Ramadan: Schon Primarschüler fasten, obwohl sie nicht müssten

Die Absenzen muslimischer Kinder mehren sich – Ärzte warnen vor gesundheitlichen Folgen.

Kein Turnen: Viele muslimische Kinder schauen nur zu. Foto: laif

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Mitte Mai hat der Ramadan begonnen. 29 Tage lang dürfen gläubige Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Das Fasten beschäftigt inzwischen auch die Schweizer Schulen. Schulleiter berichten auf Anfrage von Dispensgesuchen muslimischer Eltern und Schüler für Schulwanderungen, Turnunterricht oder Sportanlässe und von vermehrten Absenzen im Schwimmunterricht. Dem schieben viele Schulen einen Riegel.

Zum Beispiel die Oberstufe West in St. Gallen. Dort würden muslimische Schüler zuweilen versuchen, sich vom Sporttag abzumelden, sagt Schulleiter Roland Breu. «Wir erklären ihnen, dass man das Fasten aussetzen und nachholen kann.» In Bazenheid SG bietet die Oberstufenschule den lokalen Imam auf, um muslimische Eltern über die Möglichkeit des Fastenbrechens zu informieren. Auch im aargauischen Spreitenbach ist man mit fastenden Schülern konfrontiert. «Zum Teil sind sie vermehrt müde und können sich nicht konzentrieren», sagt Schulleiter Hannes Schwarz. «Es kommt vor, dass Schüler um eine Sonderbehandlung bitten», was man «freundlich zurückweise», sagt Schwarz. «Nach unserer Einschätzung ist das Einhalten des Ramadan für Kinder und Jugendliche nicht zwingend.»

«Wer das Fasten nicht schafft, wie zum Beispiel Kinder, ist davon ausgeschlossen.»Saïda Keller-Messahli, Islamexpertin

Tatsächlich gilt die Fastenpflicht nicht für alle. Nach gängiger Lesart sind Kinder unter 14 davon ausgenommen. Das Fasten sei laut Koran «an ein physisches und psychisches Vermögen gebunden», sagt Islamexpertin Saïda Keller-Messahli. «Wer das Fasten nicht schafft, wie zum Beispiel Kinder, ist davon ausgeschlossen.»

Doch in der Schweiz fasten bereits Primarschüler. Von «Fünft- und Sechstklässlern» spricht Schulleiter Schwarz. Eine Zürcher Primarlehrerin, die nicht namentlich genannt sein will, sagt: «Ich habe schon Zweitklässler, die fasten. Sie reden darüber, finden es cool und spornen sich gegenseitig an.»

Im schlimmsten Fall ein Kreislaufkollaps

Mediziner warnen. «Fasten ist nicht gesund für Kinder. Sie sind noch im Wachstum und brauchen Energie», sagt Johannes Spalinger, Co-Chefarzt für Gastroenterologie am Kinderspital Luzern. «Je jünger die Kinder, desto gefährlicher ist es, wenn sie nicht ausreichend trinken und essen. Sie können austrocknen, unterzuckern oder im schlimmsten Fall einen Kreislaufkollaps erleiden.» Auch für den Schulalltag hat das Fasten Folgen. «Der kindliche Organismus ist auf eine regelmässige Energiezufuhr angewiesen», sagt Josef Laimbacher, Chefarzt am Kinderspital Ostschweiz. «Schon wenn der Zmorge fehlt, sind die schulischen Leistungen eingeschränkt.»

Inzwischen beschäftigt der Ramadan auch die Schwimmlehrer. «Ohne zu trinken und mit leerem Magen ins Wasser zu gehen, kann sehr gefährlich sein», sagt Gabriella Herzog vom Verband Schwimmschulen in Sursee. Sie erhalte viele Anfragen von «völlig verunsicherten» Schwimmlehrern, die nicht wüssten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Diese Woche habe sich eine Schwimmlehrerin aus Basel gemeldet. «Sie hatte eine 11-jährige muslimische Primarschülerin, die ins Wasser wollte, aber durch das Fasten total geschwächt war», sagt Herzog. Sie stellt fest: «Während des Ramadan gibt es allgemein mehr Absenzen im Schwimmunterricht.»

Als «besorgniserregend» bezeichnet Islamexpertin Keller-Messahli, wie strikt gewisse Kreise fasten. «In Europa wird der Ramadan viel extremer ausgelegt als in muslimischen Ländern.»

Mitarbeit: Vanessa Mistric (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2018, 11:35 Uhr

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