Lotsen-Urteil: Rega-Chef fordert Gesetzesänderung

Internationale Aviatiker fürchten um die Flugsicherheit, weil in der Schweiz ein Lotse verurteilt worden ist. Nun erhält Skyguide prominente Hilfe.

«Seit Jahrzehnten machen wir unseren Betrieb dank der Just Culture sicherer – im Flug- und im medizinischen Bereich», sagt Rega-Chef Ernst Kohler. (Foto: Keystone)

«Seit Jahrzehnten machen wir unseren Betrieb dank der Just Culture sicherer – im Flug- und im medizinischen Bereich», sagt Rega-Chef Ernst Kohler. (Foto: Keystone)

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Internationale Aviatiker fürchten um die Flugsicherheit, weil in der Schweiz ein Lotse verurteilt worden ist. Das Urteil des Bundesgerichts gegen einen Mitarbeiter von Skyguide sorgt in der Luftfahrtbranche über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Dabei geht es um die sogenannte Just Culture. Sie ermöglicht, dass Lotsen, Crews oder Techniker Zwischenfälle melden, die sie verursacht oder entdeckt haben. Und zwar ohne die Gefahr, bestraft zu werden – es sei denn, sie hätten grob fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt.

Gerade weil der vom Gericht beurteilte Vorfall aus dem Jahr 2013 glimpflich ausging, sehen die Aviatiker durch den Schuldspruch dieses System gefährdet. Das tut auch der internationale Berufsverband der Fluglotsen Ifatca, der rund 50'000 Flugverkehrsleiter aus 130 Ländern vereinigt. Tom Laursen, der bei Ifatca für Europa zuständige Vice President, schreibt, der Verband sei wegen des Verdikts in «grosser Sorge um das ganze aviatische System».

In England stellt die Vereinigung der Fluglotsen fest: «Sehr beunruhigende Neuigkeiten aus der Schweiz. Einem Land, in dem das Konzept der Just Culture in der Luftfahrt bewusst missachtet wird.» In dieselbe Kerbe schlägt der europäische Dachverband der Lotsenvereinigungen: «Während europäische Institutionen die Just Culture als einen Hauptpfeiler des Luftverkehrssystems betrachten, ist sie im Herzen Europas nur eine leere Worthülse.»

Die europäischen Hüter der Sicherheit sind in Sorge

Kritik am Schweizer Urteil üben nicht nur Lotsen und deren Vertreter. Auch Eamonn Brennan, Chef von Eurocontrol, der europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, findet klare Worte: «Dieser Entscheid schadet längerfristig der Sicherheit des Flugverkehrs.» In Europa, wo die Just Culture respektiert werde, stehe das Vorgehen der Schweizer Justiz völlig quer in der Landschaft.

Und mittendrin steht Sky­guide-Chef Alex Bristol: «In diesem Fall kann und will ich die Schweiz nicht verteidigen.» Er sei selbst in England lange Lotse gewesen und habe Verfehlungen melden müssen. «Hätte das britische Justizsystem so funktioniert wie jenes der Schweiz, wäre ich schon dreimal verurteilt worden», sagt er.

Der Skyguide-Chef räumt ein, dass seit der ersten solchen Anklage eines Lotsen im Jahr 2014 (der Fall ist beim Bundesgericht hängig) zu viel ungenutzte Zeit verstrichen sei. «Wir haben schlicht nicht damit gerechnet, dass es zu einem Schuldspruch kommt.» Nun hat Skyguide eine Kampagne angestossen, die von zahlreichen Vertretern der Aviatik getragen wird. «Ziel ist es, die Just Culture im Gesetz zu verankern – für alle risikosensiblen Organisationen», sagt Bristol. Er will, dass auch die Mediziner, die Nuklearindustrie und der öffentliche Verkehr mit dieser Kultur weiterhin effizient Sicherheitslücken schliessen können.

Nachdem sich schon die Piloten mit den Lotsen solidarisierten, eilen ihnen nun die Luftretter zu Hilfe. Rega-Chef Ernst Kohler ist konsterniert: «Seit Jahrzehnten machen wir unseren Betrieb dank der Just Culture sicherer – im Flug- und im medizinischen Bereich.» Fliege künftig die Angst vor juristischen Folgen mit den Rega-Besatzungen mit, diene dies niemandem – im Gegenteil. «Es könnte dazu führen, dass unsere Crews gewisse Flüge nicht mehr durchführen können oder wollen. Darum gehört die Just Culture ins Gesetz.»



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Erstellt: 07.07.2019, 00:11 Uhr

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