Ribar spielte heikles Mandat herunter

Ihre Zusammenarbeit mit dem verurteilten schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann Jean-Claude Bastos bringt der SBB-Präsidentin politischen Ärger – und einen Reputationsverlust.

Monika Ribar: Die SBB-Präsidentin gerät unter Druck von Polit- und Wirtschaftskreisen. <i>Foto: Dominique Meienberg </i>

Monika Ribar: Die SBB-Präsidentin gerät unter Druck von Polit- und Wirtschaftskreisen. Foto: Dominique Meienberg

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Premierefrau, Vorzeigemanagerin, mächtigste Wirtschaftsfrau der Schweiz – SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar surfte in den letzten Jahren auf der Erfolgswelle. Als sie 2013 als Chefin des Logistik­konzerns Panalpina abtrat, hätte niemand gedacht, dass ihre Profi-Verwaltungsratskarriere so befeuert würde. SBB, Lufthansa, Sika: Mit ihrem Portfolio an Mandaten gehört sie zu den Schwergewichten im Verwaltungsrat-Olymp.

Doch nun gerät die oberste Chefin der Bundesbahnen in Bedrängnis: Die Enthüllungen rund um die Paradise Papers rücken Ribar in den Dunstkreis des wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung verurteilten Schweiz-Angolaners Jean-Claude Bastos. Ribar sass zwischen Mai 2015 und Juni 2016 im Verwaltungsrat von Bastos’ Firma Capoinvest Limited mit Sitz auf den britischen Jungfern-Inseln, wofür ihr laut einer internen E-Mail 100'000 Dollar zugesichert wurden. Capoinvest steht hinter der Finanzierung eines grossen Hafenprojekts in Angola – in das Ribar ihre Logistikexpertise einbrachte.

Wie kam die als umsichtig geltende SBB-Präsidentin dazu, sich mit Bastos zusammenzutun und in den Verwaltungsrat einer Offshore-Firma einzusitzen, die in Südwestafrika geschäftet? Die Wirtschaftselite reibt sich die Augen. Zumal es wenig Aufwand braucht, um an Informationen über Unternehmen zu gelangen. «Die Prüfung eines Verwaltungsratsmandates war nie einfacher als heute. Im Internet findet man heutzutage alles», sagt Bruno Gehrig, Ex-Verwaltungsrat bei diversen Grosskonzernen wie UBS, Swiss Life und Roche.

«VR-Mandat birgt grosse Verantwortung»

Ribar sagt, sie habe vor der Annahme des Mandats alles genau geprüft. Allerdings: Sie räumt auch ein, sie sei von Bastos’ Verurteilung lediglich durch Medienberichte informiert gewesen. In diesen hatte der Schweiz-Angolaner den Richterspruch unvollständig oder gar irreführend dargestellt. Etwa indem er sagte, in allen wesentlichen Anklagepunkten freigesprochen worden zu sein und sich selber in keiner Art und Weise unrechtmässig bereichert zu haben. Beides steht im Urteil anders. Das Urteil hatte Ribar nicht gelesen. Bastos’ Auszug aus dem Strafregister ist inzwischen wieder leer, weil die zweijährige Probezeit abgelaufen ist. Die 58-jährige Wirtschaftsfrau betonte in der Vergangenheit immer wieder die Bürde, die eine Tätigkeit im strategischen Gremium einer Firma mit sich bringt. «Ein Verwaltungsratsmandat birgt eine grosse Verantwortung», sagte sie in einer Talkrunde 2014.

Umso mehr verwundert es, dass sie die Fakten, die nun über Bastos auf dem Tisch liegen, im Rahmen ihrer eigenen Überprüfungen nicht hellhörig gemacht haben: Bastos verwaltet den 5 Milliarden Dollar schweren angolanischen Staatsfonds, der wiederum das erwähnte Hafenprojekt zu einem grossen Teil finanziert. Gleichzeitig ist der Entrepreneur Mehrheitseigner eben dieses Hafens.

Für Corporate-Governance-Experte Silvan Felder von der Luzerner Verwaltungsrat Management AG ist klar: « Bei Mandatsanfragen aus Ländern, die weit hinten auf dem Korruptionsindex stehen, bei denen vorbestrafte Personen massgeblich involviert sind und Konstrukte in Steueroasen eine Rolle spielen – da müssten sämtliche Warnlampen aufleuchten.»

Bei Capoinvest fehlte die Firmensitzangabe

Hat Ribar also nicht genau recherchiert oder sich vom charismatischen Bastos blenden lassen? Klar ist: Die Ex-Panalpina-Chefin war bemüht, das Mandat kleinzuhalten. Gemäss Recherchen der SonntagsZeitung informierte Ribar den SBB-Verwaltungsrat zwar über ihr Engagement bei Capoinvest, spielte die Bedeutung aber herunter. Es sei eine unbedeutende Sache, ein Hafenprojekt in Angola.

Über die Beziehungen zu angolanischen Regierungskreisen und dem Staatsfonds wurde das Gremium nicht ins Bild gesetzt. Zu reden gab damals eher Ribars Fülle von Mandaten und ihre zeitliche Verfügbarkeit für die SBB.

Doch ihr gelang es offenbar, den Verwaltungsrat zu beruhigen. Ribar behauptet, ihr Mandat bei Capoinvest sei im SBB-Geschäftsbericht von 2015 korrekt deklariert. Auffällig ist jedoch, dass ausgerechnet bei dieser Firma als einziger die Angabe des Firmensitzes fehlt. Beim Bundesamt für Verkehr wusste man bei der Wahl von Ribar zur SBB-Präsidentin gar nichts von ihrem Einsitz in der Firma.

Es liegen keine Experimente drin

Souverän, pointiert, bodenständig und erst noch lustig – bis jetzt war Monika Ribars Image als Managerin makellos. Nicht einmal die wüste Auseinandersetzung um den Verkauf des Baukonzerns Sika, wo sie als Verwaltungsrätin im Fadenkreuz ist, konnte ihr schaden. Das SBB-Präsidium war eine Art Adelung. Nun holt sie das Engagement bei Jean-Claude Bastos unsanft ein. Bundesbern verlangt Rechenschaft. Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin und Präsidentin der Verkehrskommission, fordert Aufklärung. «Frau Ribars Vorgehen wirft Fragen auf. Verkehrsministerin Doris Leuthard muss jetzt untersuchen, warum Frau Ribar den Bundesrat nicht über dieses Mandat informiert und ob sie allenfalls die nötigen Sorgfaltspflichten verletzt hat. Auch Frau Ribar selbst sollte unverzüglich aus eigenem und im Interesse der SBB Klarheit schaffen.» Rickli erhält Sukkurs von ihrem Kommissionskollegen, GLP-Präsident Jürg Grossen. «Der Entscheid von Frau Ribar, als Verwaltungsrätin und designierte Verwaltungsratspräsidentin eines Staatsunternehmens dieses heikle Mandat anzunehmen, ist schwer nachzuvoll­ziehen.» Sie müsse nun offenlegen, wie es zu dem Mandat gekommen sei. Dann zeige sich, ob und welche Konsequenzen sie ziehen müsse.

In Wirtschaftskreisen wird Ribars Integrität zwar nicht angezweifelt, aber der Tenor ist einhellig: Hat man exponierte Mandate bei Konzernen wie SBB oder Lufthansa, liegen keine Experimente drin. «Dann muss man noch restriktiver sein bei Anfragen, noch genauer prüfen», sagt ein ausgewiesener Verwaltungsratsprofi.

«Das Reputationsrisiko ist einer der wichtigsten Faktoren, die es bei der Annahme eines neuen Mandats zu beachten gilt», sagt Monika Bütler, Universitätsprofessorin und Multiverwaltungsrätin (Schindler, Suva, Nationalbank). Deshalb lohne es sich, die Besitzer einer Firma genauer unter die Lupe zu nehmen. «Die Eigentümerschaft ist sehr wichtig, denn der Eigentümer entscheidet über die Strategie», sagt Ex-Swiss-Life-Verwaltungsratspräsident Bruno Gehrig. Unter diesem Aspekt hätte Bastos nach Ansicht vieler ein Fragezeichen auslösen müssen. Ein weiterer Verwaltungsratsprofi sagt: «Wenn Kriminalität oder illegitimes Verhalten im Raum stünde, wäre das für mich grundsätzlich ein rotes Tuch.»

Hafenprojekt habe Tausende von Jobs geschaffen

Ex-Siemens-Managerin Barbara Kux prüft Anfragen für neue Mandate immer selber. Betreffen sie einen Staat, der verdächtig ist, tut sie das noch akribischer. «Bei einem Mandat in Zusammenhang mit einem Land wie Angola – das im Transparency Index im untersten Zehntel steht – wäre ich sehr zurückhaltend und würde besonders genau prüfen, besonders im Zusammenhang mit Rohstoffen. Bei genauem Hinschauen gibt es aber sicherlich auch in kritischen Ländern professionell geführte und konforme Unternehmen», sagt Kux, die unter anderem im Verwaltungsrat von Henkel sitzt. Eine Rolle im Entscheid für das Mandat spielte wohl auch Walter Fust, Ex-Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Er arbeitet mit Jean-­Claude Bastos zusammen und bat Ribar um Unterstützung beim Hafenprojekt, wie sie sagt. Fust genoss einen tadellosen Ruf.

Die Managerin argumentiert damit, dass das Hafenprojekt «Tausende von Jobs» schaffe. Die andere Seite aber ist, dass Bastos bei all seinen Aktivitäten in Afrika kräftig mitverdient. «Angolas Anleger oder Abzocker?», fragt die «Schweizer Illustrierte» in ihrer neusten Ausgabe – und zeigt den Geschäftsmann in seiner Luxuswohnung am Zürcher Bellevue. Das sind nicht die Art von Schlagzeilen, die man sich bei den SBB in Zusammenhang mit der Präsidentin wünscht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.11.2017, 08:36 Uhr

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