst, Unterhaltung versus Erziehung – darum geht es bis heute. Besonders kompromisslos war Direktor Marco Müller, der in den 1990-Jahren Filme des avantgardistischen Duos Jean-Marie Straub und Danièle Huillet zur besten Zeit unter freiem Himmel programmierte und einen Massen­exodus provozierte. Carlo Chatrian übergibt Straub dieses Jahr einen Ehrenleoparden (seine Partnerin ­Huillet ist vor elf Jahren gestorben), zeigt ihr Werk «Sicilia!» von 1999 ebenfalls auf der Piazza (allerdings nur als zweiten Film). Und sagt: «Locarno ist nicht darum bekannt, weil vor ein paar Jahren Harrison Ford und Daniel Craig für ‹Cowboys & Aliens› da waren. Sondern weil am Festival Regisseure wie Kathryn ­Bigelow und Todd Haynes entdeckt wurden.»

2001 «Lagaan» von Ashutosh Gowariker

Der Trailer zu «Lagaan». Video: Youtube

Ja, es gibt legendäre Entdeckungen auf der Piazza, den Bollywoodfilm «Lagaan» zum Beispiel, der die Piazza mittanzen liess. Oder 22 Jahre früher das kurdische Drama «Sürü» von Yilmaz Güney und Zeki Ökten um eine Schafherde. Einmal gibt es darin ein Gewitter, und genau in diesem Augenblick setzte auch auf der Piazza der Regen ein. Solche Geschichten kennt jeder, der schon einmal da sass. Bei der Piazza sind eben alle Experten, ein wenig wie beim Fussball, wo jeder weiss, wie man spielen soll und wie die Aufstellung zu sein hat. Auf der Piazza, sagen die Publikumsexperten, braucht es: Mehr schwierige Filme. Mehr Stars. Mehr Unterhaltung. Mehr Hollywood. Mehr Filmkunst. Mehr von allem. Und das Verrückte: Alle haben recht, alle kommen wieder. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 23:05 Uhr

Die Piazza-Höhepunkte

«Chien» (Mo, 7. August)

Nach Locarno-Direktor Chatrian der gewagteste Piazza-Film des Jahrgangs, mit «sehr speziellem Humor». Regisseur Samuel Benchetrit veröffentlichte zuerst einen Roman mit diesem Namen, den er nun verfilmte. Mit dabei (nein, nicht als Hund): Vanessa Paradis.

«The Big Sick» (Do, 10. August)


Die Liebesgeschichte zwischen einer Amerikanerin und einem pakistanischen Einwanderer war der Hit am Sundance-Filmfestival, wo sie als «beste romantische Komödie seit Jahren» gefeiert wurde. Damit auch in der Favoritenrolle für den Piazza-Publikumspreis.

«Atomic Blonde» (Fr, 11. August)

Charlize Theron prügelt sich als Agentin durch das Berlin zur Zeit des Mauerfalls. Der einzige Hollywood-Blockbuster dieses Jahr ist wie gemacht für die Riesenleinwand und startet zwei Wochen später in den CH-Kinos.

«Gotthard – One Life, One Soul» (Sa, 12. August)


Ein richtiger Tessiner Beitrag zum Schluss, und nein, es geht nicht um den Tunnel. Im Zentrum der Dokumentation steht die Rockband.

Artikel zum Thema

Die Erfindung des Kino-Salons unter freiem Himmel

Empörte Kritiker, immer wieder neue Handschriften: eine Chronik von 70 Jahren Locarno anhand seiner Direktoren (und seiner Direktorin). Mehr...

Hilfe, ein Schweizer Film!

Analyse Wenn nächste Woche die Branche wieder geschlossen ans Locarno-Festival reist, stellt sich eine alte Frage: Gehts unserem Kino eigentlich gut? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Verschwörung in Virginia

Welttheater Splitter

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...