Die Ex-Chefs bezahlen fast nie für den Schaden

Klagt eine Firma ihre ehemaligen Chefs auf Schadenersatz ein, sind die Erfolgschancen gering. Das zeigt das Beispiel Swissair.

Sein Wirken wird die Richter lange beschäftigen: Der ehemalige Bankchef Pierin Vincenz. Bild: Keystone

Sein Wirken wird die Richter lange beschäftigen: Der ehemalige Bankchef Pierin Vincenz. Bild: Keystone

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Der Schaden für Raiffeisen ist riesig. Wegen der Ära Vincenz droht ihr ein Abschreiber von mehr als 300 Millionen Franken. Mit einem Gutachten will das Institut herausfinden, ob sie bei den Verantwortlichen rund um Ex-Chef Pierin Vincenz einen Teil des Verlusts geltend machen könnte.

Dass das nicht einfach wird, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Die Swissair-Pleite 2001 beschäftigte die Justiz noch Jahre. Gleich mehrere Verfahren wurden gegen die einstigen Verantwortlichen der Schweizer Airline angestrengt. In keinem Fall kam ein Gericht zum Schluss, dass sie für das Grounding einen Schadenersatz bezahlen müssen. Stattdessen kostete die Gläubiger der Aufwand Millionen – und Ex-Swissair-Manager wie Philippe Bruggisser, Eric Honegger oder Mario Corti erhielten eine Entschädigung. Nach der UBS-Rettung 2008 wurde keine Klage gegen die Ex-Chefs eingereicht. Gemäss dem damaligen Präsidenten Kaspar Villiger wäre ein Rechtsstreit gegen die Top-Shots unverantwortlich gewesen.

Der Kläger hat die volle Beweislast

Die Frage ist daher, ob es sich lohnt, gegen ehemalige Raiffeisen-Kader vorzugehen, die hinter der teuren Diversifikationsstrategie stecken. Es sei bei einer Verantwortlichkeitsklage einfacher, Beklagter zu sein als Kläger, sagt ein Jurist, der sich in solchen Verfahren auskennt. Denn es sei sehr schwierig, dem Richter die Verantwortung der ehemaligen Kader zu belegen. Der Kläger hat die volle Beweislast und kennt sich mit der Sachlage oft nicht genau aus. Er versucht erst im Nachhinein, zu verstehen, wie alles ablief. Der Beklagte hingegen kennt die Sachlage genau und kann so einige Nebelpetarden zünden.

Um sich auf eine Klage vorzubereiten, muss daher ein wahrer Aktenberg gesichtet werden. Eine Grundlage dafür hat sich Raiffeisen mit dem in diesen Tagen vorgelegten Gehrig-Bericht erarbeitet. Weiter dürfte das Strafverfahren gegen Vincenz eine grosse Rolle spielen.

Wie schwierig es wird, zeigt aktuell der Fall der Glarner KB

Wenn dabei etwas herauskommt, dann würden die Chancen steigen, erklärt ein Anwalt. Bei anderen Personen aus den Führungsgremien bleibe es aber schwierig. Denn im Verfahren müsste man aufzeigen, wer an welchen Entscheiden beteiligt und wie gut die Person informiert war. Ein Richter würde niemanden schuldig sprechen, der einfach nur seinen Job gemacht hat, auch wenn dabei ein Schaden für die Firma entstand.

Zudem sei es einfacher, Verantwortlichkeitsansprüche durchzusetzen, wenn die Kader in den eigenen Sack gewirtschaftet hätten oder Drittpersonen zu Geld verholfen haben, so ein Jurist. Die Vorgänge müssten dann noch nicht einmal kriminell sein.

Die vielen umstrittenen Geschäfte könnten sich als Nachteil für Raiffeisen erweisen. Je komplexer ein Sachverhalt, desto schwieriger wird es für das Gericht, die ganze Affäre zu verstehen. Für Revisionsstellen, im Fall Raiffeisen ist es PWC, ist die Gefahr einer Strafe hingegen grösser. Für sie gelten höhere Ansprüche.

 «Wir sind es der Kantonsbevölkerung schuldig, dass wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.»Martin Leutenegger, Präsident des Verwaltungsrats der Glarner KB

Das Verfahren der Raiffeisen gegen die Ex-Kader könnte sich in die Länge ziehen. Die Glarner Kantonalbank versucht seit Jahren, von früheren Bankräten und Geschäftsleitungsmitgliedern sowie der Revisionsstelle einen Teil des Schadens einer gescheiterten Expansionsstrategie und einer laschen Kreditpolitik zurückzuholen. Sie führte 2008 zu einem Abschreiber von rund 100 Millionen Franken. 2015 erhielt die Bank vom Kantonsgericht einen Schadenersatz von immerhin 16 Millionen Franken zugesprochen.

Das Obergericht wies das Urteil aber kürzlich an die Vorinstanz zurück. Die Bank hält am Verfahren fest. «Wir sind es der Kantons­bevölkerung schuldig, dass wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen», schreibt Martin Leutenegger, Präsident des Verwaltungsrats der Glarner KB. Auch wenn das noch lange dauern könne.

Erstellt: 26.01.2019, 19:18 Uhr

300 Millionen Schaden

Ein unprofessioneller Verwaltungsrat und ein schlechtes Management. So lautet das Fazit des Raiffeisen-Verwaltungsratspräsidenten Guy Lachappelle nach der Veröffentlichung des internen Untersuchungsberichts zur Ära Pierin Vincenz. Überhöhte Preise für Übernahmen werden die Rechnung der Bank allein für das Jahr 2018 mit rund 300 Millionen Franken belasten. Damit will der im November angetretene Präsident Lachappelle reinen Tisch machen. Doch die Kosten für die Fehlinvestitionen liegen höher. Schon in den Jahren davor musste der Wert von verschiedenen Beteiligungen erheblich korrigiert werden.

Allein für die Beteiligung am Asset-Manager Vescore musste Raiffeisen zuvor schon 27 Millionen Franken abschreiben. Auch das Investment in das Derivatehaus Leonteq sorgte 2016 für eine Wertberichtigung von 85 Millionen Franken. Der Untersuchungsbericht zählt weitere Fälle auf, bei denen Millionenbeträge verloren gingen. Für die Verkäufer war Raiffeisen ein Eldorado. Sie konnten die Preise weitgehend selber festlegen. Laut Raiffeisen gab es in der Vergangenheit aber nicht nur Verluste aus Beteiligungen. Investments wie das beim Versicherer Helvetia und der Bank Vontobel brachten demnach Gewinne. Erich Bürgler

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