Sabotage am Südpol

Ein Mitstreiter von Polarforscher R. F. Scott stahl 1912 Proviant und hielt Befehle zurück – mit tödlichen Folgen.

Robert F. Scott und Begleiter während der Expedition am Südpol.

Robert F. Scott und Begleiter während der Expedition am Südpol. Bild: Keystone

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«Panik steigt in mir auf», schrieb Robert Falcon Scott am 7. Februar 1912 in sein Tagebuch. Mit seinem Team hatte er gerade ein Depot am Beardmore Glacier erreicht, nur wenige Breitengrade nördlich des Südpols. Seit Wochen hatten sich die Männer auf dem Rückweg vom Pol durch Schneestürme und Eis gekämpft. Zuvor angelegte Depots mit Essen und Brennstoff sollten sie mit dem Nötigsten versorgen. Dann der Schock: Im Upper Glacier Depot fehlte eine ganze Tagesration an Proviant. Für die unterkühlten, ausgezehrten Abenteurer war dies ein harter Schlag. Und es sollte nicht der einzige bleiben.

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Die Polarexpedition des Engländers Scott (1868–1912) bewegt seit mehr als 100 Jahren viele Menschen. Der Entdecker lieferte sich mit dem Norweger Roald Amundsen ein Rennen, wer als Erster am südlichsten Punkt der Erde stehen würde. Amundsen gewann den Wettkampf: Er erreichte den Südpol am 14. Dezember 1911 – Scott erst am 17. Januar 1912. Tragische Berühmtheit erlangte Scott auch, weil er und sein Team auf dem Rückweg vom Pol erfroren. Ums Leben gekommen seien die fünf Briten wegen schlechter Planung und widriger Umstände, glaubte man lange.

Forschungen des Engländers Chris Turney, Professor an der ­australischen University of South Wales, zeichnen nun ein anderes Bild. Ein Mitarbeiter Scotts, der nicht ganz bis zum Südpol mitgehen durfte, soll am Tod der fünf mitschuldig sein. Teddy Evans war eigentlich Scotts Stellvertreter, doch Scott äusserte schon früh Zweifel an dessen Fähigkeiten. «Er ist der Aufgabe überhaupt nicht gewachsen», schrieb er in einem Brief an einen Vertrauten, und er bereue es, Evans auf diesen Posten befördert zu haben.

Schlitten versagen schon bald den Dienst

Ausserdem mischte sich Evans früh in personelle Entscheidungen ein, die später fatale Konsequenzen haben sollten. In der Hoffnung, schneller voranzukommen, wollte Scott motorisierte Schlitten einsetzen. Unter den lebensfeind­lichen Bedingungen am Pol war die Zeit ein entscheidender Faktor. Deshalb sollte der Schlittenspezialist Reginald Skelton die Expedition begleiten. Evans jedoch fürchtete Konkurrenz und verhinderte Skeltons Ernennung. Die Schlitten versagten unter den eisigen Bedingungen schon bald den Dienst, und niemand konnte sie wieder zum Laufen bringen.

In monatelangen Vorbereitungen legte das Team Depots entlang der Route an. Scott entschied schliesslich, Evans nicht auf die letzte Etappe bis zum Pol mitzunehmen, was ihm dieser sehr übel nahm. Auf dem Weg zurück ins Hauptlager nahm Evans viel grössere Essensrationen aus den Depots, die das Überleben seiner Kameraden garantieren sollten, als ihm zugestanden wären.

Ihm Nachhinein versuchte er, das mit seinem schlechten körperlichen Zustand zu erklären. Evans erkrankte auf dem Rückweg an Skorbut, wie Turney jetzt aufzeigt, allerdings viel später, als er selbst im Nachhinein zu Protokoll gab. Evans behauptete, er habe schon am Beardmore Glacier Skorbut bekommen, tatsächlich geschah dies erst beim Mount Hooper Depot. An seiner Erkrankung war er nicht unschuldig, die anderen Teilnehmer assen rohes Robbenfleisch, weil dies gegen Skorbut helfen sollte. Evans ekelte sich davor.

Doch damit nicht genug. Scott hatte seinen Stellvertreter gebeten, vom Hauptlager an der Küste Teams mit Schlittenhunden loszuschicken. Sie sollten die Männer auf ihrem Rückweg treffen und unterstützen. Evans leitete diese Befehle nicht weiter.

Royal Geographic Society verzichtet auf Untersuchung

Nach der Enttäuschung, den Pol als Zweite erreicht zu haben, machte sich Scotts Team zügig auf den Rückweg und kam zu Beginn gut voran. Das Wetter machte ihnen jedoch schon bald zu schaffen, der kurze Polarsommer neigte sich dem Ende zu. Teammitglied Edgar Evans, nicht zu verwechseln mit Teddy Evans, stürzte auf dem Abstieg vom Beardmore-Gletscher, litt vermutlich an einer Gehirnerschütterung und an Erfrierungen und war der Erste, der starb. In seinem Tagebuch notierte Scott, dass fast alle Depots auf dem Rückweg zu wenig Vorräte hatten.

Lawrence Oates verliess das schützende Zelt am 16. März mit den Worten «Ich bin mal eine Weile weg». Er wollte sich für die anderen opfern, vermutet man. Doch auch sie starben schliesslich nur 18 Kilometer von dem rettenden «Ein Tonnen Depot» entfernt, das sie ausreichend versorgt hätte.

Nach Scotts Tod beschloss die Royal Geographic Society, keine weitere Untersuchung der Todesfälle durchzuführen. «Als ihnen klar wurde, dass vermutlich mehr dahintersteckte, beschlossen sie, das Ganze ruhen zu lassen», sagt Turney. Teddy Evans kehrte nach England zurück und musste sich nicht für seine Taten, von denen viele nichts ahnten, verantworten. «Ich glaube nicht, dass Evans die Männer bewusst töten wollte», sagt Turney. «Es war vermutlich eine Mischung aus Zorn, verletztem Stolz und Egoismus.»

Erstellt: 13.10.2017, 17:10 Uhr

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