Klüger, als die Natur erlaubt

Sie sind verblüffend intelligent. Dabei dürfen Kopffüsser gemäss Evolutionslehre gar nicht so schlau werden. Was lief schief?

Tintenfisch: Er scheint sich beim Lösen von Problemen massge­schneiderte Taktiken zu überlegen. Foto: Getty Images

Tintenfisch: Er scheint sich beim Lösen von Problemen massge­schneiderte Taktiken zu überlegen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mühsam tappt er über den Meeresgrund. Die voluminöse Fracht bereitet ihm sichtlich Mühe: eine aufgeklappte Kokosnussschale, die sich der Oktopus unter einige seiner acht Arme geklemmt hat. Nach einer Weile bleibt das Tier stehen, klettert in die eine Schalenhälfte hinein und klappt die andere wie ein Visier zu. Käme jetzt ein anderer Meeresbewohner mit Appetit auf Tintenfisch vorbei, würde er die potenzielle Beute wohl nicht bemerken.

Zahlreiche Internetclips wie dieser festigen den Ruf der Tinten­fische als ausgesprochene Schlaumeier. Wusste das Tier um seine Verwundbarkeit, und hat es, als es die Schale gefunden hat, bereits im Hinblick auf deren spätere Verwendung zugegriffen? Ein solch planvolles Vorgehen erfordert beträchtliche kognitive Fähigkeiten. Die trauen viele Forscher den wirbellosen Kopffüssern, zu denen Tintenfische zählen, durchaus zu.

Das Problem – jedenfalls aus Sicht der Wissenschaft – ist nur: Nach allem, was über die Evolution der Intelligenz bekannt ist, dürften Tintenfische bei weitem nicht so klug sein, wie sie es zweifellos sind. «Warum haben Kopffüsser Intelligenz entwickelt?», fragt daher ein Team um Piero Amodio von der University of Cambridge im Fachmagazin «Trends of Ecology and Evolution».

Ein Teil der «Hirnzellen» befindet sich in den Armen

Ausser Frage steht, in welch erstaunlichem Ausmass diese Entwicklung stattgefunden hat. Kopffüsser gehören zwar wie Muscheln und Schnecken zu den Weich­tieren. Doch ragen die acht- oder zehnarmigen Tintenfische weit aus ihrer Verwandtschaft hervor, wenn es um geistige Fertigkeiten geht. Die Tiere sammeln nicht nur Schalen als spätere Schutzhütten ein, sie nutzen ihre Arme auch, um zum Beispiel die Schalen von Beutetieren oder – im Labor – sogar Schraubverschlüsse zu öffnen. Tintenfische können Mengen unterscheiden und sind sehr kreativ darin, sich Angreifer vom Leib zu halten. Je nach dem Gegenüber passen sie sich optisch perfekt der Umgebung an, blenden den anderen mit Leuchtorganen oder erzeugen zielgerichtete Wasserstrudel, die einen Angreifer aus dessen Schwimmbahn werfen.

Stellt man ihnen eine Aufgabe im Labor, etwa einen Behälter zu öffnen, gehen die Tiere nicht einfach nach dem Prinzip Versuch und Irrtum vor. Vielmehr scheinen sie das Problem zu verstehen und sich eine massgeschneiderte Taktik zu überlegen. Bringt die keinen zufriedenstellenden Erfolg, probieren sie es beim nächsten Versuch häufig auf einem grundsätzlich anderen Weg. Wer im Tierreich derart planvoll, innovativ und flexibel vorgeht, der kann mit gutem Recht von sich behaupten, intelligent zu sein.

Auf den ersten Blick verwundert dies im Fall der Kopffüsser nicht, denn die Tiere besitzen ein ausgefeiltes Nervensystem. Im Verhältnis zu ihrer Körpergrösse sind die Neuronen ähnlich zahlreich und dicht gepackt wie bei den Wirbeltieren, die als Schlaumeier gelten, etwa Rabenvögel, Elefanten, Delfine und Primaten. Davon, dass bei den Kopffüssern einige anatomische Details sehr speziell wirken – so befindet sich ein Teil der «Hirnzellen» nicht im Kopf, sondern in den Armen – sollte man sich nicht verwirren lassen.

«Ihre Intelligenz ist ein Paradox.»Judith Burkart, Universität Zürich

Trotzdem bleibt die Intelligenz der Kopffüsser aus evolutionärer Sicht ein Rätsel. «Ihre Intelligenz ist ein Paradox», sagt Judith Burkart von der Universität Zürich, die die kognitiven Fähigkeiten von Primaten untersucht. Denn in kaum einem Punkt entsprechen Tintenfische dem, was als typischer Lebensstil eines intelligenten Lebewesens gilt.

Dazu zählen: Wer schlau ist, lebt langsam. Er wird erst spät erwachsen, im Gegenzug jedoch recht alt. Rabenvögel zum Beispiel werden um die 15 Jahre alt, Primaten sogar um die 40. Davon verbringt etwa ein Orang-Utan-Kind allein neun Jahre in der Obhut seiner Mutter. Ausserdem zeichnen sich intelligente Vögel und Säuger dadurch aus, dass sie enge soziale Beziehungen mit ihresgleichen eingehen. Als drittes Merkmal haben kluge Vögel und Säuger ein auffallend grosses Gehirn im Verhältnis zu ihrem Körper.

Vermutlich hängen alle drei Charakteristika zusammen: Es braucht eben viel Zeit, ein umfangreiches und leistungsstarkes Denkorgan zu entwickeln. Während dieser Reifung ist der Nachwuchs auf Hilfe angewiesen – und damit auf ein funktionierendes Sozialleben. Intelligenz wiederum hilft, um mit den sozialen Spielregeln zurechtzukommen. Ausserdem erhöht sie die Überlebenschancen, was die Langlebigkeit cleverer Säuger und Vögel erklären könnte.

Verlust der äusseren Schale vor 200 Millionen Jahren

Bezieht man die Theorie allerdings auf Kopffüsser, stösst man auf etliche Unstimmigkeiten. Tinten­fische werden schnell erwachsen und leben höchstens zwei Jahre, einige sogar nur ein paar Monate. Bei den meisten Arten kümmern sich die Eltern kaum um ihren Nachwuchs, und enge soziale Beziehungen sind den Kopffüssern fremd. Statt langfristige Paar­bindungen einzugehen, läutet die Paarung bei manchen Tintenfischarten sogar den Tod ein.

Warum also sind diese Tiere so schlau? Amodio und seine Kollegen vermuten, dass dies mit einem Ereignis vor etwa 200 Millionen Jahren zusammenhängt. Damals verloren Tinten­fische ihre schützende äussere Schale, die andere Weichtiere wie Schnecken und Muscheln mit sich herumtragen.

«Es zeigt, dass es unterschiedliche evolutionäre Wege zu Intelligenz geben kann.»Judith Burkart, Universität Zürich

Auf einmal waren die Kopffüsser viel beweglicher und konnten auch in engen Winkeln Nahrung suchen, in die sie vorher nicht hineingepasst hätten. Doch die neue Freiheit hatte ihren Preis: eine grössere Verletzlichkeit. Da sie sich nicht mehr auf einen körpereigenen Schutzschild verlassen konnten, mussten die Kopffüsser andere, in diesem Fall geistige Strategien entwickeln, um den Gefahren zu begegnen. Statt in eine Schale investierte der Tintenfisch in ein leistungsstarkes Gehirn.

Beweisen lasse sich dieses Szenario nicht, sagt Burkart, aber: «Es ist zumindest plausibel.» Wie die Studienautoren sieht auch die Zürcher Forscherin darin nicht nur eine mögliche Erklärung für die Klugheit der Kopffüsser, sondern eine generelle Lehre: «Es zeigt, dass es unterschiedliche evolutionäre Wege zu Intelligenz geben kann.» Wer verstehen will, wie es zu geistigen Höchstleistungen im Tierreich kommt, dem erzählen Tintenfische eben ihre ganz ei­gene Geschichte.

Erstellt: 07.01.2019, 17:20 Uhr

Artikel zum Thema

Ihr Hund ist dümmer, als Sie glauben

Menschen halten Vierbeiner für besonders schlau. Dabei sind sie kognitiv nicht fitter als Ziegen, Otter oder Schildkröten. Warum wir Hunde chronisch überschätzen. Mehr...

Wenn Tiere zum Psychiater müssen

SonntagsZeitung Wenn der Hund nachts Terror macht oder das Büsi an die Wand pinkelt, helfen Verhaltenstierärzte mit Tricks und Kniffen. Mehr...

So können Tiere Kranken helfen

Ob in Sonderschulen oder Haftanstalten: Vielerorts werden Tiere in der Therapie eingesetzt. Was der Einsatz bewirkt, haben Studien am Rehab Basel untersucht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...