Runter mit den Gesundheitskosten!

So kann wirksamer Wettbewerb geschaffen werden, ohne die Solidarität zu opfern.

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Alle beklagen das Wachstum der Gesundheitskosten. Doch noch weit problematischer ist ihr Niveau. Nach dem üblichen Mass, ihrem Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP), sind sie in der Schweiz nur leicht höher als etwa in Deutschland. Aber absolut in Franken pro Kopf sind sie (umgerechnet zum laufenden Wechselkurs) rund 80 Prozent höher! Schon das zeigt das riesige Sparpotenzial.

Gegen die hohen und wachsenden Kosten wirkt nur eines: Wir müssen den Krankenkassen bessere Möglichkeiten und Anreize geben, das Kosten-Qualitäts-Verhältnis zu verbessern. Das leistet nur wirksamer Wettbewerb.

Heute ist der Wettbewerb per Gesetz kastriert. Aus «Solidaritätsgründen» muss jede Kasse all ihren über 25-jährigen Kunden aus derselben Region identische Prämien verrechnen, gleich ob Mann, Frau, alt, jung, krank oder gesund. Als Folge lohnt sich für die Kassen die Risikoselektion durch Jagd auf gesunde Kunden. Weil diese enorm teuer ist und das Solidaritätsziel zu unterwandern droht, bekämpft der Staat die Risiko­selektion mit umfassender Regulierung: der Vereinheitlichung von Leistungskatalog, Selbstbehalt, Franchisen und dazugehörigen Prämienrabatten; dem Aufnahmezwang; dem Verbot von übernormalen Gewinnen und dem Risikoausgleich. So funktionieren Wettbewerb und Innovation nie und nimmer.

«Im Sport gibt es eine gesunde ­Regel gegen die Jagd der Clubs auf Spieler.»

Wie aber kann wirksamer Wettbewerb geschaffen werden, ohne die Solidarität zu opfern? Mein Vorschlag ist folgender: Wir müssen den Risikoausgleich durch eine Risikoabgeltung ersetzen. Heute gleicht der Risikoausgleich die unterschiedlichen Kostenbelastungen der Kassen durch ihre Kunden infolge unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Aufenthalts in einem Spital oder Pflegeheim und Arzneimittelkosten im Vorjahr aus. Durch die dauernde Verfeinerung verkam der Risikoausgleich schon weitgehend zu einem Kostenausgleich zwischen den Kassen. Das aber zerstört ihre Anreize, ihre Kunden gesund zu pflegen und gesund zu erhalten. Was also tun?

Vom Sport lernen! Im Fussball und Eishockey gibt es eine kluge Regel gegen die Jagd der Clubs auf gute Spieler und zur Förderung ihrer Anreize, selbst Spieler gut auszubilden: die Transferpreise. Clubs, die Spieler von anderen Clubs abwerben, müssen dafür eine Abgeltung leisten. Das gibt ihnen starke Anreize, den ­eigenen Nachwuchs zu fördern, gut auszubilden, gesund zu halten und – gegen Abgeltung – an andere Clubs abzugeben. Diese Regel ist eine wichtige Ursache hinter den Erfolgen unserer Eishockey- und Fussballnationalmannschaften.

Analog dazu sollten Krankenkassen nicht dann mehr Geld erhalten, wenn sie besonders kranke Kunden haben, sondern dann, wenn sie von anderen Kassen Kranke übernehmen und ihnen Gesunde geben. Dadurch würde sich die Jagd auf gute Risiken mit einem Schlag er­übrigen. Es gäbe den Kassen perfekte Anreize, das medizinisch Beste für die Gesundheit ihrer Kunden zu tun und trotzdem streng auf die Kosten zu schauen. Deshalb könnte dann der Wettbewerb von all den heutigen schrecklichen Regulierungen befreit werden und wäre richtig fruchtbar.

Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Ordinarius für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg (Schweiz) und ­ Forschungsdirektor von Crema, Center for Research in Economics, Management and the Arts.

Erstellt: 25.08.2018, 22:38 Uhr

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