Rockbands auf der Couch

Sie zählen zu den Rockstars der Gegenwart – die sich jahrelang einen Kleinkrieg lieferten. Nun veröffentlichen The Black Keys und The Raconteurs nach jahrelanger Pause neue Alben.

Die Sinnfrage, warum sie überhaupt noch Rockmusik machen, haben sie sich mit Sicherheit auch schon einmal gestellt: The Raconteurs. (Foto: David James Swanson)

Die Sinnfrage, warum sie überhaupt noch Rockmusik machen, haben sie sich mit Sicherheit auch schon einmal gestellt: The Raconteurs. (Foto: David James Swanson)

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Sie sind ein Fall für den Therapeuten. Und so sitzt das supererfolgreiche Duo The Black Keys, das den Garage-Blues-Rock für die ganz grossen Bühnen fit machte, nach jahrelanger Pause gemeinsam auf der Couch.

Diese Szene sehen wir im sehr lustigen Video zur Single «Go». Und wir sehen dann auch, wie Sänger und Gitarrist Dan Auerbach und Schlagzeuger Patrick Carney zu einem Aufenthalt in einem Hippie-Camp verdonnert werden. Dort erscheinen den beiden als Halluzination bergeweise Dollarbündel – und ab diesem Moment fliesst die Musik wieder, ganz so, wie sie das mit dem Titel ihres neuen Albums «Let’s Rock» versprechen. Den man natürlich nur selbstironisch lesen kann.

Auch Jack White und seine Band The Raconteurs benötigen Hilfe. Nur wissen sie noch nicht, an wen sie sich genau wenden können. «Help Us Stranger» heisst das erste Album seit elf Jahren jener Power-Rock-Truppe, die das Ende von Whites minimalem Duo The White Stripes beschleunigt hatte. Ohne seine arg unterschätzte Schlagzeugerin Meg White hat Gitarrenheld White ja merklich an Schärfe verloren, weil er dem Virtuosentum frönen kann und sich zuweilen auch arg verzettelt.

Die Zeichen stehen also auf Krise bei jenen Musikern, die in den frühen Nullerjahren dafür sorgten, dass der Garage-Blues-Rock wieder minimal und gefährlich klang. Und bei aller Selbstironie, die sowohl die Black Keys wie die Raconteurs auf ihren neuen Platten zelebrieren: Die Sinnfrage, warum sie überhaupt noch Rockmusik machen, in Zeiten, in denen der Tod des Rocks bereits tausendfach ausgerufen worden ist (und natürlich nie eintreffen wird), haben sie sich mit Sicherheit auch schon einmal gestellt.

Durchhalteparolen, die sagen: Wir sind noch nicht tot

Höchstwahrscheinlich haben sich White und die Black Keys auch gefragt: Muss es denn wirklich sein, dass beide Alben beinahe gleichzeitig erscheinen? Diese Gleichzeitigkeit lädt geradezu ein, noch einmal an den Kleinkrieg zu erinnern, den sich die Black Keys und Jack White über Jahre hinweg lieferten: White schimpfte Auerbach und Carney als reine Kopisten der White Stripes und verbot den Zugang zu seinem Studio in Nashville (dort, wo mittlerweile alle drei leben). Und es gab Tweets, in denen sie sich beschimpften, ganz so, als wollten sie den Battle-Rappern nacheifern.

Die Fehde mit The Raconteurs ist beigelegt. Was bleibt, ist die Musik: The Black Keys. (Foto: Alysse Gafkjen)

Diese Fehde sei beigelegt, sie respektierten sich nun gegenseitig, heisst es. Was bleibt, ist die Musik. Und wenn man sich diese anhört, fragt man sich: Hat hier jemand Krise gesagt? Das gilt zumindest für die Black Keys. Da ist nicht nur das sommerhitverdächtige «Go» mit dem verschleppt groovenden Beat, dem lockeren und doch zwingenden Gitarrenriff und auch einem johlenden Poprefrain, der an ihren Überhit «Lonely Boy» erinnert. Da sind auch die kleinen Songs wie «Sit Around and Miss You», mit denen es sich prima auf dem Verandastuhl in die Nacht ­hineinschaukeln lässt. «Let’s Rock» ist ein Album, auf dem nur der elektrische Stuhl, der auf dem Cover abgebildet ist, unter Starkstrom steht – und genau deshalb nicht so rasch verglühen wird.

Schwieriger ist es mit «Help Us Stranger», was vor allem an jenen Stücken liegt, in denen sich die Raconteurs austoben und sich dem Rockriff hingeben können. Brendan Benson, jener Songwriter der Band mit dem Popherz, scheint da Pause zu machen. Es gibt auch Durchhalteparolen und Selbstvergewisserungen, die sagen: Wir sind noch nicht tot. Neben dem altbackenen und beinahe männerwitzhaften Classic Rock, dem die Raconteurs selbst 2006 auf ihrem tollen Debüt nachgehangen sind, bestimmt aber etwas das Album, das nie zu unterschätzen ist: eine glänzend unterhaltende Spielfreude. Das reicht bei aller schon fast trotzigen Losgelöstheit von der Gegenwart noch einmal für ein ordentliches Hurra, das sagt: Let’s rock. Wenn auch ohne Ausrufezeichen.

The Raconteurs: «Help Us Stranger» (Third Man Records/MV)The Black Keys: «Let’s Rock»(Nonesuch)



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Erstellt: 29.06.2019, 18:57 Uhr

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