Scheidung nach 115 Jahren

Mehr als ein Jahrhundert lang waren die Riesenschildkröten Bibi und Poldi ein Paar. Dann entliebte sich Bibi über Nacht und machte Schluss.

Ein Bild aus besseren Tagen: Bibi und Poldi am Flirten. Foto: Getty Images

Ein Bild aus besseren Tagen: Bibi und Poldi am Flirten. Foto: Getty Images

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Die Trennung, man muss es sagen, ging rabiat vonstatten. Eines Morgens, niemand hatte es kommen sehen, biss Riesenschildkröten­dame Bibi ihren Gefährten Poldi in den Panzer. Nicht nur einmal, sondern zweimal, und zwar so heftig, dass danach zwei Stücke in der Grösse von drei auf fünf Zentimeter fehlten. Es musste notfallmässig der Tierarzt aufgeboten werden, um die stark blutenden Wunden zu behandeln.

Poldi war verstört ob des Angriffs und mit ihm der ganze Reptilienzoo Happ im österreichischen Klagenfurt. Nach mehr als 100 Jahren Gemeinsamkeit zeigte Bibi ihrem langjährigen Lebenspartner nicht einfach die kalte Schulter oder liess ihn links liegen, sie setzte also nicht auf die Ghosting-Methode, um Schluss zu machen, sondern gestaltete die Trennung radikal und ging, sehr unfeminin, regelrecht zum Angriff über.

Das abrupte Beziehungsende sorgte damals, 2012, weltweit für Schlagzeilen; das «Time Magazine» berichtete genauso darüber wie CNN, die beiden Riesenschildkröten erlangten fast ein wenig Berühmtheit. Bis heute jedenfalls, erklärt Zoobesitzerin und Reptilienspezialistin Helga Happ auf Anfrage, erkundigten sich Besucherinnen und Besucher gezielt nach Bibi und Poldi. Geändert hat sich in den vergangenen sieben Jahren indes nichts an der zerrütteten Beziehung, sämtliche Versuche einer Mediation sind fehlgeschlagen. In Bibi lodert der Furor nach wie vor unvermindert; sie stellte eine derartige Gefahr für Poldi dar, dass an ein Zusammenleben nicht mehr zu denken war. Eigens für sie musste «ein neues Haus samt Freilandanlage» errichtet werden, immerhin, direkt neben demjenigen von Poldi.

Frauen verlieren schneller die Lust am Partner

Denn Helga Happ, die sich das plötzliche Erkalten der Liebe immer noch nicht erklären kann und auch keinen vergleichbaren Fall kennt, gibt die Hoffnung auf eine Versöhnung nicht auf. Obschon Poldi kaum unter der Trennung zu leiden scheint und die ihm zum Trost in seinen Garten gestellte weibliche Attrappe ignoriert – «in seinem Alter hat er vermutlich ganz gern seine Ruhe» –, wurde im letzten Herbst eine Glasscheibe in die Trennmauer des Geheges eingebaut. Poldi liess das völlig kalt, er schaut nie auf die andere Seite – Bibi hingegen schon, allerdings, so Helga Happ: «Sie zischt aggressiv, sobald sie ihn sieht.»

Altersmilde ist da also zumindest aufseiten von Bibi nicht auszumachen, obschon die beiden zwischen 123 und 143 Jahre alt sind. Sie kamen 1976 nach Klagenfurt, und zwar aus dem Basler Zoo, da waren sie zwischen 80 und 100. Erreichen können Galapagosschildkröten, sagt Helga Happ, ein Alter von 170 Jahren. Und die beiden Tiere in ihrem Zoo sind gesund, auch mit Bibi ist alles in Ordnung. Aufgrund ihres Verhaltens liess man sie von einem Fachmann begutachten, zog gar eine Art Nervenzusammenbruch in Betracht. Der beigezogene Experte konnte allerdings nichts finden: Mit der Schildkrötendame sei alles in bester Ordnung, befand er, auch ein Augenleiden sei auszuschliessen, das dazu führen könnte, dass sie Poldi nicht mehr erkenne.

Die Abklärung war also gründlich, was vielleicht erklärt, weshalb niemand den naheliegendsten Grund in Betracht zog: Dass Poldi Bibi einfach verleidet sein könnte. Dass sie vielleicht fand: Bloss weil wir jetzt schon mehr als 100 Jahre zusammen sind, muss ich den ja nicht bis ans Ende meiner Tage ertragen. Vielleicht fand sie ihn langweilig. Vielleicht roch er nicht fein oder machte merkwürdige Geräusche beim Essen. Vielleicht ging er ihr einfach wahnsinnig auf die Nerven, und sie erlebte deshalb eine besonders radikale Form des Entliebens. Das kann schliesslich jeder passieren.

Denn womöglich unterscheiden sich Riesenschildkröten gar nicht so sehr von Menschen. Bei unsereins verhält es sich ebenfalls so, dass in langjährigen Beziehungen meist die Frauen den Schlussstrich ziehen. Sie sind weniger bereit als Männer, sich zu arrangieren oder auszuharren, wenn die Partnerschaft nicht mehr richtig gut ist (Frauen verlieren zudem, auch wenn das immer wieder für Staunen sorgt, in festen Beziehungen schneller die Lust am Partner als umgekehrt). Und sie ziehen dann eben die Konsequenzen. Wie Bibi. Während die Männer die Warnzeichen lange übersehen. Und dann auf dem linken Fuss erwischt werden. Wie Poldi.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.04.2019, 19:18 Uhr

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