Sagenhaft hässlich, aber dafür resistent gegen Tumore

Der Nacktmull erkrankt so gut wie nie an Krebs. Das macht ihn einzigartig – und interessant für die Altersforschung.

Nacktmulle sind resistent gegenüber Tumoren. Foto: Getty Images

Nacktmulle sind resistent gegenüber Tumoren. Foto: Getty Images

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Trieben Tiere Mannschaftssport, ein Nacktmull würde wohl als Letzter ins Team gewählt. Der Kopf ist kahl, die Haut hängt faltig vom haarlosen, wenige Zentimeter langen Leib. Aus dem Mund ragen zwei krumme Zähne. Die Augen liegen vergraben im Schädel und sehen nur starke Kontraste einigermassen gut. Seine Ohren sind verkümmert, und mit den tapsigen Beinen schiesst er sicher kein Tor. Doch so unsportlich und ältlich sie aussehen mögen – ausgerechnet Nacktmulle könnten das Geheimnis dauerhafter Gesundheit und ewiger Jugend in sich tragen.

«Nacktmulle sind für mich die Ikonen des gesunden Alterns», sagt Thomas Hildebrandt. Der ­Biologe steht im Keller des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und inspiziert eine seiner zwölf Nacktmullkolonien. Der künstliche Bau ist ein Sammelsurium zylinderförmiger Plastikbehälter, die mit durchsichtigen Röhren miteinander verbunden sind. Wärmestrahler halten den Bau konstant auf einer Temperatur von 32 Grad. An der Scheibe pappt ein Zettel mit dem Namen der Kolonie: Mullorca.

Im Innern geht es geschäftig zu. Durch die Röhren tapsen ständig Mulle zwischen den Gehäusen hin und her, weichen Gegenverkehr seitlich aus, manche trampeln übereinander hinweg. Einige transportieren mit ihren Zähnen Holzspäne, um sie als Baumaterial zu verwenden, oder tragen Süsskartoffelstückchen in eine der Vorratskammern. Wer gerade nichts zu tun hat, legt sich zum Kuscheln in einen Gemeinschaftsraum, wo ein paar Dutzend Mulle sich zu einem wärmenden Haufen verklumpt haben. Als Hildebrandt den Deckel des belebten Raums anhebt, fiepen die Mulle vielstimmig, als würden sie sich über die Störung ereifern. Vor Schreck packt eins der grösseren Tiere mit seinen Hauern ein Neugeborenes und trägt es davon, weg vom Eindringling. Die ältesten Tiere in den Labors sind bald 40 Jahre alt.

Bilder: Selbstheilungskräfte bei Tieren

Nachwuchspflege ist hier Gruppenaufgabe, denn anfangs sind die Winzlinge sehr verwundbar. «Aber wenn ein Nacktmull die ersten Monate überlebt, hat er gute Chancen, richtig alt zu werden», sagt Hildebrandt. Er schätzt, dass die ältesten Tiere hier schon 27 Jahre lang leben. Für eine normale Labormaus sind bereits vier Jahre ein ­biblisches Alter.

Doch es ist nicht die Lebenserwartung an sich, die Nackt­mulle besonders macht, sondern eher die Art und Weise, wie sie altern. Eine Labormaus etwa vergreist ähnlich wie der Mensch: Das Fell wird grau, die Haare fallen aus, das Risiko für Tumore steigt stetig. Die Nager werden vergesslich, sogar dement. Dagegen ist ein alter Nacktmull von einem jungen äusserlich kaum zu unterscheiden. Vor allem bekommen Nacktmulle aber so gut wie nie Krebs – diese Resistenz gegenüber Tumoren ist unter Säugetieren einzigartig und macht die Art für die Altersforschung besonders interessant.

Eine Schrulle der Natur

Lange ahnte man nichts von der Rüstigkeit der Nacktmulle. Als Biologen in den 1980er-Jahren die ersten Tiere aus ihren Höhlen in Ostafrika einfingen und in Labors nachzüchteten, schienen sie vor allem kurios zu sein, eine Schrulle der Natur. Aus evolutionsbiologischer Sicht spannend, medizinisch bedeutungslos. Doch die Jahre vergingen, und etliche Mulle starben einfach nicht. Wann für sie spätestens Schluss ist, ist immer noch ungewiss. Einige der ersten gefangenen Mulle leben noch heute, mit fast 40 Jahren.

Illustration: Das geheime Leben der Nacktmulle Illustration vergrössern

In Hildebrandts Labor hängt ein Plakat, das die Sterblichkeit der Nacktmulle über die Jahre zeigt. Bei fast allen Säugetieren weist eine solche Kurve irgendwann steil nach oben. Ganz gleich, wie gut man sie hegt, ab einem gewissen Alter nimmt die Mortalität bei den meisten Arten exponentiell zu. Fachleute nennen diesen Effekt Gompertz-Makeham-Gesetz. Bei den Nacktmullen jedoch bleibt die Sterblichkeit über die Jahre gleich niedrig, was die üblichen Formeln auf den Kopf stellt. Das ist umso überraschender, weil Mulle kleine Tiere sind. In der Natur gilt meist: Je kleiner, desto kürzer das Leben.

Sozialordnung wie bei den staatenbildenden Insekten

Doch Nacktmulle leben eben besonders. In der Natur sind sie nur in Ostafrika zu finden, in den trockenen Steppen im Norden Kenias, in Somalia und Äthiopien. Bis zu 300 Tiere leben unterirdisch in einer Kolonie, wühlen sich mit ihren Zähnen durch das Erdreich und graben so kilometerlange Höhlen. Tageslicht sehen die nicht mit Maulwürfen verwandten Halbwüstenbewohner nur, wenn sie das abgetragene Erdreich durch vulkanartige Kegel nach oben werfen.

Die rein unterirdische Lebensweise ist seltsam genug, noch seltsamer ist das Zusammenleben der Nacktmulle: Ein einzelnes Tier, die Königin, dominiert die Kolonie. Nur sie bekommt etwa alle 80 Tage Nachwuchs, alle anderen Weibchen sind unfruchtbar. Damit sind Nacktmulle die einzigen Säugetiere, die wie Insekten organisiert sind – ein Superorganismus, vergleichbar mit einem Bienenvolk oder Ameisenstaat, gesteuert von einer Königin an der Spitze und etlichen Untertanen, die verschiedenen Aufgaben nachgehen. Manche der niederen Mulle ziehen den Nachwuchs auf, andere erweitern als Bautrupps die Tunnelsysteme, auf der Suche nach Knollen und Wurzeln, von denen die Mulle sich am liebsten ernähren. Kräftiger gebaute Tiere bewachen den Bau und wehren Feinde wie Schlangen ab. Aus dieser Kaste von Soldaten wählt sich die Königin auch meist ihre bis zu drei Liebhaber.

Kampf auf Leben und Tod um den Chefposten

Hildebrandt zeigt auf die Königin, die über die Kolonie ­Mullorca herrscht. Die Anführerin erkennt man rasch: Sie ist deutlich grösser und länglicher als die anderen – immerhin bringt sie ja manchmal mehr als 20 Junge auf einmal zur Welt. Vor allem aber macht sie jedem klar, wer die Chefin ist. Wenn die Königin im Tunnel einem anderen Mull über den Weg läuft, latscht sie einfach über ihn drüber. Wer auf wem herumtrampeln darf, zeigt die Rangordnung innerhalb der Kolonie an.

Vermutlich trägt die starre Hierarchie auch zur Langlebigkeit der Mulle bei. Eine Kolonie ist nur dann stabil, wenn die Königin gesund ist. Zeigt sie Schwäche, kommt es zu einer Art Palastrevolution: Ein anderes Weibchen wittert dann seine Chance und fordert die Königin zu einem Kampf auf Leben und Tod um den Chefposten heraus. Für die Kolonie sind solche Tumulte meist schlecht, im schlimmsten Fall weitet sich die Palastrevolution zum unterirdischen Bürgerkrieg aus. Daher ist es evolutionär wohl sinnvoll, wenn die Tiere lange leben und die Hackordnung klar bleibt.

Die Evolution hat so gut wie nichts mehr zu tun

«Altern ist eigentlich ein Motor der Evolution. Hier nicht», sagt Hildebrandt. Altert ein Tier schnell, bleibt ihm nur wenig Zeit, sich fortzupflanzen. Für eine Spezies als Ganzes kann ein kurzer Abstand zwischen den Generationen aber vorteilhaft sein: So kann sich eine Art neuen Umweltbedingungen rasch anpassen. Für Nackt­mulle hingegen ist das offenbar nicht so entscheidend. Seit vielen Millionen Jahren haben sich das Klima in Ostafrika und die Lebensweise der Nacktmulle kaum geändert. Die Tiere seien einfach perfekt an ihre Umwelt angepasst, meint Hildebrandt. Die Evolution sei bei den Nacktmullen zwar nicht gestoppt, «aber definitiv verlangsamt».

Das erklärt zwar vielleicht, warum Nacktmulle so alt werden, aber noch nicht, wie sie das biologisch geschafft haben. Zum einen hängt dies mit der Fähigkeit zur Regeneration zusammen – die Tiere können selbst den Verlust eines halben Schulterblatts nach einem Kampf durch mehr Muskelmasse kompensieren. Zum andern haben sie auch ein äusserst robustes Immunsystem. Selbst riesige Abszesse können verheilen. Ihre Resistenz gegenüber Tumoren verdanken Nacktmulle ebenfalls – zumindest teilweise –ihrem Immunsystem. Offenbar schafft es die Immunabwehr, Krebszellen viel gezielter auszuschalten als bei anderen Arten. Wenn man die Biologie der Nacktmulle also besser versteht, könnte das für den Menschen von grossem Nutzen sein, und zwar nicht nur in Bezug auf Tumore. Vergangenes Jahr berichtete der Molekularbiologe Gary Lewin im Fachmagazin «Science», dass Nacktmulle bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff überleben können. «Das Gehirn schaltet sich aus, das Herz schlägt ganz langsam», sagt Lewin, der am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin an Nacktmullen forscht. «Wenn wieder Sauerstoff vorhanden ist, wachen sie einfach auf.»

90 Prozent aller Exemplare gehören Google

Lewins Team konnte zeigen, dass Nacktmulle ihren Stoffwechsel kurzfristig von Gluko­se – dem üblichen Brennstoff der Zellen – auf Fructose umstellen. Offenbar schöpfen die Nagetiere bei Sauerstoffmangel aus einem Notfalldepot Fruchtzucker, mit dem die Zellen improvisiert weiterfunktionieren. «Sauerstoffmangel ist in der Medizin ein Riesenproblem», sagt Lewin. Werden Herzzellen zu wenig mit Sauerstoff versorgt, etwa nach einem Infarkt, zieht das bei Betroffenen häufig dauerhafte Schäden nach sich.

Ein weiterer Versuch, den Nacktmull und seine Fähigkeiten besser zu verstehen, besteht in der Analyse seiner Gene. Möglicherweise werden diese sogar schon intensiver studiert als öffentlich bekannt. «90 Prozent aller Nacktmulle gehören Google», sagt Lewin. Eine Pionierin der Nacktmull-Forschung, Rochelle Buffenstein, wechselte vor einigen Jahren von der University of Texas zur Google-­Tochterfirma Calico. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, das menschliche Altern zu besiegen oder zumindest zu verlangsamen. Ihre Nacktmulle nahm Buffenstein mit, seither rätseln Kollegen, woran genau sie arbeitet. Ein Grossteil ihrer Forschung findet nun im Geheimen statt.

«Die kleinen Kerlchen haben Lösungen für viele Mysterien, mit denen wir uns rumschlagen.»Thomas Hildebrandt, Biologe

Vor kurzem veröffentlichten Buffenstein und ihr Team im Fachblatt «eLife» die bislang umfangreichste Studie zur Lebenserwartung von Nacktmullen. Darin zeigen die Calico-Forscher, dass das Sterberisiko der Mulle nicht steigt, sobald sie ausgewachsen sind. Ein junger Nacktmull lebt also genauso gefährlich wie ein alter. Um das zu beweisen, hatten die Forscher die Lebensläufe von 3848 Nacktmullen betrachtet. In den Kellern von Google scheint es also ziemlich wuselig zuzugehen.

Thomas Hildebrandt kann das Interesse nachvollziehen: «Die kleinen Kerlchen haben Lösungen für viele Mysterien, mit denen wir uns rumschlagen.» Zugleich versteht er die Mulle als Mahnung, die Artenvielfalt auf der Erde zu erhalten. Vermutlich gebe es unzählige weitere Arten mit erstaunlichen Eigenschaften, von denen man noch nichts wisse. Und wenn der Nacktmull eines lehrt, dann, dass man sich nie nur auf den ersten Eindruck verlassen sollte.

Erstellt: 20.05.2018, 12:57 Uhr

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