Raus aus dem eigenen Schatten

Mit dem neuen Album ist die Folkmusikerin Angel Olsen beim bombastischen Pop angekommen.

«Alle haben einen geheimen Schatten, eine dunkle Seite, etwas, an dem sie arbeiten müssen»: Angel Olsen. Foto: Cameron McCool

«Alle haben einen geheimen Schatten, eine dunkle Seite, etwas, an dem sie arbeiten müssen»: Angel Olsen. Foto: Cameron McCool

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Angel Olsen verschläft ihr Interview. Das sei ihr seit Monaten nicht passiert, schreibt sie, ob man es am Nachmittag noch mal versuchen könne. Um drei? Zehn nach drei? Warum nicht. Sie würde sich dann so lange der Gartenarbeit widmen. Am Nachmittag klingt sie am Telefon immer noch ein wenig verschlafen. Dabei hat sie eine neue Espressomaschine, wie sie stolz verkündet: «Jetzt muss ich mein Haus gar nicht mehr verlassen!»

Angel Olsen ist 32 Jahre alt, stammt aus St. Louis, Missouri, und wurde mit drei Jahren adoptiert. Ihre Adoptiveltern mussten darum kämpfen, sie adoptieren zu dürfen – sie sind jetzt «ungefähr 76 und 85 Jahre» alt. Denn: «Es fällt mir schwer auf dem Laufenden zu bleiben, was ihr Alter angeht, und ich frage ungern nach. Aber ich glaube, sie sind definitiv ungefähr so alt.»

Ihr erstes Album erschien 2012. Musikalisch war Olsen am Anfang eher folkig, auf Akustikgitarre und Einbezug traditioneller Formen hin orientiert. Später gab es mehr verzerrte E-Gitarren und grungige Riffs, aber auch mehr Indie-Pop-Momente, etwa in ihrem Hit «Shut Up Kiss Me». Auf ihrem neuen Album «All Mirrors» ist sie beim Bombastpop angekommen. Und ihr Stern strahlt heller denn je. Im Internetforum Reddit wurde jüngst diskutiert, ob sie die Verfasserin des Miley-Cyrus-Songs «Bad Karma» sei. Ist sie nicht, sagt sie, hätte aber auch nichts dagegen. «Ich glaube, Miley Cyrus ist ein nettes Mädchen. Ich würde liebend gerne einen Song für sie schreiben.»

In «Lark» geht sie den Weg des Pathos bis zum bitteren Ende

Von «All Mirrors» hat Angel Olsen zwei Fassungen aufgenommen, erst eine reduzierte Akustikversion, dann eine schwelgerische mit einem 14-köpfigen Streichorchester. Sie hat überlegt, welche sie veröffentlicht, und sie hat sich für die Orchesterfassung entschieden. Zur Freude der einen, zum Leidwesen der anderen.

Bombastpop ist ein Ausdrucksmittel, an dem sich die Geister scheiden. Im Song «New Love Cassette» funktioniert es ganz gut, «Impasse» klingt wie für James Bond geschrieben. Doch in «Lark» geht sie den Weg des Pathos bis zum bitteren Ende. Bis Minute 1.20 geht man auch mit, danach fühlt es sich an, als würde einen wer beim Abwaschen anschreien.

Im wirklichen Leben hat sie andere Sorgen. Milchschäumen etwa. Und sie wird nach der Lektüre des Psychologen C.G. Jung vom Schatten verfolgt. «Es ist schwer, mich selbst so richtig eindeutig zu sehen. Ich habe neulich viel zum jungschen Schatten gelesen, weil ein Freund mir beim Dreh zu unserem zweiten Musikvideo davon erzählte. Alle, einschliesslich du selbst, haben einen geheimen Schatten, eine dunkle Seite, etwas, an dem sie arbeiten müssen. Und wir alle schleppen ihn mit uns herum und beeinflussen Leute damit. Und so gut wie alle können ihn nicht sehen.»

Die reduzierte Version würde man auch gern hören

Sie habe Freunde verloren in den letzten Jahren, erzählt sie. Andere waren für sie da, bei denen sie damit nie gerechnet hätte. «Als ich eine meiner besten Freundinnen hier kennen lernte, verlief eine unserer ersten Unterhaltungen so: ‹Hi I’m Angel.› Und sie so: ‹Ja, ich hab von deiner Musik gehört.› Und ich: ‹Oh, cool.› Dann sagte sie: ‹Ich hab mir deine Musik aber ehrlich gesagt nicht wirklich angehört. Ich hab keine Ahnung, wie sie klingt.› Das hat geholfen. Und ich so: ‹Ich würde mir meine Musik auch nicht anhören, wenn ich sie nicht machen würde.›»

Im Zuge der aktuellen Publicity-Tour gab es Momente, in denen Angel Olsen in Tränen ausgebrochen ist oder zu Leuten gemeine Dinge sagte, für die sie sich später entschuldigen musste. «Manchmal mache ich drei oder vier Fotoshootings am Tag. Leute bringen ihre eigenen Lasten und skeptischen Gesichter und komischen Vibes mit und halten sie mir direkt vors Gesicht. Ich bin Empathin. Die Scheisse, die von dir erwartet wird, um dein Album zu promoten, ist einfach anders als früher. Aber jeder, der nicht in meiner Position ist, hofft natürlich darauf, es eines Tages zu sein. Nur ich könnte zukünftig auch echt weniger davon vertragen.»

Die reduzierte Version würde man auch gern von Angel Olsens neuem Werk hören. Eine theatralische Stimme ist oft wirkungsvoller in Kombination mit einem reduzierten Arrangement. Dabei kann sie beides – also eher «natürlich» singen oder eben künstlerisch durchformt, mit Leidenskieksern, Countryjauchzern und Opernbühnenvolumen. Zum Glück ist die Veröffentlichung der Akustikfassung fest vorgesehen.

Angel Olsen: «All Mirrors» (Jagjaguwar/Irascible)



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Erstellt: 19.10.2019, 16:55 Uhr

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