Rätsel gelöst: Das ist der «Kaiman» vom Hallwilersee

Die Sichtung eines Reptils im Aargau beschäftigte das Land. Nun ist klar, was hinter der Sommerstory 2019 steckt.

Ein Ungeheuer, aber kein Kaiman: Ein Mann hat einen Wels mit einem Wasservogel im Magen aus dem Hallwilersee gezogen.

Ein Ungeheuer, aber kein Kaiman: Ein Mann hat einen Wels mit einem Wasservogel im Magen aus dem Hallwilersee gezogen.

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Der Fischer traut seinen Augen nicht, als er in den Rachen des 1,05 Meter langen Wels schaut, den er soeben aus dem See gezogen hat: «Da lag ein fast 50 Zentimeter langes Tier drin. Ich dachte zuerst, es wäre ein grosser Krebs!» Der Mann, der namentlich nicht genannt werden will, fährt zum Steg in Boniswil, schneidet den Fisch auf und findet in dessen Rachen und Magen einen Haubentaucher. Ein Wasservogel, der von Laien manchmal für eine Ente gehalten wird und für den Hallwilersee typisch ist.

Das war am Sonntagmorgen, dem 21. Juli. Nur wenige Tage zuvor hatte die Polizei eine Meldung publiziert: Ein Kaiman, der Enten fresse, soll im Hallwilersee unterwegs sein. Ein deutscher Fischer will ein «etwa anderthalb Meter grosses Reptil» gesehen haben, das nach einer «Jung-Ente» schnappte. Landauf, landab wurde diskutiert: Wie kommt ein solches Tier in den See? Darf man jetzt noch ins Wasser? Und kann man dem Fischer überhaupt glauben? Die Sommerstory 2019 war geboren.

Wasservögel stehen nicht auf der Speisekarte der Welse

Die Polizei suchte den See ab, die Jagdverwaltung stellte Fotofallen auf, das Strandbad Seerose verkaufte gar Krokodilburger. Die Reporter von «10 vor 10» trieben zwei Mädchen auf, die das Reptil auf ihrer Stand-up-Paddle-Tour ebenfalls gesehen haben wollen, auch ein Schwimmer meldete sich bei der Polizei. Nichts half, der angebliche Kaiman war abgetaucht.

Oder war es doch nur ein Wels? «Das war auch mein erster Gedanke», sagt der Mann, der den Wels aus dem See gezogen hat. «Ich fische seit 30 Jahren – einen solchen Vogel im Magen eines Fisches habe ich bis jetzt noch nie gesehen.»

Wasservögel stehen tatsächlich nicht auf dem normalen Speiseplan eines Wels. Der grösste Fisch der Schweiz, der fast drei Meter lang und 80 Jahre alt werden kann, vertilgt hauptsächlich lebende und tote Fische. Selten frisst er junge Vögel oder sogar kleine Hunde, die am Ufer baden. Dank seines grossen Mauls und riesigen Magens kann er Tiere verschlingen, die über ein Drittel seiner Körperlänge ausmachen.

Er frisst selten und verdaut lange – wie ein Kaiman

Optisch sind sich Wels und Kaiman nicht unähnlich. «Ich sagte schon zu Beginn, der hat einen Wels gesehen», meint Richard Stadelmann, Berufsfischer aus Birrwil. Zwar habe der Wels einen breiteren und flachen Kopf, die Schwanzflossen sähen aber «praktisch identisch» aus. Und der Wels schlängle genau gleich im Wasser wie der Kaiman. «Aus der Ferne und im Halbdunkel kann man sie schnell verwechseln», sagt Stadelmann. Ob es sich beim gefangenen Wels tatsächlich um den vermeintlichen Kaiman handelt, will er nicht abschliessend beurteilen. Nur so viel: «Ich habe in meiner Fischerkarriere ebenfalls noch nie etwas gefischt, das einen Wasservogel im Magen hatte.»

Bleibt noch die Frage, wie lange ein Wels eigentlich braucht, um einen ganzen Haubentaucher zu verdauen. Im Prinzip ernährt er sich ebenfalls wie ein Kaiman: Er frisst selten und verdaut langsam. «Bereits für einen Fisch braucht er mehrere Tage», sagt Stadelmann. Wie lange die Verdauung grosser Vögel dauert, ist nicht bekannt.

Der Wels-Fischer jedenfalls freut sich über seinen prominenten Fang. Er hat ihn zu Hause «geputzt», also ausgenommen, drei Kilogramm Wels-Filet liegen nun in seinem Tiefkühler. «Wenn die Kinder zu Besuch sind, machen wir ein Fest und geniessen den Fisch gemeinsam.» Vielleicht sogar als Burger.



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Erstellt: 11.08.2019, 16:12 Uhr

Aargauer Kantonspolizei sucht weiter

Die Kantonspolizei Aargau geht weiter davon aus, dass sich im Hallwilersee ein Kaiman herumtreiben könnte. Auf Twitter schreibt sie als Reaktion auf den Bericht der Sonntagszeitung: «Bislang konnte der Kaiman nicht ausfindig gemacht werden. Wir können nach wie vor nicht ausschliessen, dass ein Reptil ausgesetzt worden ist.»

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