Schawinski im Shitstorm

Der SRF-Starinterviewer stellte in seiner Sendung eine Edelprostituierte bloss – und kassiert heftige Reaktionen.

Anfang März aufgezeichnet: Salomé Balthus bei Schawinski. Video: SRF

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Eigentlich hätte der Komiker René Rindlisbacher am Montag in der SRF-Talksendung von Roger Schawinski zu sehen sein sollen. Doch weil er sich nach einem Auftritt an der Schulter verletzt hatte, musste Schawinski auf eine «Lückenbüsserin» zurückgreifen – auf die deutsche Philosophin und Edelprostituierte Salomé Balthus, die er bereits Anfang März interviewt hatte.

Das Resultat ist nun alles andere als komisch: Schawinski steht im Shitstorm. Der Vorwurf lautet: Er habe insinuiert, Balthus sei als Kind von ihrem Vater missbraucht worden.

Bis zur fraglichen Episode in der Sendung dauert es nur wenige Minuten. Schawinski blendet ein Bild von Balthus’ verstorbenem Vater ein («Der war auch kein Kind von Traurigkeit»). In der DDR war er ein berühmter Musiker gewesen. Es wird offensichtlich, dass die Tochter eine starke Bindung zu ihrem Vater hatte.

Wenige Augenblicke später lässt Schawinski einen kurzen Einspieler laufen. Er zeigt die Feministin Alice Schwarzer, die behauptet, «eine überwältigende Mehrheit» aller Prostituierten sei in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden. Dann fragt der Talker: «Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen? Oder würden Sie mir gestehen, wenn es so gewesen wäre?»

Balthus, sichtlich irritiert, lächelt gequält, sagt Nein. Schawinski insistiert trotzdem: «Sie sagen, Sie können sich nicht daran erinnern.» Erst als Balthus nochmals beteuert: «Es ist nicht der Fall», wechselt er das Thema.

Balthus ist erstaunt, dass sie in der Sendung nicht ausrastete

In der Sendung lässt sich Balthus ihre Gefühle kaum anmerken. Doch als sie danach mit dem Taxi zum Flughafen fährt, bekommt sie «weiche Knie», wie sie am Telefon erzählt. Sie trinkt ein Glas Wein, das sie fast umhaut, weil sie nichts gegessen hat. Und sie verpasst, weil sie so aufgewühlt ist, sogar ihren Flieger nach Berlin.

Ihre Scham und Wut verschriftlicht sie drei Wochen später in einem Text für die deutsche Zeitung «Die Welt», bei der sie als «Kanarienvögelchen» eine regelmässige Kolumne hat. Sie schreibt über den «Missbrauch bei Schawinski», von einem «tiefen Schnitt mit einem scharfen Messer, der später erst anfängt zu schmerzen». Sie ist erstaunt, dass sie in der Sendung nicht ausrastete und dem Moderator das Wasserglas ins Gesicht schüttete. Sie fühlte sich ins Bild einer «verhaltensgestörten Hure» gepresst.

Dabei unterläuft ihr ein Fehler: Sie schreibt, Schawinski habe sie direkt gefragt, ob ihr eigener Vater sie missbraucht habe. Wie der Moderator wohl darauf komme, dass ihr eigener Vater sie vergewaltigt haben könnte, fragt sie sich in der Kolumne.

Auch die NZZ wirft Schawinski vor, er habe «das Mikrofon missbraucht».

Schawinski beschwert sich nach der Publikation der Kolumne, die einen Tag vor der Ausstrahlung seiner Sendung erfolgt, bei der «Welt» und moniert eine «arge Verunglimpfung meiner Person und meiner Integrität als Journalist». «Welt»-Chefredaktor Ulf Poschardt handelt auf die Intervention seines Kollegen umgehend: Balthus verliert ihre Stelle als Kolumnenschreiberin. Die Kündigung erfolgt per Mail.

Trotzdem ist Schawinski jetzt der grosse Buhmann. Reihenweise prominente Journalistinnen und Journalisten aus der Schweiz und Deutschland kritisieren ihn. Der «Tages-Anzeiger» bezeichnete den Interviewstil des Talkers als «das wahre Problem», der beim Thema Missbrauch so gar nicht passe. Das Onlineportal «Watson» spricht von einem «krassen Klassiker des strukturellen Sexismus» – auf der Verliererseite stehe die «gemassregelte Frau»; auf der anderen Seite seien die Männer, die sich die Hand reichten.

Auch die NZZ wirft Schawinski vor, er habe «das Mikrofon missbraucht». Und für die «Weltwoche» sind die Fragen des Starmoderators schlicht und einfach «perfide Anspielungen».

Ein Fall für die Medienprofis der Journalistenschule MAZ – zumal deren Direktor Diego Yanez früher selber TV-Chefredaktor bei SRF gewesen war. Doch Yanez lässt ausrichten, er habe die Sendung nicht gesehen. Daher wolle er sich nicht äussern.

In Onlinekommentaren fordern viele Schawinskis Absetzung

Im Ethikcode schreibt die SRG ihren Mitarbeitern vor, wie sie sich zu verhalten haben. Im Papier ist von Respekt, Fairness und Rücksichtnahme die Rede. Es heisst darin auch: «Es gelten die bewährten Regeln des Anstands.»

Hat Schawinski mit seiner Fragerei den Code verletzt? Wie Yanez will sich auch TV-Chefredaktor Tristan Brenn nicht äussern. Ein SRF-Sprecher sagt bloss: «Wir wissen von mindestens einer Beanstandung, die beim Ombudsmann eingegangen ist» – und man wolle da «nicht vorgreifen».

Zahlreicher sind die Reaktionen in den Onlinekommentaren. Kaum jemand verteidigt Schawinski. Viele fordern seine Absetzung.

Doch was sagt der Angeschossene selber? War es seine Absicht, Balthus blosszustellen? Wenn er die Sendung nochmals machen könnte, würde er die Fragen gleich stellen? Möchte er sich vielleicht sogar entschuldigen?

Die Fragen bleiben unbeantwortet. Für einmal schweigt der berühmteste Talkmaster der Schweiz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 23:04 Uhr

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