Schädliche Sit-ups

Die britische Armee streicht Rumpfbeugen aus ihrem Fitnesstest. Sie nützten wenig und seien gefährlich für den Rücken.

Rumpfbeugen: Sie üben zu viel Druck auf die Wirbelsäule aus Foto: Getty Images

Rumpfbeugen: Sie üben zu viel Druck auf die Wirbelsäule aus Foto: Getty Images

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In «The Bodyguard», der sechsteiligen BBC-Serie, die momentan auf Netflix läuft und die man nur schon deswegen gesehen haben muss, damit man über das Finale streiten kann, geht es um einen kriegsgeschädigten britischen Soldaten im Kampf gegen islamistischen Terror und eine politische Verschwörung. Der Held hat das Herz auf dem rechten Fleck und ist so schweigsam und einsam wie seelisch versehrt. Und natürlich ist er wahnsinnig trainiert. Das sieht man zwar nur in einer einzigen Szene, aber es ist vollkommen klar, ganz einfach deshalb, weil er Angehöriger der britischen Sicherheitskräfte ist und diese wiederum ein Synonym für knüppelharte körperliche Schinderei.

Teil des legendären Fitnesstests der Armee Ihrer Majestät ist jene Übung, in der während zwei Minuten so viele Sit-ups wie möglich absolviert werden müssen. Die Anzahl war eine Art Währung in der ultramaskulinen Welt der Soldaten; superdefinierte Bauchmuskeln, so hart, dass man darauf steppen könnte, Muskeln, die Frauen den Atem rauben und andere Männer bleich werden lassen, ein Statussymbol.

Schweizer Armee verzichtet seit zwölf Jahren darauf

Und jetzt das. Die britische Armee gab bekannt, die Rumpfbeugen aus ihrem Fitnesstest zu streichen. Sie nützten viel weniger als gemeinhin angenommen und vor allem: Sie schadeten dem Rücken. Man berief sich dabei auf zahlreiche medizinische Untersuchungen, die seit Jahren darauf hindeuteten.

Mittlerweile steht fest, dass Sit-ups, vor allem, wenn wiederholt und nicht sauber ausgeführt, zu viel Druck auf die Wirbelsäule ausüben und diese längerfristig schädigen. Der prominenteste Rumpfbeugen-Kritiker ist Stuart McGill, Professor für Wirbelsäulen-Biomechanik an der kanadischen Uni Waterloo, der rund 400 klinische Arbeiten zum Thema verfasst hat, und dessen Resultate von Kollegen bestätigt werden. Er sagt kurz und bündig: «Rumpfbeugen sollten vermieden werden.»

US-Army lanciert 2020 neues Sportprogramm

Dafür, dass die körperliche Fitness der britischen Soldaten vor allem in den Special Forces als nahezu unübertroffen gilt, kommt die Einsicht spät. Die kanadischen Truppen etwa verzichten bereits seit drei Jahren darauf, die US-Army gab unlängst bekannt, im Oktober 2020 ein neues Sportprogramm zu lancieren, über das noch nichts Konkretes bekannt ist, ausser: dass die Sit-ups darin keinen Platz mehr haben werden.

Geradezu avantgardistisch war in dieser Hinsicht die Schweizer Armee: Im Rahmen des gewöhnlichen Trainings gehören Rumpfbeugen zwar noch dazu, aber «auf die Ausübung von Rumpfbeugen unter Leistungsdruck anlässlich von Fitnesstests wird bereits seit zwölf Jahren verzichtet», sagt die Armeesprecherin Del­phine Alle­mand.

Alternative aus einer Sportart, die als überaus weiblich gilt

Selbstverständlich verabschiedet man sich nun aber nicht kollektiv vom Sixpack. Denn Alternativen zu den Sit-ups gibts zuhauf. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mehrere Übungen, die neu eingeführt werden, weil sie als unbedenklich und gleichzeitig besonders effektiv gelten (zum Beispiel: der Unterarmstütz), alle einer Sportart entliehen sind, die als überaus weiblich gilt und von harten Kerlen gerne belächelt wird: dem Pilates.

Erstellt: 19.11.2018, 08:16 Uhr

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