Resistenter Schweinekeim breitet sich in der Schweiz aus

Führende Mediziner warnen seit Jahren – jetzt fordern sie endlich griffige Massnahmen.

Die Krankheitserreger besiedeln Schweinerüssel: Dort stecken sich etwa Bauern oder Veterinäre an und verschleppen sie in Spitäler Foto: Keystone

Die Krankheitserreger besiedeln Schweinerüssel: Dort stecken sich etwa Bauern oder Veterinäre an und verschleppen sie in Spitäler Foto: Keystone

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In Schweizer Schweineställen grassiert ein multiresistenter Keim, der auch für Menschen zu einem ernsthaften Problem werden kann. Bei einem Monitoring des Bundes wurde im letzten Jahr eine starke Häufung des Krankheitserregers mit dem Kürzel MRSA CC398 festgestellt. Europaweit sind mehrere Fälle bekannt, die für Erkrankte tödlich endeten. Weil sie mit dem Schweinekeim infiziert waren, wirkten Antibiotika nicht mehr.

Der Keim besiedelt vor allem die Nasen der Schweine. Wegen des übermässigen Einsatzes von Antibiotika in der Tiermast hat er ein Resistenzgen entwickelt. Heimtückisch: Er nistet sich auch in Schleimhäuten von Menschen ein, die mit den Tieren zu tun haben. Betroffen sind Schweinebauern, Veterinäre, Tiertransporteure oder Schlachthausangestellte. Über sie wird der Krankmacher in Spitäler und Pflegeheime eingeschleppt und stellt dort auch eine potenzielle Gefahr für Mitpatienten dar.

Erstmals wurde der Erreger in der Schweiz 2009 festgestellt. Damals fanden ihn die Veterinärbehörden in rund 2 Prozent der getesteten Tiere. Bis 2013 kletterte der Wert auf rund 21 Prozent und nahm dann nur noch moderat zu. Neue Zahlen zeigen jetzt: Letztes Jahr wurde ein enormer Anstieg verzeichnet. 44 Prozent der getesteten Tiere waren positiv. Das geht aus Daten hervor, welche die SonntagsZeitung gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz von den Bundesbehörden verlangt hat.

Wegen dieses Anstiegs fordern Tiermediziner und Infektiologen vom Bund nun konkrete Schritte, um die weitere Verbreitung zu stoppen. «Jetzt braucht es eine klare Risikoabschätzung und allenfalls griffige Massnahmen» sagt Vincent Perreten, Professor am Institut für Veterinärbakteriologie in Bern. «Einfach zuschauen ist keine Option, wertvolle Zeit ist bereits verstrichen», kritisiert Andreas Widmer. Der stellvertretende Chefarzt am Universitätsspital Basel ist Präsident der Expertengruppe Swissnoso, welche die Behörden im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen berät.

Im Ausland gab es bereits Todesfälle

In seinem Überwachungsprogramm hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) im letzten Jahr in 19 Schlachtbetrieben bei 304 Schlachtschweinen Proben aus Nasenschleimhäuten und Blinddärmen genommen. Bei 134 Schweinen stellten Veterinäre des Bundes resistente Keime fest. 104 dieser Tiere waren gegen vier oder mehr Antibiotika unempfindlich. Wieso es zu diesem Anstieg kam, wissen die Behörden nicht. «Eine spezifische Erklärung dafür gibt es nicht», schreibt das BLV.

Die für den Menschen typischen MRSA-Stämme konnten die Humanmediziner in den letzten Jahren unter Kontrolle bringen. Doch jetzt würde die hohe MRSA-Quote bei Schweinen eine Anpassung der Behandlungsrichtlinien nötig machen, sagt Swissnoso-Präsident Widmer. Kranke mit ständigem Schweinekontakt und deren Familienmitglieder müssten künftig speziell abgeklärt und behandelt werden. Bislang war dies nur bei Patienten aus Gebieten mit hoher MRSA-Belastung, beispielsweise aus Italien, Griechenland oder Mitteldeutschland, der Fall.

Hier, im «Schweinegürtel» Deutschlands, ist der multiresistente Schweinekeim Spitalalltag. 85 Prozent der Schweinebauern tragen ihn laut einer aktuellen Untersuchung auf der Nasenschleimhaut. Ärzte des Universitätsspitals Münster berichteten von Patienten, bei denen Wunden trotz Antibiotikakuren nicht heilen. Mindestens zwei Patienten starben wegen des multiresistenten Keims. Auch in Dänemark bestätigen die Behörden Todesfälle. Forscher beobachten zudem, dass sich der Schweinekeim auch dem Menschen anpasst. Laut einem Report der dänischen Behörden breitet er sich in der Bevölkerung aus. Eine Alarmmeldung kommt zudem von der europäischen Lebensmittelbehörde Efsa: In Portugal wurden bei zwei Zuchtschweinen in einem MRSA-Keim Resistenzen gegen das Antibiotikum Linezolid festgestellt, einem für die Behandlung kranker Menschen wichtigen Reserveantibiotikum.

Fachleute machten schon vor drei Jahren Vorschläge

Führende Schweizer Wissenschaftler warnen seit mehreren Jahren vor der «dramatischen Ausbreitung» des resistenten Keims. Bislang erfolglos. Trotz des beträchtlichen Anstiegs um 71 Prozent zwischen 2015 und 2017 haben die Veterinärbehörden des Bundes das Monitoring bei Schweinen dieses Jahr sogar ausgesetzt.

Studien der Vetsuisse-Fakultäten Zürich und Bern zeigen allerdings, dass sich die resistenten Keime unter Schweinen sehr rasch übertragen. Deshalb muss in Zukunft mit noch höheren MRSA-Quoten gerechnet werden. «Bei einer Durchmischung ist schon nach weniger als zwei Stunden ein Drittel ursprünglich nicht betroffener Schweine auch mit MRSA besiedelt», sagt Xaver Sidler von der Vetsuisse-Fakultät Zürich. Er und weitere Tiermediziner verlangten schon vor drei Jahren, dass betroffene Landwirtschaftsbetriebe ausfindig gemacht und der Handel mit betroffenen Schweinen in separaten Kanälen abgewickelt wird. «So kann die Verbreitung in Gesundheitseinrichtungen verhindert werden», schrieben sie, als die MRSA-Quote bei Schweinen erst rund halb so hoch war.

Man stehe im Austausch mit Behörden und Experten aus allen betroffenen Bereichen, liess das Veterinäramt des Bundes verlauten. Zur Forderung nach konkreten Massnahmen äusserte es sich allerdings nicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 20:03 Uhr

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