«Auseinanderbrechende» SBB – Meyer ärgert seinen Vorgänger

Er habe eine Gesellschaft übernommen, «die am Auseinanderbrechen» gewesen sei, sagte der SBB-Chef. Ganz schlecht kommt das bei Benedikt Weibel an.

Da konnten sie noch lachen: Benedikt Weibel (l.) begrüsst 2006 seinen Nachfolger Andreas Meyer im Führerstand einer SBB-Lok. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Da konnten sie noch lachen: Benedikt Weibel (l.) begrüsst 2006 seinen Nachfolger Andreas Meyer im Führerstand einer SBB-Lok. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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SBB-Chef Andreas Meyer lässt sich gerne als scharfer Analytiker feiern. Ein begnadeter Kommunikator ist er hingegen eher nicht. Sonst hätte er im «SonntagsBlick» nicht folgenden Satz von sich gegeben: «Vor elf Jahren waren die SBB eine Eisenbahngesellschaft, die am Auseinanderbrechen war. Heute ist sie die am besten funktionierende integrierte Bahn Europas.»

Das tönt nach Selbstüberschätzung – und nach einem Angriff auf seinen Vorgänger Benedikt Weibel, der die Führung der Bundesbahnen 2006 abgab. Meyer, der Retter der SBB? Weibel kann es kaum glauben, dass sich sein Nachfolger so darstellt. «Hat er das wirklich gesagt? Das kann ich mir nicht vorstellen.» Doch die SBB-Medienstelle bestätigt, dass Meyer die beiden Sätze tatsächlich so sagte und das Zitat absegnete. «Dann muss eine Wahrnehmungsstörung vorliegen», sagt Weibel. Meyers Angriff auf sein Vermächtnis bringe ihn aber nicht aus der Ruhe, versichert er. «Das lege ich unter der Rubrik ‹Skurrilitäten› ab.»

Die SBB-Medienstelle versucht abzuwiegeln und schiebt eine Erklärung nach, was Meyers Aussage bedeuten solle. «Sie fasst die damalige Lage pointiert zusammen», sagt Sprecher Reto Schärli. Verkehrsminister Moritz Leuenberger habe im Mai 2008 die Diskussion über eine Teilprivatisierung der SBB oder die Beteiligung von privaten Investoren angestossen, weil das Geld aus dem Fonds für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs nicht ausreichte. Leuenberger war damit nicht allein. So forderte der Unternehmensdachverband Economiesuisse, das SBB-Netz vom Bahnbetrieb zu trennen. Die Europäische Union wollte das ebenfalls.

Meyer stellt Weibel ein vernichtendes Zeugnis aus

Trotzdem könne von einem Zerschlagen keine Rede sein, sagt ein Mitarbeiter des Bundesamts für Verkehr, der damals die Gespräche verfolgte. Angedacht war, dass die SBB das Holding-Modell der Deutschen Bahn übernehmen würden. Unter deren Dach ist die Infrastrukturabteilung ziemlich autonom. Trotzdem käme niemand auf die Idee, zu sagen, die Deutsche Bahn sei auseinandergebrochen worden.

Die SBB-Medienstelle be­teuert, Meyers Aussage sei «keine Kritik» an Benedikt Weibel. Gleichzeitig führt sie mehrere Defizite auf, die Meyer bei seinem Amtsantritt ­angetroffen habe. So sei SBB Cargo tief in den roten Zahlen gewesen, der SBB-Pensionskasse hätten mehr als 4 Milliarden Franken gefehlt, bei der Infrastruktur hätten sich «schwerwiegende Fragen zum Zustand der Anlagen» gestellt, und die in der Folge erstellte Netzüberprüfung habe einen ­erheblichen Rückstand beim Unterhalt aufgezeigt. Und nicht zuletzt: «Die Zusammenarbeitskultur auf den oberen Führungsebenen war schwach ausgeprägt. Die Divisionen dachten und handelten stark in ihren ‹Gärtchen›, Koordinationsprozesse zwischen den Divisionen fehlten, und es gab keine verbindende Konzernstrategie.» Kurzum: Meyer stellt seinem Vorgänger ein vernichtendes Zeugnis aus.

Weibel kontert, bei SBB Cargo sehe es auch unter Meyers Führung nicht besser aus. In der Tat wird das Sorgenkind der SBB auch dieses Jahr tiefrote Zahlen schreiben. Und zu den Rückständen beim Unterhalt sagt Weibel: «Wenn es die gegeben hätte, hätten die SBB nicht dauernd neue Pünktlichkeitsrekorde vermelden können.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.01.2018, 10:26 Uhr

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