Rentner haben im Pandemiefall das Nachsehen

Der Bund bereitet Notfallpläne für eine Grippe-Pandemie vor. Ist der Impfstoff knapp, sollen ältere Menschen zuletzt versorgt werden.

Der Entwurf des BAG für das neue Impfregime steht: Ein älterer Mann trägt einer Pandemiemaske. Bild: Keystone

Der Entwurf des BAG für das neue Impfregime steht: Ein älterer Mann trägt einer Pandemiemaske. Bild: Keystone

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Wieder ist sie besiegt. Die Grippe hat sich dieses Jahr hart­näckiger gehalten als in anderen Wintern. Doch im April war der Yamagata-Virus gebodigt.

Vielleicht schon nächstes Jahr wird die Sache nicht mehr so glimpflich ausgehen. Fachleute gehen davon aus, dass es alle 40 bis 80 Jahre in der Schweiz zu einer Pandemie kommt. Es wird Tausende Tote geben. Hunderttausende Erkrankte müssen in Spitälern gepflegt werden.

Die grössten Überlebenschancen hat dann, wer rasch mit einem wirksamen Impfstoff versorgt wird. Doch im Pandemiefall werden die Dosen knapp sein. Wer damit zuerst versorgt wird, entscheiden die Bundesbehörden – und das beschlossene Impfregime wird nötigenfalls mithilfe von Sicherheitskräften durchgesetzt.

Um gerüstet zu sein, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) jetzt konkrete Kriterien ausarbeiten lassen, nach denen im Pandemiefall knapper Impfstoff verteilt werden kann. Die von der ETH Zürich verfasste Studie «Prioritätenliste und Kontingentberechnung» wägt über 70 Seiten ethische und medizinische Kriterien ab, lotet Ausbreitungsszenarien aus und schlägt mögliche Priorisierungskaskaden vor.

Verband für Seniorenfragen wundert sich

Der von den Wissenschaftlern favorisierte Verteilschlüssel sieht vor, dass zuerst Kinder und Jugendliche sowie eine kleine Gruppe von Medizinalpersonen mit dem überlebenswichtigen Impfstoff versorgt werden. Dann sind Schwangere und Risikopatienten an der Reihe: zuerst die jüngeren Risikopatienten, dann die älteren. Noch rüstige Rentner müssen warten, bis die ganze Schweiz durchgeimpft ist.

«Mit Verwunderung» nimmt der Schweizerische Verband für Seniorenfragen (SVS) vom Studienergebnis Kenntnis. Zwar habe man Verständnis für eine Bevorzugung von Kindern und Krankenhauspersonal. «Die Unterteilung in Risikogruppen bis 64 Jahre und Risikogruppen ab 65 Jahren ist aber völlig willkürlich und diskriminierend», sagt Karl Vögeli, Präsident der Dachorganisation Senioren- und Rentnerverbände.

«Jede Form der Priorisierung wird die einen zufriedenstellen, die anderen nicht», schreiben die Autoren der Bundesstudie denn auch vorsorglich. Von gesellschaftlichen Konventionen haben sie sich nicht leiten lassen. Bei der Formulierung der Zuteilungskriterien stützten sie sich, deutlicher als im bestehenden Pandemieplan des Bundes, auf epidemiologische Grundsätze.

Junge tragen am meisten zur Verbreitung bei

Damit unterscheidet sich das Schweizer Konzept von den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den Plänen, welche in den USA, in Kanada, Australien und zahlreichen EU-Ländern für den Krisenfall vorgesehen sind. Diese Länder privilegieren nicht Kinder und Jugendliche, sondern Personen mit einem erhöhten Sterberisiko oder solche, die bei einer Erkrankung mit schweren Komplikationen rechnen müssen.

Statt auf die Kranken setzt der Vorschlag des Bundes auf das Szenario «Jüngste zuerst». Dieses habe den günstigsten Effekt auf die Ausbreitungsdynamik. Kinder würden wegen ihres Kontaktmusters stark zur Ausbreitung der Pandemie beitragen, argumentiert das BAG.

Impfstoff-Lotterie wäre für den Bund möglich

Dass sein Lösungsansatz umstritten ist, weiss der Bund: In einer Umfrage taxieren Ärzte, Medizinalpersonal und Bürgerinnen und Bürger eine Bevorzugung von Kindern als «eher unfair». Eine Bevorzugung von Kranken – so wie es die WHO vorschlägt – findet hingegen eine breite Akzeptanz.

Weil sich Pandemien unterscheiden, will sich der Bund auch weitere Zuteilungsoptionen offenhalten, zum Beispiel das Zufallsprinzip. Bei diesem würden die Impfdosen ausgelost. Jede Person hätte die gleiche Chance. Das Verfahren wäre sehr fair. «Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass durch diesen Mechanismus eine Familie als Gesamtes geimpft wird», heisst es im Grundlagenpapier des Bundes.

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Über die Studie, zu der sich die SonntagsZeitung gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz Zugang verschafft hat, sind die Kantone Anfang April informiert worden. In den kommenden Monaten will das BAG die Kriterien, welche im Pandemiefall zu einem Verteilschlüssel führen, mit den Kantonsärzten diskutieren. Offene Fragen – beispielsweise der Umgang mit Grenzgängern – müssen ebenfalls geklärt werden. Danach soll das vorgeschlagene Impfkonzept verbindlich werden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 23:29 Uhr

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