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Schafft das Schweizer Theatertreffen ab!

Nichts ist so überflüssig wie das Festival, das einige alte Männer zu ihrer Selbstverwirklichung erfunden haben.

MeinungAndreas Tobler

Die Schweiz kennt viele absurde Auswüchse: «Glanz & Gloria», die quasireligiöse Verehrung von Roger Federer. Oder zuletzt die Bieridee von HSG-Studenten, die sich gegen staatliche Zwangsgebühren richtete, aber als Volksinitiative von uns allen finanziert werden musste. Aber nichts ist derart absurd wie das Schweizer Theatertreffen, das in diesem Jahr im Mai zum fünften Mal stattfindet.

Zweimal wurde das Treffen in Winterthur, dann in Genf, schliesslich im Tessin abgehalten. Mit seinen Ortswechseln war es von Anfang an eine Fehlkonstruktion, die nie ein treues Publikum fand. Die Tessiner Ausgabe zog mit sieben eingeladenen Produktionen gerade mal 1246 Zuschauer an. Bei einem Budget von insgesamt 680'000 Franken. Damit war jede einzelne Eintrittskarte mit über 500 Franken subventioniert, was fürs Sprechtheater einen Rekordwert darstellt: An keinem Stadttheater in der Schweiz werden die Sitzplätze derart üppig bezuschusst. Vergleichbare Festivals kosten weniger als die Hälfte von dem, was das Treffen verschlingt.

Warum findet dieses Festival denn überhaupt statt, wenn es völlig überteuert ist und beim Publikum keinen Anklang findet? Zunächst einmal, weil das Treffen in den Kriterienkatalog der meisten Kulturförderer passt. Und weil das Bundesamt für Kultur (BAK) seit der Gründung am Treffen seine Theaterpreise vergibt. Das macht eine Finanzierung durch das BAK in Höhe von zuletzt 165'000 Franken möglich. Alle anderen – die Pro Helvetia wie auch die jeweiligen Städte und Kantone – zogen mit substanziellen Beiträgen nach.

Der Irrsinn findet statt, hinterfragt wird er nicht

Wie sinnvoll es ist, dass dieses Treffen stattfindet, wird nicht hinterfragt. Auch nicht, wenn in diesem Jahr der Anlass erstmals in Zürich stattfindet, wo das Schauspielhaus auf Einladung des Treffens zwei eigene Produktionen zeigen kann (Herbert Fritschs «Grimmige Märchen» und Karin Henkels «Beute Frauen Krieg»). Aus der Westschweiz kommen nur zwei Stücke, eins zudem aus dem Tessin. Die beiden anderen stammen aus Luzern und Bern.

Dafür wird also dieser Aufwand betrieben, wo doch offensichtlich ist, dass man es auch in diesem Jahr mit der Auswahl möglichst allen Sprachregionen recht machen will – und genau damit erfah­rungsgemäss nur sehr wenige erreicht.

Vordergründig wird behauptet, das Treffen sei dafür erschaffen worden, dem Theater eine Plattform zu bieten und den Austausch im Land zu ermöglichen. Es wird also so getan, als hätten hiesige Produktionen keine internationale Wirkung (absoluter Blödsinn) und als würde es keinen Austausch zwischen den Sprachregionen geben. Auch das trifft nicht zu: In diesen Tagen werden Deutschschweizer Produktionen am Théâtre Vidy in Lausanne gezeigt. Dessen Intendant Vincent Baudriller verfügt als früherer Direktor des Festival d’Avignon über Kontakte, um Theaterproduktionen nach Frankreich zu bringen.

Es gibt kein urwüchsiges Profi-Theater

Es soll auch niemand behaupten, wir hätten bei uns kein Theater aus der Westschweiz oder dem Tessin: Die freien Spielstätten laden ein, was interessant ist – aus dem Ausland, dem Ticino und der Romandie. Am Konzerttheater Bern gibt es die «Nouvelle scène», am Theater Basel das «Abo Français», also Programme mit französischen Stücken, die den Blick über die Westschweiz hinaus in die frankofone Welt erlauben. Nicht zuletzt: Theater war immer etwas, was sich über Grenzen hinweg entwickelt. Selbst Arbeiten einer Regiegrösse wie Christoph Marthaler wären undenkbar ohne den Einfluss des Polen Tadeusz Kantor oder der Schule Jacques Lecoq, die der Zürcher in Paris besuchte. So etwas wie urwüchsig schweizerisches Profi-Theater, das sich treffen könnte, gibt es nicht.

Das Schweizer Theatertreffen ist also kunst- und weltfremd. Aber auch reaktionär in einer Zeit, in der sich Macherinnen sehr ernsthaft die Frage stellen, wie Theater eine Vielfalt ermöglicht (es ist immer noch eine Welt der weissen Männer). Ursprünglich war das Schweizer Treffen denn auch nicht mehr als eine Bieridee, die verfolgt wurde, um den ersten Austragungsort zu pushen: das Theater Winterthur, das wegen einer notwendigen Sanierung politisch auf der Kippe stand. Inzwischen hat man das Winterthurer Theater gerettet. Im Vorstand des Vereins sitzen aber weiterhin die gleichen alten Männer um Adrian Marthaler (früher Abteilungsleiter Kultur beim Fernsehen und Bruder von Christoph) , die das Treffen als Instrument verstehen. Nicht zuletzt, um sich selbst zu verwirklichen.

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