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Reden wie Churchill

Was Schweizer Politiker vom grössten Rhetoriker des 20. Jahrhunderts lernen können.

MeinungAndreas Kunz

Donnerstagnachmittag hörte ich im Radio eine Rede von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Donnerstagabend sah ich im Kino Winston Churchill im neuen Film «Darkest Hour». Donnerstagnacht wusste ich beim Einschlafen nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Als der liebe Gott den Völkern das Redetalent schenkte, standen die Schweizer nicht in der ersten Reihe. Das zeigt sich nicht nur bei ­Politikern, sondern auch bei Sitzungen oder ­Präsentationen, bei Geburtstagen oder Beerdigungen. Dabei liesse sich durchaus was machen. Auch Churchill – der als grösster Redner des 20. Jahrhunderts gilt und für seine Schriften den Literaturnobelpreis erhielt – war alles andere als ein Naturtalent, im Gegenteil: Als Kind soll er gestottert haben, als Jugendlicher sei er fad gewesen, und selbst als gestandener Politiker lispelte er ein wenig, sprach von den «Narzees», wenn er die Nazis meinte.

Churchill konnte auch nicht aus dem Stegreif sprechen, er lernte seine Reden, Bonmots und Anekdoten stets auswendig – oder wie er selber sagte: «Am meisten Vorbereitung kosten mich immer meine spontan gehaltenen, improvisierten Reden.» Oft arbeitete er wochenlang daran; in Büro, Bett oder Badewanne. Er ordnete die Wörter harmonisch und die Sätze in Verse, notierte sich Lautstärke, Pausen und Räuspern. Ohne mühselige Arbeit wäre ein Satz, wie er ihn nach dem gewonnenen Luftkrieg gegen Deutschland gesagt ­hatte, wohl gar nie ­entstanden: «Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben so viele so wenigen so viel zu verdanken gehabt.»

«Um Eindruck zu machen, ist der Weichspüler das falsche Mittel.»

Churchill suchte stets nach den präzisesten, kürzesten und prägnantesten Worten, die er gerne effektvoll an­einanderreihte, wie in der «Blut, Schweiss und Tränen»-Rede zum britischen Kriegseintritt. Er liebte die bildhafte Sprache («Der russische Bär») und den rhetorischen Trick der Wiederholung. Mitunter sprach er die ­Zuhörer direkt an: «Sie fragen, was unser Ziel ist?», sagte er in einer Radioansprache. «Ich kann mit einem Wort antworten: Sieg – Sieg um jeden Preis. Sieg trotz allem Schrecken, Sieg, so lang und hart der Weg auch sein mag.»

Zu Churchills besten Waffen gehörte sein ­Humor, mit dem er selbst bei ernsten Themen für denkwürdige Überraschungseffekte sorgte. «Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen – ausgenommen aller anderen», meinte er einmal. Oder: «Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: die Verteilung der Güter. Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: die gleichmässige Verteilung des Elends.»

Für seinen Martialismus, seine Theatralik und seine bisweilen rüden Einwürfe – Gandhi nannte er einen «halbnackten Fakir» – wurde Churchill zu Friedenszeiten auch oft kritisiert. Heute würde er angesichts der masslos gestiegenen Empfindlichkeiten aus dem Shitstorm gar nicht mehr ­herauskommen. Wohl auch deshalb denken Schweizer Politiker beim Reden lieber daran, wen sie alles nicht verletzen dürfen – statt an die mitreissende Wirkung, die ein klug komponierter und durchaus angriffiger Vortrag haben kann. Um beim Publikum Eindruck zu machen – das erste Ziel eines jeden Redners –, ist der Weichspüler das falsche Mittel. Es braucht die edle Feder ebenso wie «gelegentlich den Rammbock», sagte Churchill. Sonst bleibt nichts in Erinnerung als Bündnerfleisch – was traurig ist und alles sagt.

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