Die Machtballung steigt

An der Schweizer Börse sind heute ein Drittel weniger Titel notiert als vor 15 Jahren – doch sie verkörpern viel mehr Kapital.

Von 392 auf 264 seit 2003: Die Zahl der Publikumsgesellschaften an der Schweizer Börse sinkt. Bild: Keystone

Von 392 auf 264 seit 2003: Die Zahl der Publikumsgesellschaften an der Schweizer Börse sinkt. Bild: Keystone

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Den Handelsplätzen in den westlichen Industriestaaten kommen die Unternehmen abhanden. An der Schweizer Börse SIX sind heute ein Drittel weniger Titel notiert als vor 15 Jahren. Seit 2003 hat die Deutsche Börse 45 Prozent der Firmen verloren, die in der LSE Group zusammengefassten Börsen von London und Mailand 20 Prozent und die US-Börsen NYSE und Nasdaq 18 Prozent.

Dabei geht nicht die Zahl der Firmen an sich zurück: Kürzlich zählte das Bundesamt für Statistik erstmals mehr als 600'000 Unternehmen in der Schweiz. Aber es gehen weniger an die Börse. Die Zahl der Publikumsgesellschaften sank seit 2003 von 392 auf 264. «Das macht uns nicht nervös», sagt Julian Chan, Sprecher der Schweizer Börse SIX: «Es sind zwar weniger Gesellschaften kotiert, aber sie verkörpern gleichzeitig viel mehr Kapital.» Tatsächlich ist die Marktkapitalisierung der inländischen Unternehmen um über die Hälfte gestiegen.

Übernahmen und strengere Regeln

Dieser Trend ist an den meisten westlichen Börsenplätzen zu beobachten. Vor zwanzig Jahren konnten sich Anleger in New York an fast 8100 Unternehmen beteiligen, heute stehen noch 4336 zur Auswahl. Viele sind verschwunden, die Zahl der Neukotierungen ging stark zurück. Dafür sind die verbleibenden Schwergewichte noch schwerer geworden. Als erstes Unternehmen hat Apple kürzlich eine Marktkapitalisierung von über 1 Billion Dollar erreicht. Es ist damit fast so viel wert wie alle 211 Titel im Schweizer Börsenindex SPI zusammen.

Vor zwanzig Jahren repräsentierten die fünf grössten US-Firmen – Microsoft, General Electric, Exxon, Merck und Pfizer – 10 Prozent der gesamten Börsenkapitalisierung. Die heutigen fünf Top-Firmen – Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft und Facebook – machen schon 17 Prozent aus. In der Schweiz sind die vier grössten Unternehmen mehr wert als die restlichen 207 zusammen.

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«Die häufigsten Gründe für Dekotierungen waren Übernahmen und der Verzicht von ausländischen Gesellschaften auf eine Zweitnotierung in der Schweiz», sagt Julian Chan von der SIX. So verschwand Anfang Jahr die Aktie des Chemiekonzerns Syngenta nach der Übernahme durch den chinesischen Staatskonzern Chemchina von der Börsenliste. Das gleiche Schicksal erlitten davor der Flugzeug-Caterer Gategroup, das Modeunternehmen Charles Vögele oder der Reisekonzern Kuoni.

100 von 136 Zweitkotierungen aufgegeben

Ausländische Unternehmen verzichten zudem zunehmend auf eine Zweitkotierung in der Schweiz, so im vergangenen Jahr der US-Pharmakonzern Pfizer. In den vergangenen 15 Jahren wurden 100 von 136 Zweitkotierungen aufgegeben. Der gleiche Trend ist an den anderen grossen Börsen zu beobachten.

Jay Clayton, Vorsitzender der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC, macht die schärfere Regulierung für den Rückgang der Börsenfirmen verantwortlich. Unter den Experten ist dies umstritten, weil die Entwicklung schon einsetzte, bevor die neuen Gesetze wirksam wurden. Auch in der Schweiz werden Kosten, strengere Regeln und Offenlegungspflichten als zusätzliches Argument für einen Rückzug von der Börse genannt. Zum Beispiel die Abzockerinitiative, die den Aufwand für kleinere Unternehmen erhöhte.

Der Wandel von der kapitalintensiven Industrie hin zu Dienstleistungen und Technologiefirmen senkt die Nachfrage nach Kapital. Gleichzeitig ist das Angebot gewachsen: Heute steht sehr viel mehr Kapital von privaten Investoren und Risikokapitalgebern zur Verfügung. Dank ihren Milliarden konnte das Social-Media-Unternehmen Facebook einen Börsengang lange aufschieben. Und der Fahrdienst Uber oder der Mietmarktplatz Airbnb konnten gar ganz darauf verzichten, sich dem Publikum zu öffnen.

Private können höhere Risiken eingehen

Private Firmen geniessen Vorteile: tiefere Kosten, weniger Regulierung, weniger Offenlegungspflichten, keine aktivistischen oder «Heuschrecken»-Aktionäre. Solche Gründe nannte etwa der Tesla-Gründer Elon Musk, als er vergangenen Monat damit liebäugelte, die kalifornische Elektroautofirma von der Börse zu nehmen. Private Gesellschaften können zudem grössere Risiken eingehen als Publikumsfirmen, die im öffentlichen Rampenlicht stehen.

Aber eben: Kleinanleger bleiben damit von vielversprechenden Unternehmen ausgeschlossen. Auch für Konsumenten und die Volkswirtschaft könnte der Rückzug von der Börse unangenehme Folgen haben, wenn die zunehmende Konzentration den Wettbewerb einschränkt.

Nachdem 1602 die Niederländische Ostindien-Kompanie erstmals Aktien ausgegeben hatte, um ihr Handelsgeschäft zu finanzieren, eroberte die Publikumsgesellschaft die kapitalistische Welt. Dank ihr konnten Unternehmer mit begrenztem Risiko Kapital aufnehmen, und jedermann konnte sich an den zukünftigen Gewinnen beteiligen. Nach 400 Jahren scheint ihr Siegeszug gestoppt.

Erstellt: 02.09.2018, 16:02 Uhr

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