«Greta-Effekt»? Schweizer buchen Ferien nur zögerlich

Das wichtige Sommergeschäft will bei den grossen Anbietern nicht auf Touren kommen.

Mit dem Flieger kurz nach Spanien: Selbst ein Reiseprofi fragt sich, ob das noch drinliegt. Foto: Keystone

Mit dem Flieger kurz nach Spanien: Selbst ein Reiseprofi fragt sich, ob das noch drinliegt. Foto: Keystone

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Schon an der Internationalen Tourismusbörse in Berlin, der wichtigsten Branchenmesse, zeigten sich die grossen Reiseveranstalter besorgt über den tiefen Buchungsstand für die Hauptferienzeit im Sommer. Das war Anfang März. Ein paar Wochen später tönt es nicht viel besser. «Wir beobachten momentan einen Buchungsstau, den wir uns nicht ganz erklären können», sagt Dieter Zümpel, Chef von DER Touristik Suisse, zu der unter anderen die Marken Kuoni und Helvetic Tours gehören.

Bei TUI und Hotelplan Schweiz klingt es ähnlich. Man spricht von «verhaltenem Geschäftsgang». Die Sommerferien sind von grösster Wichtigkeit für die Reiseveranstalter, und normalerweise setzen die Buchungen für diese Zeitperiode im Januar, spätestens aber im Februar ein, da Familien ihre Pläne langfristig machen.

Genaue Angaben wollen Hotelplan und Co. zwar nicht machen, sprechen aber von Zahlen, die «knapp» unter oder auf Vorjahresniveau sind. DER Touristik Suisse bestätigt, dass man noch «deutlich» zulegen müsse, um die ehrgeizigen Wachstumsziele zu erreichen. Das Unternehmen muss 2019 in die schwarzen Zahlen finden.

Selbst die Globetrotter-Group nimmt bis dato nicht die gewünschte Fahrt auf.

Beim Schweizer Reise-Verband bestätigt man den Rückgang. Der Geschäftsführer des Branchenverbands, Walter Kunz, schätzt, dass die Umsätze dem Vorjahr zwischen 7 und 10 Prozent ­hinterherhinken. «Wenn es nur ein Buchungsstau wäre, würde mir das keine Sorgen bereiten. Das gibt es immer wieder mal. Die Branche rätselt aber drüber, ob nebst dem warmen letzten Sommer auch die Klimadebatte eine Rolle spielt», sagt Kunz. Selbst er als Profi habe kürzlich auf einem Wochenend-Kurztrip nach Spanien ein anderes Gefühl gehabt als sonst. «Die aktuellen Diskussionen lassen einen nicht unberührt, und wir müssen im Reisebüro Antworten darauf finden.»

Zu einer ähnlichen Analyse kommt DER-Touristik-Suisse-Chef Zümpel: «Solche Zurückhaltung gab es in der Vergangenheit immer mal wieder, dann kommen die Buchungen einfach später. Schwieriger wird es, wenn ein Paradigmenwechsel das Verhalten der Kunden nachhaltig beeinflussen würde, die Klimadebatte etwa.» In der Reisebranche wird bereits vom «Greta-Effekt» geredet, doch man kann die Entwicklung noch nicht einordnen.

Selbst die Globetrotter-Group, die nicht wie Kuoni oder Hotelplan auf den Massenmarkt ausgerichtet ist, nimmt bis dato nicht die gewünschte Fahrt auf. Chef André Lüthi liegt beim Umsatz 3 bis 7 Prozent im Rückstand, je nach Marke. Letztes Jahr war für ihn noch ein Spitzenjahr. «Es gibt verschiedene Gründe für die Entwicklung. Der wachsende Anteil der Onlineportale ist einer, aber es ist klar, dass auch die Klimastreiks die Buchungslust bremsen», so Lüthi.

Bahnreisen gewinnen derzeit an Beliebtheit

Ein Indiz dafür ist die Entwicklung bei den Bahnreisen. Globotrain beispielsweise, eine von Lüthis spezialisierten Marken, läuft zurzeit sehr gut. Das Unternehmen will expandieren. Auch bei Railtour, das zur DER Touristik Suisse gehört, zieht die Nachfrage an. «Wir hatten in den letzten Wochen tatsächlich eine Zunahme von Bahnreisebuchungen», sagte ein Kadermann von Railtour diese ­Woche dem Branchenblatt «Travel­inside».

Die grossen Player sind stark unter Druck

Doch das sind erst zaghafte Anfänge. Denn gleichzeitig beobachten die Reiseprofis widersprüchliches Verhalten. Kreuzfahrten, die nicht als umweltfreundlich gelten, figurieren bei Hotelplan Suisse unter den Top 3 in der Kategorie Rundreisen. TUI Suisse wiederum bietet den Kundinnen und Kunden an den Zieldestinationen seit einiger Zeit Ausflüge an, die dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet sind, auch Öko-Hotels hat der Reise­riese im Angebot. Die Nachfrage nach diesen Produkten hält sich aber arg in Grenzen. Im Klartext: Sind die Feriengäste erst mal an der Sonne, ist es bald vorbei mit dem ökologischen Gewissen.

Der Buchungsstau kommt für die Branche zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die grossen Player sind stark unter Druck. DER Touristik Suisse ist auf Aufholjagd nach verlorenen Marktanteilen, Marktführer Hotelplan Suisse war 2018 auch knapp in den roten Zahlen und muss Boden gutmachen. Erste Preisnachlässe sind bereits auszumachen. Bleibt die Zurückhaltung der Kunden bestehen, droht ein richtiger Preiskrieg, der ins Geld geht. Das wäre schlecht für alle Beteiligten. «Wichtig ist, dass jetzt keiner der Akteure die Nerven verliert und einen Preiskampf anzettelt», sagt Kuoni-Schweiz-Chef Zümpel.

Erstellt: 07.04.2019, 07:50 Uhr

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