Pop mit Funktionsstörungen

Die Band Muse hat auf ihrem neuen Album zum Grössenwahn zurückgefunden. Woher kommt der?

Die Band Muse mit Matt Bellamy, Dominic Howard und Chris Wolstenholme(v. l. n .r.). Bild: PD

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In einem Restaurant eines Hamburger Edelhotels sitzt Matthew Bellamy – und niemand käme auf die Idee, dass er einer der führenden Exponenten der Unterhaltungsbranche ist. Denn Bellamy, 1.70 Meter gross, von schmächtiger Statur, trinkt stilles Wasser und lächelt ebenso still in sich hinein. Dabei ist er im Videoclip zur Single «Something Human» seiner Band Muse eben noch im Sportwagen durch die Landschaft gebrettert und hat sich später grundlos in ein Monster mit Reisszähnen verwandelt.

Die Single ihres achten Albums «Simulation Theory» klingt am Anfang so, wie es klingen würde, wenn sich U2 mit einem Trance-DJ einliessen. Gegen Ende klingt es dann, als würde sich U2 mit einem Trance-DJ sowie mit dem Gitarristen und Paukenspieler der Folkies Mumford & Sons einlassen. Das Verrückte daran: «Something Human» ist gar nicht schlecht. Nach mehrmaligem Hören ertappt man sich dabei, wie man den kunstlosen Beat dieses makellosen Popsongs mit den Fingern auf der Tischplatte mittrommelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der britischen Band in ihrem 24-jährigen Dasein das Unwahrscheinliche gelingt. Im euphorisierenden Bombast ihrer Musik finden gequälte Seelen ebenso Heimat wie Freunde des Musical-Genres. Muse schaffen es, auf engstem Raum zwischen Verletzlichkeit und irrsinniger Anmassung zu changieren – zwischen Weltschmerz und Welttheater. Und diesen Spagat vollführen sie auf ihrem neuesten Werk phasenweise wieder in alter Geschmeidigkeit.

Ironie hat in ihrer Musik stets eine gewichtige Rolle gespielt

Matthew Bellamy gibt sich im Gespräch sehr amüsiert über die Einschätzung, dass es Momente in der Karriere seiner Band gab, in denen einen das Gefühl beschlich, Muse wolle den Gestus des Rock zur Karikatur überzeichnen. Und würde in einem Gemenge aus Wut, Kitsch, Schönheit und Grössenwahn implodieren. Diesen Eindruck teile er, sagt er, und lacht schallend.

Ironie habe in der Musik von Muse stets eine gewichtige Rolle gespielt, so Bellamy: «Am besten sind wir immer dann, wenn wir die perfekte Symbiose zwischen Aufrichtigkeit und Ironie erreichen. Wenn es vom einen oder vom anderen zu viel gibt, dann verkommt es entweder zum Witz oder man wird zu stumpf und langweilig in seiner Ernsthaftigkeit.»

Später wird der Bassist Christopher Wolstenholme einen anderen Grund für die Entwicklung vom schmächtigen Grunge-Trio zur gleissenden Stadionrockband liefern. Das Schlüsselerlebnis sei eine Tour als Vorband der Red Hot Chili Peppers im Jahr 1999 gewesen. «Wir fühlten uns entsetzlich klein auf den Stadionbühnen und hatten das Gefühl, mit unserer Musik bestenfalls die ersten paar Reihen zu erreichen. Wir merkten, dass wir unsere Show und letztlich auch unsere Musik neu dimensionieren mussten. Dabei gefiel es uns, die Grenzen der Vernunft und des Stadionrocks zu reizen.»

«Das entspricht der Art, wie heute Musik gehört wird.»Christopher Wolstenholme

Nachdem sich Muse auf dem letzten, wenig berauschenden Album «Drones» auf das Spiel im Trio zurückbesonnen hatten, präsentieren sie sich auf dem neuen Album «Simulation Theory» wieder in bombastischer Pracht. In der Opulenz ist sogar ein Wille zur Song-Dienlichkeit auszumachen: «Wir haben uns etwas von der Vorstellung gelöst, unsere Lieder in symphonische Dimensionen ausufern zu lassen. Es ist eher eine Rückbesinnung auf den Song als auf das progressive Experiment», erzählt Bellamy.

Hilfreich sei dabei der Schaffensprozess gewesen: Sie haben Tour-Pausen dazu genutzt, um an einzelnen Songs zu arbeiten. Deshalb haben sie kein ganzes Album im Kopf gehabt. «Das entspricht der Art, wie heute Musik gehört wird», sagt Wolstenholme. «Es sollte ein Album ohne konzeptuellen Überbau sein, ein Werk voller Stand-Alone-Songs.» Auch habe man erstmals mit verschiedenen Produzenten gearbeitet und für jeden Song die geeignete Person ausgesucht. «War ein Lied zu brav, haben wir bei unserem alten Produzenten Rich Costey vorbeigeschaut, der dafür bekannt ist, den Irrsinn aus uns herauszukitzeln, war einer zu extravagant, liessen wir beispielsweise den schwedischen Britney-Spears-Produzenten Shellback ran, der für seine schlichten Arrangements bekannt ist», erklärt Bellamy.

Die Hitsammlung einer Band, die es nochmals wissen will

Das hat seinen Preis: «Simulation Theory» ist ein sonderbares, unentschlossenes und kompromissbehaftetes Album. Die Hitsammlung einer Pop-Rock-Band, die es nochmals wissen will – und sich jedoch nicht so ganz im Klaren ist, was genau sie nochmals wissen wollte. Immerhin: Der handelsübliche Lokalradio-Musikredaktor, der Muse bisher nur auf Druck der Hörerschaft und unter Angstschweissvergiessen ins Musikprogramm aufgenommen hatte, wird auf diesem Album jede Menge massentaugliche Popware vorfinden. Trotzdem ist da noch genug Irrsinn, damit das Interesse an dieser Band nicht gänzlich verwelkt.

Auch Bellamys Technologie-Paranoia, die in «Drones» ihren Höhepunkt erreicht hat, scheint sich auf «Simulation Theory» etwas normalisiert zu haben – obschon der Eröffnungssong «Algorithm» in eine andere Richtung weist. Spricht aus diesem Song die Angst des Musikers, dereinst von einem Algorithmus ersetzt zu werden? «Ich habe kürzlich die Virtual-Reality-Technik für mich entdeckt. Es hat mich umgehauen», erzählt Bellamy und breitet die Arme aus, als würde er einen nicht existierenden Raum abtasten. «Diese Technik wird vieles ermöglichen, was wir uns immer erträumt haben – Zeitreisen zum Beispiel oder das Erkunden des Universums. Deshalb hat sich mein Verhältnis zur Technik etwas entspannt.»

Und die Algorithmen? «Um kreativ zu werden, müssten Maschinen zuerst lernen, unvernünftig und irrational zu sein. Ohne diese menschlichen Funktionsstörungen wird das nichts.» Er lacht so laut, dass sich die Hotelgäste nach ihm umdrehen.

Muse: «Simulation Theory» (Warner), erscheint am 9.11. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 18:06 Uhr

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