Vincenz: Fantastische Kursgewinne und billige Hypotheken

Die Beteiligung von Raiffeisen an Leonteq kannte zwei Gewinner: Bankchef Pierin Vincenz und Jan Schoch.

Raiffeisen überzahlte Leonteq-Aktien um 75 Millionen Franken: Vollgeld-Aktivist mit Pierin Vincenz-Maske und Tausendernoten.

Raiffeisen überzahlte Leonteq-Aktien um 75 Millionen Franken: Vollgeld-Aktivist mit Pierin Vincenz-Maske und Tausendernoten. Bild: Melanie Duchene/Keystone

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Aus aktuellem Anlass bringen wir die Recherche von Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zu den Hintergründen der Raiffeisen-Beteiligung an Leonteq heute nochmals. Sie erschien erstmals am 3. Juni 2018 in der SonntagsZeitung.

Für hundert Übernahmen in seiner Zeit als Chef der Raiffeisen-Gruppe und Präsident der Kreditkarten-Abrechnungsfirma Aduno ist Pierin Vincenz verantwortlich. Mit drei Übernahmen (Investnet, Commtrain und Eurokaution) ist die Zürcher Staatsanwaltschaft beschäftigt, um die übrigen dreht sich eine interne Untersuchung von Raiffeisen. Ein Fokus liegt dabei auf der Derivateboutique Leonteq.

Im Herbst 2012 ging die damalige EFG Financial Products Holding an die Börse und nannte sich neu Leonteq. Präsident wurde Professor Peter Forstmoser, ein alter Vertrauter von Vincenz. Er rettete Vincenz drei Jahre zuvor im Fall Commtrain mit einem umstrittenen Gutachten den Chefposten.

Die Leonteq-Aktie dümpelte dahin, bis am 12. März 2013 Raiffeisen über ihre Tochtergesellschaft Notenstein eine Beteiligung von 20 Prozent kaufte. Kurz danach wurde bekannt, dass Raiffeisen und die Helvetia-Versicherung, in deren Verwaltungsrat Vincenz sass, mit Leonteq eine Zusammenarbeit eingingen. Bekannt ist auch, dass Leonteq-Gründer Jan Schoch für den Bau seiner Millionenvilla eine billige Raiffeisen-Hypothek bekam.

Ein bescheidenes Amt, dachte man

Vincenz und der damalige Notenstein-Chef Adrian Künzli wurden in den Verwaltungsrat gewählt. Ein bescheidenes Amt, dachte man, denn Vincenz erhielt nur 67'000 Franken, davon 32'000 Franken in Aktien. Das Geld musste er bei Raiffeisen abliefern, die Aktien hingegen nicht. Ende Jahr hielt Vincenz 12'130 Aktien. Damit war er im Verwaltungsrat bereits der grösste Aktionär. Wert der Beteiligung: rund 630'000 Franken. Zu welchem Preis er sie erhielt, ist nicht klar.

Im Sommer 2014 kam es bei Leonteq zu einer überraschenden Kapitalerhöhung und zu einer merkwürdigen Transaktion. Am 24. Juli kaufte Raiffeisen mit Vincenz an der Spitze Bezugsrechte für die neuen Aktien zu einem massiv überhöhten Preis. Laut dem Branchenportal «Inside Paradeplatz» überzahlte Raiffeisen die Aktien um 75 Millionen Franken.

Aber verhalf der Kapitalerhöhung mit ihrem Mitteleinsatz zum Durchbruch. Der Leonteq-Kurs rumpelte etwas, aber dann ging es wieder hoch. Die Beteiligung von Raiffeisen stieg auf 29 Prozent, und der Aktienkurs verdoppelte sich.

Vincenz besass 14'954 Aktien im Wert von rund 2,5 Millionen Franken.

Verantwortlich für den Kurssprung war eine Zusammenarbeit mit dem asiatischen Bankhaus DBS. Vincenz besass Ende Jahr 14'954 Aktien im Wert von rund 2,5 Millionen Franken. Bis Mitte 2015 stieg die Aktie auf über 200 Franken, und Vincenz verdoppelte seinen Bestand auf 25'311 Aktien. Die waren zum Höchststand fast 6 Millionen wert. Dann kam die Meldung des überraschenden Rücktritts von Vincenz bei Raiffeisen. Die Leonteq-Aktie stürzte so schnell ab, wie sie vorher gestiegen war.

Als DBS ausstieg, drohte der Absturz ins Bodenlose. Dass es nicht ganz so schlimm wurde, lag daran, dass Raiffeisen einen Zehn-Jahres-Vertrag mit Leonteq bekannt gab. Vincenz löste darauf Forstmoser als Präsident ab und verdoppelte kurzerhand das Fixgehalt. Wohl als Trost für den Kurssturz der Aktien.

Im Umfeld der Kurssprünge bei Leonteq kam es immer wieder zu Gerüchten über Insidergeschäfte und Kursmanipulationen. Mehrmals leitete die Börse eine Voruntersuchung ein – ergebnislos. Klärung bringen könnte nur die Staatsanwaltschaft, aber die ermittelt vorläufig noch nicht im Fall Leonteq.

Ob bei der Vergabe der Hypothek an Jan Schoch alles in Ordnung war und ob Vincenz sich auf unsaubere Art zu bereichern versuchte, wird aber Raiffeisen­intern abgeklärt. «Alle Beteiligungsnahmen von Raiffeisen Schweiz, direkt und indirekt, im Zeitraum zwischen 2005 bis 2017 werden untersucht, darunter auch Leonteq. Ob es dabei zu einem Interessenkonflikt kam, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden», sagt Sprecherin Cécile Bachmann.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 10:43 Uhr

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