Der SBB-Chef wollte die BLS kaufen

Bei einem informellen Treffen mit einem Berner Regierungsrat unterbreitete Andreas Meyer ein Kaufangebot über 60 Millionen Franken. Politiker zeigen sich irritiert über das «Doppelspiel».

Der SBB-Chef sei bereit, die BLS zu kaufen oder sich substanziell daran zu beteiligen, sagte er bei einem informellen Treffen. Foto: Tomas Wüthrich / 13 Photo

Der SBB-Chef sei bereit, die BLS zu kaufen oder sich substanziell daran zu beteiligen, sagte er bei einem informellen Treffen. Foto: Tomas Wüthrich / 13 Photo

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Jahrelang war alles klar und friedlich zwischen den Schweizer Bundesbahnen und der Berner Staatsbahn BLS. Die grossen SBB betreiben die kommerziellen Fernverkehrslinien auch auf Berner Boden. Die BLS beschränkt sich im Wesentlichen auf den subventionierten Regionalverkehr mit der Berner S-Bahn, wo Gewinne per Gesetz verboten sind.

Doch seit sich die BLS vor zwei Jahren um die Konzessionen für einige wenige Fernverkehrslinien beworben hat, ist es aus mit der friedlichen Koexistenz. Es herrscht ein eigentlicher Krieg der Bahnen.

Meyer macht Neuhaus ein Kaufangebot

Und jetzt operiert SBB-Chef Andreas Meyer im Kampf ums Fernverkehrsmonopol mit dem Plan, sich an der BLS zu beteiligen oder gar die Aktienmehrheit vom Kanton Bern zu übernehmen.

Streit um die BLS: Berner Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus (links) und SBB-Chef Andreas Meyer. Fotos: Nicole Philipp

Am letzten Montag ging der Bundesbahn-Chef in die Offen­sive. Meyer und der Berner Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus trafen sich zum Essen. Von Berner Seite war es als eines jener Routinetreffen gedacht, welche die beiden eingerichtet haben, seit die SBB und BLS im Streit liegen.

Doch Meyer wollte nichts von Routine und hinlänglich diskutierten Zusammenarbeitsformen wissen. Stattdessen platzierte er völlig überraschend ein Kaufangebot für die BLS: Er habe gehört, dass der Kanton Bern einen Investitionsstau habe. Da könne der Kanton doch Geld brauchen, meinte ­Meyer. Er sei jedenfalls bereit, die BLS zu kaufen oder sich substanziell daran zu beteiligen.

Meyer hat dabei gemäss Informationen der SonntagsZeitung auch Zahlen auf den Tisch gelegt und einen Kaufpreis von 50 bis 60 Millionen genannt. Das entspricht ungefähr dem Aktienanteil des Kantons Bern an der BLS. Neuhaus trat aber auf Meyers Angebot nicht ein.

Oder will der Kanton Bern die BLS loswerden?

Doch der SBB-Chef liess nicht locker und fuhr zweigleisig. Nur zwei Tage später trafen sich die Spitzen der SBB mit der BLS-Führungscrew um Chef Bernard Guillelmon zum Dialog über eine Zusammenarbeit der beiden Bahnen im Bereich Fernverkehr. Und wieder ging Meyer in die Offensive, sprach aber nicht mehr von einem Kaufangebot der SBB. Teilnehmer der Gespräche rapportierten, Meyer habe stattdessen erklärt, dass der Kanton Bern ihm die BLS angeboten habe. In einer Präsentation über mögliche Kooperationsmodelle habe er sogar eine Folie aufgelegt, die auf ein Berner Verkaufsangebot verweist.

Weder die BLS noch die SBB wollen die Gespräche kommentieren. Aber in Bern liefen die Drähte heiss. Und seither berichten Berner Verkehrspolitiker hinter vorgehaltener Hand «über brisante und existenzielle Diskussionen zur Zukunft der BLS».

Auf Anfrage bestätigt Verkehrs­direktor Neuhaus sein Treffen mit Meyer, hält aber fest, dass es von seiner Seite her eines der üblichen Treffen gewesen sei. Und Neuhaus macht auch klar, dass er nicht auf das Angebot eingegangen sei: «Der Kanton Bern muss sich über die Zukunft seiner Staatsbetriebe ­Gedanken machen. Aber zurzeit steht die BLS nicht zur Disposition. Sowieso sind 50 oder 60 Millionen kein Preis, bei dem man über einen Verkauf der BLS nachdenken muss.» Meyer seinerseits lässt via Mediendienst ausrichten: «Eine Beteiligung würden die SBB nur in Betracht ziehen, wenn der Eigentümer dies möchte.»

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In Berner Regierungskreisen zeigt man sich «irritiert über Meyers Doppelspiel». Manche sehen darin die Fortsetzung der Druckversuche gegen den Eintritt der BLS in den Fernverkehrsmarkt. Zuerst wollten die SBB die Konzessionsvergabe an die BLS mit politischem Druck auf den Bund und den Kanton Bern verhindern. Und obwohl die BLS am Ende nur zwei kleine Linien von Bern nach Biel und Olten statt der gewünschten Nord-Süd-Verbindung von Brig nach Basel erhielt, bekämpfen die SBB auch diese minimale Konzession an die BLS mit Rekursen.

Die Bundesbahnen verlangen, dass die BLS Fernverkehr, wenn überhaupt, nur als Auftragneh­merin für die SBB betreiben darf. Berner Verkehrspolitiker fragen sich, ob Meyer mit einer Über­nahmedrohung die BLS diszip­linieren wolle, sodass diese sich freiwillig ins Reduit des Berner Regional­verkehrs zurückziehen werde.

Die SBB versuchten es vor 20 Jahren schon einmal

Andere können sich vorstellen, dass es Meyer ernst meint und angesichts der leeren Berner Kassen und der ungemütlichen Situation der BLS tatsächlich daran glaubt, den potenziellen Konkurrenten schlucken zu können.

Dann wäre ihm gelungen, was vor beinahe 20 Jahren schon einmal geplant, aber seinem Vorgänger Benedikt Weibel verwehrt geblieben war. Die SBB versuchten die in Schwierigkeiten steckende BLS zu kaufen. Der Kanton Bern wehrte sich. Schliesslich einigten sich die beiden Bahnen damals auf eine Gebietsabgrenzung mit der Option, dass die SBB langfristig ein Drittel der BLS-Aktien übernehmen würden. Bis heute hat Bern aber den SBB keine einzige Aktie verkauft.



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Erstellt: 01.06.2019, 23:44 Uhr

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