«Schach ist ein Kampf – gegen mich selbst»

Früher was für Nerds, heute total angesagt: Schachprofi Noël Studer erklärt, warum sich plötzlich alle für das komplexe Brettspiel interessieren.

«Beim Schach musst du runterfahren»: Noël Studer. Foto: Gaetan Bally/Keystone

«Beim Schach musst du runterfahren»: Noël Studer. Foto: Gaetan Bally/Keystone

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«Caruana will es jetzt wissen: Mit 21. c5 greift er an. Riskant.» – «Zieht er seine Dame von c4 weg, so ­gabelt Schwarz seinerseits auf d3 mit tödlicher Wirkung!» – «Carlsen macht Züge, die wenig Gegenchancen zulassen, der sogenannte ‹Boa Constrictor Style›: Schwarz langsam erwürgen.» Diese hochdramatischen Zeilen lasen wir diese Woche in Livetickern nicht etwa zur einer japanischen Kampfsportart, nein, sondern: zur Schach-WM. Vielleicht noch erstaunlicher: Die Ticker wurden rege geklickt. Schach erlebe einen Aufschwung, sagt Noël Studer, Berner Schachprofi und jüngster Grossmeister der Schweiz.

Schach-Liveticker sind beliebt. Überrascht Sie das?
Nein. Schach ist wieder im Kommen, auch unter Jungen. Gerade Schnellschach ist attraktiv. Da passiert was, man sieht Gestik und Mimik. Ich habe mehrere Kollegen, die sich für Schach interessieren. Gut, die müssen ja fast.

Fussball schauen viele in Public Viewings. Wie haben Sie die Schach-WM verfolgt?
Schön wärs, gäbe es für Schach Public Viewings. Ich habe mir das Finale allein zu Hause angeschaut. Auf privaten Websites kommentieren Top-20-Spieler die Partien. Das ist, wie wenn der FC Barcelona gegen Real Madrid spielen und Neymar kommentieren würde.

Wie reagieren Gleichaltrige, wenn Sie sagen, dass Sie Profischachspieler sind?
Früher, zu Gymizeiten, habe ich mich dafür eher geschämt. Man wächst halt auf mit dem Stereotyp, dass Schachspieler Nerds sind. Heute bin ich stolz darauf, ich fühle mich als echter Profisportler. Jetzt lacht auch niemand mehr. Die meisten finden es cool. Oder sie halten es für einen Witz – eben weil ich nicht dem Klischee des Schachspielers entspreche.

«Das ist der perfekte Gegenpol zum schnellen Konsum.»

Warum interessieren sich Junge in Zeiten von Snapchat und Youtube für etwas Entschleunigtes wie Schach?
Wahrscheinlich gerade darum. Heute kann man immer alles sofort haben. Beim Schach musst du runterfahren. Selber denken, dich für etwas entscheiden und mit der Konsequenz klarkommen. Das ist der perfekte Gegenpol zum schnellen Konsum. Und klar: Tschütteler sind auch nicht nur aus Freude am Fussball im Club, sondern weil sie gern mal ein Bier trinken danach. Das ist bei uns nicht anders.


Video: Der Roger Federer des Schachs

Blieb im Schnellschach ungeschlagen: Magnus Carlsen. Video: Reuters


In manchen Ländern ist Schach schon lange Schulfach.
Ich würde es sehr begrüssen, wenn Schach an Schweizer Schulen mehr gefördert würde. Dieser Sport ist sehr gut für die Entwicklung eines jungen Menschen. Anstatt immer nur auf die Tastatur zu hauen, ­müssen die Jugendlichen an sich arbeiten.

Als Breitensport würde es an Prestige verlieren.
Ich habe keine Angst, dass das Image leiden würde. Klar, als Schachspieler hat man ein hohes Renommee. Wir spielen in Anzügen, kommen klassisch daher. Aber nehmen Sie Armenien als Beispiel: Schach ist dort Pflichtfach an Schulen, der armenische Grossmeister Lewon Aronjan ist ein Nationalheld. In diesem Land spielen alle Schach, und das Ansehen ist dadurch nur noch grösser geworden.

Unter Fussballern gibt es Techniker und Künstler. Welcher Typ sind Sie?
Eher der intuitive Spieler. Deshalb bin ich ein grosser Fan von Weltmeister Magnus Carlsen, er hat einen sehr starken Instinkt. Ich spüre das Spiel sehr gut. Mein Problem ist manchmal die trockene Fleissarbeit. Ich bin nicht der, der sich 15 Stunden lang verschiedene Varianten in den Kopf prügelt.

«Du musst die Konzentration rauffahren, runterfahren, rauffahren.»

Wie viel trainieren Sie täglich?
Momentan bereite ich mich auf die Schnellschach-EM vor. Das heisst: Aufstehen um 7.30 Uhr, dann folgt ein vierstündiger Schachblock. Ich löse Aufgaben, etwa Schachmatt-Setzen in ein, zwei oder drei Zügen. Oder Eröffnungsvarianten lernen. Ich habe derzeit vielleicht knapp 250 Varianten im Repertoire.

Und die körperliche Fitness?
Die ist sehr wichtig. Am Nachmittag gehe ich meist aufs Laufband oder in den Kraftraum. Ein Schachspieler ist über fünf, sechs Stunden enorm angespannt. Du musst die Konzentration rauffahren, runterfahren, rauffahren. Das hält nur aus, wer konditionell parat ist.

Was tun Schachspieler, um sich vor einer Partie aufzuwärmen?
Einige lösen einfache Schachaufgaben. Ich betätige mich lieber körperlich, etwa mit Liegestützen. Fünf Minuten vor dem Spiel bin ich nicht mehr ansprechbar. Dann bin ich im Tunnel, wie ein Skifahrer, der die Piste im Kopf abfährt. Ich gehe meine Strategie durch oder die Schwächen des Gegners.

Schach sei Krieg, hat Carlsen gesagt. Stimmen Sie dem zu?
Ja. Schach ist für mich ein Kampf – vor allem gegen mich selbst. Ich darf mir keinen Fehler erlauben. Und wenn ich einen mache, nie zurückschauen. Ich versuche stets, mich auf das richtige Mindset zu trimmen. Und es über Stunden beizubehalten. Schach hat mich viele Basics gelehrt, etwa mich zu konzentrieren oder Wörter schneller auswendig zu lernen. Schach ist für mich eine Lebensschule.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 22:03 Uhr

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