Im SBB-Lufttaxi vom Bahnhof nach Hause

Das Bahnunternehmen schmiedet futuristische Pläne. Und vernachlässigt die Probleme auf der Schiene, sagen Politiker.

Zukunft des öffentlichen Verkehrs? Senkrecht sollen die Flugtaxis in den Städten abheben können.

Zukunft des öffentlichen Verkehrs? Senkrecht sollen die Flugtaxis in den Städten abheben können.

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Vielleicht dient das Dach des Hauptbahnhofes Bern in ein paar Jahren als Landeplatz für fliegende Taxis. Reisende in Eile könnten direkt vom Zug in drohnenartige Kabinen einsteigen. Das von Elektromotoren angetriebene Flug­gefährt trägt die Passagiere hoch über den dicht gedrängten Agglomerationsverkehr hinweg direkt ans Ziel – zum Beispiel in ein Kongresshotel in einer abgelegenen Gemeinde oder einfach an den Flughafen Belp oder gleich nach Zürich-Kloten.

Reisen in solchen futuristischen Transportmitteln, die eines Tages vielleicht gar ohne Pilot fliegen, wollen die SBB in Zukunft zusätzlich zur Bahn anbieten. Dazu planen sie eine Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Lilium, einem Start-up mit dem Ziel, Flugtaxis zu entwickeln. Ein Prototyp existiert bereits. Die Kapsel bietet Platz für fünf Personen. Das Besondere: Das Fluggerät ist nicht auf Flugplätze angewiesen, weil es senkrecht starten und landen kann. Wegen der leisen Elektromotoren ist es für den Betrieb in Städten geeignet.

SBB-Sprecher Raffael Hirt bestätigt: «Die SBB und das Flugtaxi-Unternehmen Lilium führen derzeit Gespräche über eine Zusammenarbeit.» Im Zuge dessen haben SBB und Lilium laut Hirt «eine Absichtserklärung unterzeichnet». Daraus entstehen soll ein Joint Venture für den Betrieb von Lufttaxis von und nach Schweizer Bahnhöfen oder anderen verkehrsstrategischen Punkten. Betreffend Einsatzmöglichkeiten bleiben die SBB vage. Hirt: «Mit Flugtaxis entstehen neue Mobilitätsträger, welche die Mobilitätskette sowie das Mobilitätsangebot der SBB ergänzen können.»

SBB als regionale ­Fluggesellschaft?

Welche Rolle die SBB im Joint Venture spielen wollen, steht noch nicht fest: Möglich ist, dass sie bloss als Vermarkterin des Flugtaxi-Angebotes auftritt. Das Angebot würde dann unter dem Namen der SBB laufen, für den Betrieb wäre aber Lilium oder eine Drittfirma zuständig. Möglich ist auch, dass die SBB Mitbetreiberin des Flugbetriebes werden. Nicht auszuschliessen wäre dann, dass sich die Bahn eines Tages zusätzlich zu ihrer Funktion als Bahnbetreiberin zu einer regionalen Fluggesellschaft mit Lufttaxis entwickelt. Immerhin betont ein Lilium-Sprecher: «Unser Fluggerät hat eine Reichweite von 300 km und legt diese in einer Stunde zurück. Das bedeutet, dass wir Flughäfen und Städte, Vororte und Städte sowie Städte miteinander verbinden können.»

Politiker stellen ­Prioritätensetzung infrage

Im Verkehrsdepartement, wo die SBB mit ihren Plänen schon vorstellig geworden sind, verfolgt man die Sache mit Stirnrunzeln. Man spricht von einer fragwürdigen Prioritätensetzung angesichts der grossen Probleme der SBB in ihrem Kerngeschäft: Missstände bei der Zugbeschaffung, zunehmende Verspätungen, mangelnde Rentabilität.

Auch bei Verkehrspolitikern stösst das luftige Projekt auf Widerstand. FDP-Nationalrat Thierry Burkart findet die Pläne der SBB «seltsam und irritierend». Es dürfe nicht sein, «dass ein subventioniertes Unternehmen mit dem Auftrag, den öffentlichen Verkehr auf der Schiene sicherzustellen, in völlig fremden Gebieten tätig wird», meint Verkehrskommissionsmitglied Burkart. Ähnlich sieht es der Berner Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus: «Die SBB sollen als ­Service-public-Unternehmen für den Schienenverkehr die grossen Probleme auf der Schiene lösen, statt sich in utopische Luftverkehrspläne zu flüchten.»

Das Lufttaxi ist nicht das einzige Utopieprojekt, mit dem sich die SBB ausserhalb ihres Kerngebietes ausbreiten möchten. Sie wollten zusammen mit dem Nutzfahrzeugverband Astag ein Pilotprojekt für Platooning lancieren. Bei Platooning wird die Steuerung von Lastwagen auf der Autobahn digital miteinander verbunden, sodass sie in einer langen Reihe mit sehr kurzen Abständen fahren können. Der Astag hat kürzlich beschlossen, nicht mitzumachen. Verdikt: unrealistisch und für die Schweiz ungeeignet.

Die SBB sind dagegen überzeugt von ihrem Kurs: «Gefragt sind zunehmend individualisierte, intermodale Mobilitätslösungen für unsere Kunden. Digitalisierung und neue Technologien bieten Chancen, die einzelnen Elemente der integrierten Bahn besser zu vernetzen und die letzten Meilen effizienter zu erschliessen.» Die beiden Projekte seien beste Beispiele für dieses Potenzial.

Erstellt: 13.01.2019, 11:58 Uhr

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