Vom Tanzbärchen zum Problembärchen 

Schwere Vorwürfe und schwache Zahlen: Es sieht nicht gut aus für Haribo. Im Zentrum aller Probleme: das Gummibärchen.

Liegts am Zucker? Die Goldbären haben an Beliebtheit eingebüsst. Foto: Keystone

Liegts am Zucker? Die Goldbären haben an Beliebtheit eingebüsst. Foto: Keystone

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Die Herren tragen Anzug und Krawatte, die Damen Business-Dress, sie reden aber nicht über die Firmenstrategie, sondern über Goldbären, und zwar mit synchronisierten Kinderstimmen. Das ist der besondere Gag des neuen 25-sekündigen TV-Spots von Haribo. Am Ende lachen alle in der Firma, und für Haribo scheint die Welt für ein paar Sekunden wieder in Ordnung zu sein.

Die Reaktionen auf den Spot fallen ziemlich unterschiedlich aus und schwanken zwischen Lob und Häme. Es sieht nicht so aus, als wäre das der grosse Befreiungsschlag für den Goldbären, wie die Gummibärchen aus dem Hause Haribo heissen. Den könnte er aber gut gebrauchen. Denn es geht ihm nicht gut. Haribo verkaufte Unternehmenskreisen zufolge vergangenes Jahr im Heimmarkt Deutschland etwa ein Viertel weniger Goldbären als im Vorjahr. Zahlen aus der Schweiz liegen nicht vor.

Der Umsatzeinbruch ist eine Zäsur. Der Goldbär war bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Doch jetzt hat er offensichtlich ein Problem. Zwar bleibt er das unangefochtene Markenzeichen des ­Familienunternehmens. Weltweit werden täglich etwa 100 Millionen Stück davon produziert. Fast jedes Kind kennt die Gummibärchen. Aber gerade weil sie so eine herausragende Stellung für die Firma haben, wirkt sich der Absatzschwund auf das gesamte Unternehmen aus.

Riegel liess sich damals von lebenden Tanzbären inspirieren, die durch die Strassen geführt wurden und eine grosse Attraktion waren.

Die Einnahmen von Haribo insgesamt sollen im vergangenen Jahr um zehn Prozent zurückgegangen sein. Firmenchef Hans Guido Riegel redet ebenso wenig über Zahlen, wie es seine Vorgänger in den fast 100 Jahren seit der Gründung von Hans Riegel Bonn (Haribo) getan haben. Über den Umsatz gibt es nur Schätzungen. Vor zwei Jahren soll er bei gut zwei Milliarden Euro gelegen haben. Ein grosser Teil davon entfiel auf die Gummibärchen. Woraus sie bestehen, ihre Rezeptur, hält das Unternehmen geheim. Wobei man kein Lebensmittelexperte sein muss, um zu ahnen, dass die Bären grösstenteils aus Zucker sind.

Anfangs, als Bonbonkocher und Firmengründer Hans Riegel sie 1922 erfand, waren sie Tanzbären. Grösser und flacher als die heutigen Gummibärchen. Riegel liess sich damals von lebenden Tanzbären inspirieren, die durch die Strassen geführt wurden und eine grosse Attraktion waren. Der kleinere Goldbär entstand in seiner heutigen Form 1960, eine Firmengeneration später.

Bei Haribo trauern viele Thomas Gottschalk nach

Erstmals in der Unternehmensgeschichte verkaufte Haribo vergangenes Jahr mehr davon in den USA als in Deutschland. Das hat auch mit dem rückläufigen Absatz im Heimatland zu tun. Wann genau dort die Probleme anfingen, lässt sich nur schwierig rekonstruieren.

«Wir hätten uns viel früher von Bully Herbig trennen sollen», sagt einer, der nah dran ist an den Riegels. Dabei war der deutsche Komiker, Schauspieler und Regisseur nur vier Jahre das Werbegesicht der Firma; sein Vorgänger Thomas Gottschalk brachte es auf 24 Jahre. Ihm trauern im Unternehmen viele nach, angeblich auch Hans Guido Riegel. Seit Anfang dieses Jahres macht Haribo erst mal ohne Werbefigur weiter.

Klar ist auch, dass Zucker, der Hauptbestandteil der Bären, im Moment keinen guten Ruf hat. Ganz zu schweigen von der Zitronensäure, die Haribo wie viele andere Süsswarenhersteller verwendet und die in hoher Dosis Zähne auflösen kann. Aber eigentlich kann das nicht gegen den Goldbären ausgelegt werden. Haribos Konkurrenten Storck und Katjes benutzen ähnliche Zutaten. Sie gewinnen allerdings Marktanteile, Haribo hingegen verliert welche.

Sklavenarbeit und Gelatine aus kranken Schweinen?

Zugesetzt hat dem Unternehmen ein Vorwurf der ARD-Dokumentation «Haribo-Check», der weltweit Schlagzeilen machte: Demnach sei Haribo verantwortlich für Sklavenarbeit in Brasilien. Dort lässt Haribo aus der Carnauba­palme Wachs gewinnen, das die Goldbären zum Glänzen bringt und verhindert, dass sie in der Verpackung zusammenkleben. Die Firma weist die Vorwürfe zurück und versichert, «die Missachtung von sozialen und ethischen Standards» nicht zu akzeptieren.

Ein zweiter Vorwurf der ARD-Sendung hat Haribo dazu veranlasst, die Lieferkette in Deutschland zu überprüfen. Ein Kamerateam war in einen Schweinemastbetrieb eingedrungen und filmte sichtlich kranke Schweine, aus deren Knochen und Schwarten Haribo angeblich Gelatine für die Goldbären fertigen lassen soll. Selbst Firmenchef Riegel zeigte sich «bestürzt» darüber. Haribo und der zuständige Gelatine-­Zulieferer bestritten zwar die Vorwürfe, aber auf jeden Fall hatten sie ein Problem. Haribo versprach Besserung, der Zulieferer verschärfte die Kontrollen.

So lustig Haribo auch in der Werbung rüberkommen mag, bei vielen gesellschaftlichen Megatrends wie gesunde Ernährung, Tierwohl, Nachhaltigkeit und fairer Handel sieht die Firma ziemlich alt aus. Auch beim Thema Plastikrecycling wirkt sie unbeholfen. Abfallentsorger kritisieren öffentlich die bunte Gummibärchenverpackung. Sie ist nicht recycelbar. Angeblich arbeitet Haribo an einer Lösung, kommuniziert das aber nicht.

Ein Topmanager nach dem anderen muss gehen

Was das Unternehmen vorhat, erfahren auch Mitarbeiter nur bedingt. Als vergangenes Jahr Gerüchte aufkamen, Hans Guido Riegel könnte abtreten, und Mitarbeiter bei einem Vertrauten nachfragten, soll der Firmenpatriarch gewitzelt haben: «Sagen Sie denen doch, der hat sich auf seine Jacht in Panama unter maltesischer Flagge zurückgezogen.» Seiner Meinung nach müssen Mitarbeiter angeblich nicht alles wissen. «Die verstehen das doch gar nicht», soll er gesagt haben.

Im Moment sollen sie allerdings besonders viele Fragen haben. Riegel feuert seit Monaten einen Topmanager nach dem anderen. Einer der Geschassten beschreibt das Klima im Unternehmen als verletzend. Vieles werde nur «hintenrum über gewachsene Netzwerke, auch über Hierarchieebenen hinweg» angesprochen. «Das kann gefährlich sein.»

Vor einem Jahr ist Haribo vom Gründungsort Bonn in das Dorf Grafschaft im Bundesland Rheinland-Pfalz umgezogen. Dort häufen sich technische Probleme. Anfang Januar versagte die Telefonanlage; die Mitarbeiter konnten zeitweise keine Anrufe entgegennehmen. Und eine neue Software führte zu grossen Lieferproblemen. Manche Goldbären schaffen es seither nicht im richtigen Mischungsverhältnis mit anderen Fruchtgummis in die Lieferwagen, geschweige denn zum Kunden. Die Regale in den Supermärkten und Discountern blieben zwar nicht leer, aber es kam zu Ausfällen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.02.2019, 16:59 Uhr

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