Rotes Kreuz sieht schwarz für Spendengelder

Auf Druck der OECD will der Bundesrat, dass Stiftungen Finanzdaten ins Ausland liefern. Diese sind alarmiert: Das verschlinge Hunderttausende Franken.

«Wir sind gegen unnötigen administrativen Aufwand, der zulasten der Spendengelder geht», sagt Markus Egger, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizerischen Roten Kreuzes. (Foto: Keystone)

«Wir sind gegen unnötigen administrativen Aufwand, der zulasten der Spendengelder geht», sagt Markus Egger, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizerischen Roten Kreuzes. (Foto: Keystone)

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Geht es nach dem ­Bundesrat, blüht der Glückskette und dem Roten Kreuz hoher bürokratischer Mehraufwand. Die Landesregierung will gemeinnützige Stiftungen auf Druck der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) künftig wie Banken behandeln. Die Stiftungen sollen demnach dem automatischen Datenaustausch unterstellt werden.

Die neue Bürokratie würde Hunderttausende Franken von Spendengeldern verschlingen, wie auch der Bundesrat einräumt. Bei den Hilfsbedürftigen würde wesentlich weniger Geld ankommen. Nun kritisiert Markus Egger, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizerischen Roten Kreuzes: «Wir sind gegen unnötigen administrativen Aufwand, der zulasten der Spendengelder geht.»

Ähnlich tönt es bei der Glückskette. «Auch wir können nicht nachvollziehen, weshalb der automatische Informationsaustausch auf Non-Profit-Organisationen ausgeweitet werden soll», sagt die Glückskette-Sprecherin Priska Spörri. Christoph Degen, Geschäfts­führer von Profonds, dem Dachverband gemeinnütziger Stiftungen, erläutert die Konsequenzen der Anpassung: «Gemeinnützige Stiftungen müssten umfangreiche komplizierte, von ausländischen Bürokraten erstellte Formulare ausfüllen.» Sie müssten «Angaben über Stifter, Stiftungsratsmitglieder und Begünstigte machen». Und vor allem: «Sie müssten viele Informationen über die einzelnen Geldflüsse liefern.»

Wie gross genau der Aufwand für die Glückskette und für das Rote Kreuz wäre, haben die beiden Organisationen zwar noch nicht ermittelt. Profonds-­Geschäftsführer Degen allerdings, der selber eine gemeinnützige Stiftung leitet, hat die Folgen analysiert: «Die Unterstellung der gemeinnützigen Stiftungen unter den auto­matischen Informationsaustausch wäre verheerend. Es wäre eine regelrechte Vergeudung von ­Stiftungsgeldern.»

«Fast ein Drittel der Gelder ginge verloren»

Degen hat seine Stiftung nach dem Tod seines Kindes bei einem Unfall an der Basler Fasnacht gegründet. Sie verteilt jährlich rund 35'000 Franken – insbesondere für Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheit von Kindern. «Wenn unsere Stiftung dem automatischen Datenaustausch unterstellt würde, würde fast ein Drittel unserer gemeinnützigen Gelder für ­diese Administrativkosten verbraucht.» Nun hat sich auch der Gewerbeverband der Sache angenommen. Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler bekämpft das bundesrätliche Vorhaben und hat im Parlament einen entsprechenden Vorstoss eingereicht.

Profonds-Direktor Degen kritisiert, dass der Bundesrat die Stiftungen «in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der OECD dem automatischen Datenaustausch unterstellen» will. Er ist überzeugt: «Wir müssen der OECD nur erklären, dass gemeinnützige Stiftungen nach Schweizer Recht nicht dasselbe sind wie Trusts in Panama.» Zweck des automatischen Datenaustauschs sei die Aufdeckung von Steuerhinterziehung. Die Unterstellung gemeinnütziger ­Schweizer Stiftungen wäre daher ein Witz. «Denn sie eignen sich nicht zur Steuerhinterziehung. Sie werden – anders als Trusts – bereits heute gründlich kontrolliert durch die staatliche Stiftungsaufsicht», sagt Christoph Degen.



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Erstellt: 23.06.2019, 16:05 Uhr

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