Russische Agenten nehmen ETH-Grossanlass ins Visier

Angriffe auf Diplomaten, die Ruag und das EDA: Die Spionageaktivitäten gegen Schweizer Ziele werden dreister.

Illustration: Melk Thalmann

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Als der russische Sportminister und Ex-Spitzenfechter Pawel Kolobkow seine Schweizer Rede mit «Ehrlich spielen» («Play true») betitelte, wusste er: Es wird kein einfacher Kampf. Am 13. März 2017 lauschten dann in der ETH Lausanne über 700 Kämpfer gegen Doping dem sechsfachen Olympia-Medaillen-Gewinner. Einige Stunden nach ihm demonstrierte der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren dort, wie bei den Winterspielen in Sotschi 2014 die Russen positive Dopingproben verschwinden liessen. Sein vernichtendes Fazit: «Systematisches Doping, unterstützt vom Staat.»

Fechter Kolobkow – noch immer stets einen Schritt voraus – hatte zuvor schon versprochen, reinen Tisch zu machen: Russlands Anti-Doping-Behörde werde unabhängig, ihr Budget verdreifacht. Aber das Gelöbnis des Ministers von Wladimir Putin, ehrlicher zu spielen, wurde konterkariert durch andere russische Staatsvertreter, die still und heimlich ebenfalls an den Genfersee gereist waren.

Der Jahreskongress der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) 2017 wurde höchstwahrscheinlich Ziel einer Geheimdienstoperation Russlands. Ein Ermittler, der nicht autorisiert ist, mit Medien zu reden, bestätigt der SonntagsZeitung einen Vorfall während des Lausanner Symposiums vor eineinhalb Jahren, der sicherheitsrelevant gewesen sei. Details darüber gibt er aber nicht preis. Doch zu der vagen Angabe passt eine Bestätigung aus Bern: Die Bundesanwaltschaft leitete im selben Monat, dem März 2017, ein Strafverfahren ein «wegen einer Cyberattacke gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur». Gemäss den Strafverfolgern offenbarten die Ermittlungen einen Konnex zu einem Duo, das rund ein Jahr später in Holland erwischt wurde. Gemäss dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) sind diese beiden Aufgeflogenen «russische Spione».

Der frühere Schweizer Verteidigungsminister Samuel Schmid, heute Mitglied der Ethikkommission beim Internationalen Olympischen Komitee, hatte Ende 2017 in einem Interview erste Andeutungen gemacht: Eine «Delegation» eines russischen Geheimdienstes sei während eines Wada-Treffens «im selben Hotel» gewesen. Doch der Alt-Bundesrat, früher Herr über die Schweizer Spione, will keine Details wie Ort und Zeit preisgeben – auch nicht nachdem das Tamedia-Recherchedesk kürzlich das Auffliegen der Agenten in Den Haag publik machte und gleich mit zwei Spionageoperationen gegen Ziele in der Schweiz in Verbindung brachte: gegen die Wada und das Labor Spiez. Seither rätselt die halbe Welt, was genau geschehen ist.

Im Bundeshaus herrscht«eine extreme Nervosität»

Schweizer Behörden bestätigten die Vorfälle in Grundzügen, doch nun schweigen sie. Im Bundeshaus herrscht derzeit laut einem Diplomat, der anonym bleiben will, «eine extreme Nervosität». Enthüllungen in der SonntagsZeitung über den hohen Anteil Agenten unter russischen Diplomaten in der Schweiz haben zu weiteren diplomatischen Verwerfungen mit Russland geführt. In den Berner Ämtern gilt nun die Order, nichts Neues zu sagen. Jede kleinste Info könnte das Treffen von Aussenminister Ignazio Cassis mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow zusätzlich belasten. Die Zusammenkunft ist für kommende Woche am Rande der Generalversammlung der UNO in New York vorgesehen.

Doch lohnen sich riskante Operationen mit Spionen vor Ort überhaupt noch, wenn man aus dem stillen Kämmerlein in Moskau Informationen absaugen kann? Wenn eine Organisation gut geschützt ist und ein Ziel zentral, kann solcher Einsatz auch im Internet-Zeitalter Sinn ergeben. Aus der Nähe lassen sich beispielsweise über WLAN-Netze eines Kongresszentrums oder USB-Sticks Handys und Laptops von Konferenzteilnehmern anzapfen.

Die Wada dürfte sich gewappnet haben. Noch rund ein halbes Jahr vor dem Lausanner Kongress hatte sie zugeben müssen, dass vertrauliche medizinische Daten von Athleten von ihren Rechnern kopiert worden waren. Für den Informatik-GAU machten die Dopingbekämpfer ein Kollektiv namens Fancy Bear verantwortlich. Die russische Gruppe, die dem Militärgeheimdienst GRU zugerechnet wird, hackte auch die Mails der amerikanischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton.

Die Schweiz geriet zuletzt stark ins Visier der Spione Putins. «Berichte über grossangelegte Cyberangriffe, hinter denen eine russische Täterschaft vermutet wird, häufen sich», stellt der Nachrichtendienst des Bundes in seinem Lagebericht 2018 fest. «Seit einiger Zeit sind auch Schweizer Interessen ein Ziel; der NDB hat in den letzten Jahren mehrere solche Angriffe festgestellt und unterbunden.»

Spionageabwehr konzentriert sich auf russische Operationen

Kurz nach der Attacke auf die Dopingjäger in Lausanne entschied die Schweizer Spionageabwehr, beinahe alle ihre Ressourcen zur Aufklärung russischer Operationen einzusetzen. Verteidigungsminister Guy Parmelin segnete die Strategie ab. Zu tun gibt es seither genug. Intensiv sind derzeit die Abklärungen zur Nervengift-Attacke vom 4. März auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal in England. In den Monaten vor dem Attentat hatten sich die beiden mutmasslichen Täter, die ebenfalls Russlands Militärgeheimdienst GRU zugerechnet werden, oft in Genf aufgehalten.

Bei den Schweizer Sicherheitsbehörden sind Russlands Hacker aber auch alte Bekannte. Beim Aussenministerium EDA wurden 2009 etwa 15 Computer infiziert und sensible Daten abgesaugt. Auch die Accounts der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die für die EU die Auswirkungen russischer Machtpolitik in Georgien untersuchte, wurden wiederholt angegriffen. 2016 wurde dann Malware in den Netzwerken des bundeseigenen Rüstungskonzern Ruag entdeckt.

In all den Fällen besteht ein erhärteter Verdacht gegen russische Täter. Doch es erweist sich als Ding der Unmöglichkeit, Einzelpersonen zur Rechenschaft zu ziehen. Eindringlinge operieren anonym und unter staatlicher Protektion. Die Bundesanwaltschaft musste deshalb Strafverfahren auf Eis legen oder ganz einstellen. Darauf verweist heute der russische Botschafter in Bern, wenn er Spionageaktivitäten gegen die Schweiz bestreitet.

Im Wada-Verfahren aber kam die Bundesanwaltschaft einen grossen Schritt vorwärts, als im Frühjahr in Den Haag das russische Duo aufflog. Danach konnte sie den Bundesrat um eine Ermächtigung ersuchen, ohne die sie bei Nachrichtendienstzellen nicht weiter ermitteln darf. Die Schweizer Regierung schiebt den Entscheid, der Putin ärgern könnte, nun auf die lange Bank.

* Dieser Artikel erschien am 23. September 2018 in der SonntagsZeitung. Am 4. Oktober informierten die niederländischen und die amerikanischen Behörden detaillierter über Hackingoperationen gegen die Wada. Demnach haben russische Hacker bereits ab dem 20. September 2016 in zwei Lausanner Hotels Passwörter von Teilnehmern an einer Wada-Konferenz gestohlen. Weder die Holländer noch die Amerikaner äusserten sich dazu, ob es einen weiteren Angriff im März 2017 gegeben hat. Auch die Bundesanwaltschaft, die seit jenem Monat ermittelt, will sich nicht dazu äussern.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2018, 07:36 Uhr

Mehrere Dutzend russische Spione in der Schweiz

106 Diplomaten aus Russland sind an der Botschaft in Bern sowie in Genf auf dem Konsulat und bei der UNO akkreditiert. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl Vertreter bei der Welthandelsorganisation. Damit hat Russland – nach China – die zweitgrösste ausländische Vertretung in der Schweiz. Gleichzeitig verfügt es hier über eine seiner grössten Missionen in Europa. Nur Wien ist mit 116 Diplomaten noch etwas grösser.



Die Zahl des nicht-diplomatischen Personals kann nur geschätzt werden: In Tschechien kommen gemäss des Prager Aussenministeriums auf 53 Diplomaten 140 nicht-diplomatische Mitarbeiter. Legt man diese Verhältnisse auf die Schweiz um, kämen fast 300 Personen dazu. Der Nachrichtendienst des Bundes schätzt, dass ein Viertel des diplomatischen Personals Russlands für Geheimdienste tätig ist.

Gustav Gressel vom Berliner Thinktank «European Council on Foreign Relations» meint hingegen, dass «die Hälfte bis zwei Drittel des Personals an russischen Botschaften auch nachrichtendienstliche Aufgaben hat». Zudem rekrutierten Geheimdienste immer mehr Personal in den ausländischen Vertretungen russischer Banken oder Industriekonzerne, sagt Gressel. Damit reagierten sie auf die stärkere Beobachtung der Botschaften durch die Gastgeberländer. (bo)

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