Retter in der Satirenot

Seit dem Ende von «Giacobbo/Müller» tut sich das Schweizer Fernsehen schwer in Sachen Late Night – obwohl es Talente wie Michael Elsener gibt.

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Es gibt mindestens drei Dinge, von denen der Mensch nicht genug bekommen kann: Geld, Liebe und intelligente Unterhaltung. Was Letzteres betrifft, kann uns in Zukunft vielleicht der Mann helfen, der fürs Foto in eine Kiste gestiegen ist: Michael Elsener, der sich in seinem Beruf als Komiker alles andere als weltflüchtig zeigt, sich nicht versteckt. Der 32-Jährige steht vielmehr für eine Satire neueren Typs: eine, die Aktualität nicht mit industriellen Pointen abfertigt und nicht alles in Witze verwurstet. Stattdessen Themen aufgreift, an die sich andere nicht wagen. Weil sie ihnen zu bekannt, zu dröge oder zu schwierig scheinen.

«Comedy-Essays» nennt Elsener solche Formate, die Themen nicht nur aufbringen, sondern auch zu vertiefen versuchen. Am erfolgreichsten in diesem Satiregenre ist John Oliver: Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Zucker, Trump (ja, auch der) oder Kryptowährungen – über alles hat der gebürtiger Brite in seiner Late-Night-Show beim US-Sender HBO Monologe gehalten. Und dabei das erreicht, was als Ideal eines zeitgemässen Journalismus gelten kann – in Beiträgen, die recherchiert und unterhaltsam zugleich sind. So etwas sähe man gerne auch auf SRF.

Fernseh-Dinosaurier statt aktuelles Satireprogramm

«Das Schweizer Fernsehen hat es verkackt», urteilte Viktor Giacobbo Anfang Jahr. Gemeint war damit die Nachfolge für die eigene Late-Night-Sendung «Giacobbo/Müller», die Ende 2016 nach acht Jahren vom Sender ging. Der Satireplatz am Sonntagabend überliess SRF dem TV-Dinosaurier Kurt Aeschbacher. Dabei hätte es durchaus Möglichkeiten gegeben, den etablierten Sendeplatz mit neuen Satireprogrammen zu bespielen. «Wir haben früh genug junge Künstler und Künstlerinnen empfohlen, die sich eignen würden», sagte Giacobbo dazu. Aber SRF habe diese Vorschläge ignoriert. Gut möglich, dass dabei auch der Name von Michael Elsener erwähnt wurde.

Satire ist beim Schweizer Fernsehen billiges Programm: Eine Sendung kostet im Schnitt 116 000 Franken; eine Folge «Happy Day» gut das Fünffache. Fragt man nach, warum die Vorschläge von Viktor Giacobbo ignoriert wurden, gibt sich das Fernsehen spröde: SRF habe zu Giacobbos Aussagen «keine Stellung bezogen und wird auch keine Stellung beziehen».

Untätig war und ist unser Fernsehen nicht: Mit Michael Elsener, dem Mann aus der Kiste, gibt SRF einem jungen Comedian eine Chance: Mit «Late Update» kann er eine Pilotsendung aufzeichnen, die in zehn Tagen ausgestrahlt wird. Endlich, möchte man meinen, denn Elsener macht schon länger das, was Oliver in «Last Week Tonight» so erfolgreich tut: In Video-Monologen versucht er Themen einen neuen Dreh zu geben. So etwa in jenem zu No Billag, ein Video, in dem Elsener TV-Abstinenten verdeutlicht, dass auch sie Inhalte konsumieren, die mit Billag-Gebühren finanziert wurden, etwa den SRF-Beitrag, in dem Martullo-Blocher ihren Mitarbeitern die «seven thinking steps» einpeitscht.

Hunderttausende haben das No-Billag-Video auf Facebook angeschaut. Wie viele es genau sind, weiss Elsener selbst nicht. Als er aus der Kiste gestiegen ist, zückt er sein Handy und klickt kurz durch sein Facebook-Profil: Mehr als 700 000 sind es. Einen «Comedy-Essay» soll es auch in «Late Update» geben: «Ich möchte einen Schritt zurück machen und nochmals einen anderen Blick auf die Aktualität werfen», sagt Elsener dazu.

Klassische Late-Night-Formate und ihre Alternativen

Elsener ist nicht der Einzige, dem SRF eine Chance gegeben hat: Seit Mai 2016 gibt es mit «Deville» ein klassisches Late-Night-Format mit Stand-up-Monolog, Sidekick und Talkgästen. Versuche gab es auch mit Müslüm und Michel Gammenthaler. Durchgesetzt hat sich nur «Deville», das jeweils am Freitag kurz vor Mitternacht ausgestrahlt wird. Ein Sendeplatz, von dem selbst SRF sagt, er habe ein wesentlich geringeres Potenzial als der Sonntagabend. «Deville» erreicht im Fernsehen denn auch nur gut zehn Prozent der Zuschauer von «Giacobbo/Müller».

Obwohl die SRF-Comedy-Redaktion nach eigenen Angaben in der Sendung auch in der fünften Staffel noch immer ein «Experiment» sieht, das man auf der nächtlichen «Spielwiese» halten will, ist «Deville» ein Erfolg. Vor allem im Netz, wo die Einspieler der Sendung ein breites Publikum finden. Allen voran jener, der bei Donald Trump darum weibelt, dass die Schweiz auf dem zweiten Platz hinter «America First» rangieren darf. 15 Millionen haben dieses Video geschaut.

Elseners «Late Update» kann als Gegenentwurf zu klassischen Late-Night-Formaten wie «Deville» gesehen werden: Es will auf ein Thema setzen. Das scheint nötig, damit eine Satiresendung heute bestehen kann – angesichts der «Häppchen-Komik» (wie Elsener sie nennt) und der Kreativität, die auf Twitter im Tempo der hochgetakteten Aktualität geboten werden. «Als normaler Medienkonsument kennt man eigentlich schon alle möglichen Witze, wenn man eine klassische Late-Night-Sendung schaut», sagt Elsener dazu.

Die Leute zu unterhalten, ist das «oberste Ziel» des Comedians. Es soll aber auch Momente geben, «die nicht zwingend lustig sind». Pointen, die zu jedem möglichen Thema gemacht werden können, lehnt Elsener ab. Ihm geht es um Zusammenhänge, um Vertiefung und Hintergründe. Mithilfe von Satire. Für Elsener ist das eine «natürliche Entwicklung»: Es reiche nicht mehr, «nur einen Witz oder eine Pointe zu einem Thema zu machen und dann zum nächsten überzugehen». Nicht zuletzt, weil man damit Teil eines Mediensystems würde, das Elsener kritisiert. Die zusammenhängenden Comedy-Essays erhöhen auch die Chance, dass Elseners Sendung im Netz nicht nur in Häppchen, sondern als Ganzes wahrgenommen wird.

Mögliche Essay-Themen gibt es viele. Nachgedacht hat Elsener über Facebook, unser allerliebster Datenkrake. Oder über Pierin Vincenz, von dem man nicht wisse, «ob er seine Stimme zu No Billag noch abgeben konnte», da der einstige Raiffeisen-Boss bereits wenige Tage vor der Abstimmung in Untersuchungshaft kam. Aber eigentlich habe es Vincenz ja geschafft, meint Elsener: «Endlich spielt die Raiffeisen in der Liga der Credit Suisse und der UBS. Endlich hat auch sie einen Bad Guy.»

Aber kann ein Schweizer gegenüber internationalen Formaten wie «Last Week Tonight» bestehen, falls ihn SRF regelmässig auf Sendung schicken würde? «Klar», sagt Elsener. Zwar hätten die Amerikaner für ihre Satiresendungen grosse Teams und viel mehr Geld, als in der Schweiz jemals verfügbar sein werde. Aber für Elsener, der seine Videos bisher auf eigene Kosten produzierte, ist der Erfolg nicht nur eine finanzielle Frage. «Es ist unglaublich, was für ein Arbeitsethos die amerikanischen Late-Night-Macher haben.» Elsener weiss, wovon er spricht: 2014 hat er drei Tage bei John Oliver hospitiert. «Nirgendwo bin ich Menschen begegnet, die so viel arbeiten und so committed sind.»

Ein hohes Arbeitsethos glaubt man auch bei Elsener auszumachen: Das Handy schaltet er jeden Tag erst um 13 Uhr ein, um sich in Ruhe ein Bild der Nachrichten­lage zu machen und um in seinen Essays die gewünschte Tiefe zu erreichen. Gewiss, gelegentlich wirkt Elsener etwas arg didaktisch, etwa dann, wenn er in einem seiner Facebook-Videos den ökologischen Wahnsinn anprangert, den wir mit unserem Mineralwasserkonsum verursachen. Aber vieles entsteht, weil es den studierten Politikwissenschaftler einfach interessiert.

Am Ende von Elseners «Late Update» soll es denn auch einen Talk mit einem Politiker geben. Dass er solche Gespräche beherrscht, hat er bewiesen: In seiner «Gute Nacht Show» im Theater war kürzlich der SVP-Hardliner Andreas Glarner zu Gast. Im Video davon sieht man einen Glarner, der auf Elseners Nachfrage zwar wiederholt betont, dass alles «okay» sei, dem es aber sichtlich unwohl ist, als ein früheres Flüchtlingskind dem «lieben Andreas» ein «Happy Birthday» singt. Glarners Sprachlosigkeit kann als Erfolg gewertet werden: als ein Nullpunkt, von dem aus ein neuer Blick auf die Politlandschaft möglich ist.

«Late Update» wird am 12. April um 22.25 Uhr auf SRF 1 gezeigt

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 19:09 Uhr

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