Scheidungsopfer Mann

Ausgeschlossen, gedemütigt und vom Staat unfair behandelt: So fühlen sich Väter nach einer Trennung.

Illustration: Birgit Lang

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Als Markus K. (Name der Redaktion bekannt) nach den Ferien die gemeinsame Wohnung aufschliesst, findet er sie halb leer geräumt vor. Kein Bett, kein Tisch, alle Kindersachen sind verschwunden. Als hätte es sein Familien­leben nie gegeben. Nirgends eine Nachricht, seine Freundin geht nicht ans Telefon. Markus K. ist fassungslos, Panik steigt in ihm auf.

Im Briefkasten findet er eine Vorladung der Polizei. Die Freundin, mit der er in Trennung lebt, hat Strafanzeige wegen Gewalt­androhung erstattet. Markus K. darf weder zu ihr noch zu seinem kleinen Sohn Kontakt aufnehmen, obwohl die Eltern das Sorgerecht teilen. «Da ist für mich die Welt zusammengebrochen», erzählt Markus K. heute, ein Jahr später. Das Erlebnis habe ihn traumatisiert.

Das Beispiel von Markus K. ist heftig. Und natürlich hat es eine konfliktreiche Vorgeschichte. Es gab viel Streit, man griff sich verbal an, aber nie körperlich, wie Markus K. betont. In der Regel setzen aber schon weniger dramatische Trennungen Männern emotional schwer zu – nur reden sie nicht gern darüber, weil das nicht dem Bild des starken Mannes entspricht.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind es denn auch vor allem alleinerziehende Mütter, die als Opfer gelten, weil sie es im Gegensatz zu geschiedenen Vätern im Alltag schwerer haben und einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind. Fakt ist indes: Männer verarbeiten Trennungen tendenziell schlechter als Frauen.

Wer alles in sich hineinfrisst, wird verbittert

Die plötzliche Einsamkeit trifft sie härter, weil ihre Partnerin oft die einzige enge Bezugsperson ist. Wenn sie weg ist, verabschiedet sich auch ein Grossteil des gemeinsamen Bekanntenkreises, weil es in der Regel Freunde der Partnerin sind. Ausserdem sind Männer in über 50 Prozent der Scheidungsfälle nicht die handelnden Helden, sondern die Verlassenen, wie die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello in einer breit abgestützten Schweizer Studie kürzlich herausfand. In den USA ist die Lage noch dramatischer: 70 Prozent aller Trennungen gehen von Frauen aus.

So viel Schwäche ist mit dem männlichen Selbstverständnis nur schwer vereinbar. Die Folge: Männer verdrängen ihre Krise lieber, anstatt sich ihr zu stellen. «Das hängt unter anderem mit der Sozialisierung von Jungs zusammen, die gemäss Rollenbild nach wie vor nicht weinen dürfen», erläutert Lu Decurtins, Sozialpädagoge und Mitgründer des Manne­büros Züri. «Männer haben Mühe, Ohnmacht, Trauer und Schmerz zu­zulassen, obwohl das zentrale Gefühle bei Trennungen sind.» Nach einer Scheidung versuchen sie sich eher gegenseitig aufzumuntern («Sie war es nicht wert»), statt Trost zu spenden.

«‹Geteiltes Leid ist halbes Leid› gilt für Männer leider nicht», sagt der Coach. Wer alles in sich hineinfrisst, wird mit der Zeit aber verbittert und ­zynisch, was auf die Gesundheit schlagen kann. «Männer sind nach Scheidungen öfter krank als davor, manche fallen in eine schleichende Depression», sagt Decurtins.

«Vom Staat unfair behandelt, von der Ex abgezockt»

Obwohl fast jede zweite Ehe geschieden wird, sind sich die wenigsten bewusst, was bei einer Scheidung auf sie zukommt – insbesondere finanziell. Für Markus K. kam das böse Erwachen bei der Rechtsberatung. Die Hälfte seines Lohnes sollte er seiner Ex-Freundin als Unterhalt abgeben, obwohl sie zu 40 Prozent berufstätig war. Gemäss vorläufigen Berechnungen wäre ihm das Existenzminimum geblieben.

«Ich fühlte mich von Staat unfair behandelt und von meiner Ex ausgenommen.» Er war stinksauer, wollte seine Koffer packen, am liebsten abhauen. Am Abend kam es zum Eklat. Markus K. schrie herum, randalierte in der Wohnung und drohte, er werde sich das Leben nehmen. Sein damals 2-jähriger Sohn bekam alles mit. «Das hätte nicht passieren dürfen – es tat mir schon am selben Abend leid.» Er habe seine Ex entgegen ihren Aussagen aber nie körperlich bedroht, was er später auch der Polizei vermitteln konnte, sagt Markus K.

Dass Scheidungen derart ausarten können, liegt an ihrem immanenten Widerspruch: «Ausgerechnet dann, wenn man möglichst sachlich über finanzielle und erzieherische Fragen diskutieren sollte, befinden sich die Partner in einer hochemotionalen Situation, die das oft verunmöglicht», sagt Stephan Bernard, Kinderanwalt und Mediator. Es sei deshalb von Vorteil, wenn die Rollen klar verteilt seien, um die Dinge möglichst einvernehmlich zu regeln. Bei egalitären Partnerschaften, in denen beide ähnlich viel arbeiten und erziehen, ist das einfacher. Genauso in traditionellen Ehen, in denen der Mann das Geld verdient und die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt.

Allerdings ist das erste ­Lebensmodell noch wenig verbreitet und das zweite am Aussterben. «Ehen, in denen der Mann zu 100 Prozent arbeitet und die Frau etwas dazuverdient, sind in der Schweiz am gängigsten – und leider bergen sie bei Scheidungen auch das meiste Konfliktpotenzial», sagt Bernard.

Gerichte tendieren zum Festhalten am Status quo

Einer der Gründe: Das gefühlte Vatersein entspricht nicht dem realen Aufwand, der jedoch vor Gericht ausschlaggebend ist. Viele Männer sind heute engagierte Abend- und Wochenendväter, sie gehen nach der Arbeit auch mal einkaufen, kochen ab und zu und helfen den Kindern bei den Mathe-Aufgaben. Den weit grösseren Betreuungsaufwand hat aber de facto nach wie vor die Mutter, die vielleicht nur 30 Prozent arbeitet.

Gerichte tendieren laut Bernard dazu, diesen Status quo nach der Scheidung aufrechtzuerhalten. «Allerdings fühlt sich die gelebte Wirklichkeit auf einmal ganz anders an.» Väter sehen ihre Kinder meist nur alle 14 Tage am Wochenende. Im besten Fall noch einen Abend zusätzlich unter der Woche. Sie fühlen sich ausgeschlossen und müssen der Ex trotzdem Unterhalt zahlen. Damit können sich manche nur schwer abfinden. «Diese Väter zahlen aus ihrer Sicht für etwas, wovon sie nichts mehr haben», sagt Bernard.

Markus K. empfindet das mehrmonatige Kontaktverbot und die daraus resultierende Trennung von seinem Sohn als unverhältnismässig. Von den Behörden fühlt er sich alleingelassen. «Meine Sicht der Dinge wurde von niemandem ernst genommen», findet er. Coach Lu Decurtins hört diese Klage oft. «Männer fühlen sich in solchen Situationen ohnmächtig, weil sie nicht mehr über ihr Leben bestimmen können.» Kommt hinzu, dass sie in ihrer Rolle als gute Väter angezweifelt werden, was sehr kränkend sein kann. «Offenbar waren sie als Papis nicht so toll, wenn man auf sie verzichten kann. Und zwar ganz unabhängig davon, wie sie als Väter wirklich waren.»

Nach zehn Jahren Ehe und einer Affäre wollte sie die Scheidung.

Bei Benjamin S. (Name der Redaktion bekannt) ging die Kränkung noch ein paar Schichten tiefer. Mit 22 Jahren hatte er geheiratet, mit 28 kam das erste Kind. «Familie war immer mein Ideal, sie ist die intimste Beziehungsform überhaupt», sagt der heute 34-­Jährige. Nie hätte er sich von seiner Frau getrennt, auch nicht, nachdem sie eine Affäre gehabt hatte.

Doch er hatte keine Wahl. Nach zehn Jahren Ehe und einer Affäre wollte sie die Scheidung. «Ich fiel aus allen Wolken», sagt Benjamin S. Trotzdem wollte er die Beziehung nicht aufgeben. Er schlug eine Eheberatung vor, gab seiner Frau Zeit zum Nachdenken, wollte sogar irgendwo im Ausland ganz von vorne anfangen. Es war zu spät.

«Männer trifft ein Trennungswunsch oft völlig unvorbereitet, weil sie sich mit der Partnerschaft weniger auseinandersetzen als Frauen», sagt Decurtins. Sie sprechen im Gegensatz zu ihren Partnerinnen Schwierigkeiten kaum von sich aus an oder weichen aus. Das liege daran, dass Männer die unbewusste Abwehrstrategie hätten, Probleme auszublenden. «Sie konzentrieren sich auf den Job oder lenken sich mit Sport ab und sind dann aus ihrer Sicht unerwartet vor vollendete Tatsachen gestellt.» Zudem haben Männer laut Decurtins allgemein weniger hohe Beziehungsansprüche als Frauen.

Bei der Heirat dominieren Romantik und Naivität

Im Einzelfall ist die Situation natürlich komplexer. Benjamin S. ging davon aus, «dass wir beide dieselben Werte haben. Dass wir gemeinsam etwas aufgebaut haben, das man in einer Selbstfindungsphase nicht so schnell opfert», sagt er. «Aber offenbar haben wir zehn Jahre etwas gelebt, das nicht für beide identisch war.» Heute hat er sich mit der Scheidung mehrheitlich versöhnt, doch das letzte Jahr hat ihn psychisch aus der Bahn geworfen. «Der Abgrund hatte keinen Boden mehr, ich fiel immer tiefer.» Markus K. erging es ähnlich: «Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, ich fühlte nur noch Verzweiflung.» Beide Väter haben sich Hilfe beim Psychotherapeuten geholt, weil sie am Ende ihrer Kräfte waren.

«Dass sich Männer professionelle Unterstützung holen, ist nicht selbstverständlich», sagt Decurtins. Je nachdem wie man aufgewachsen sei, gelte immer noch: Der Mann hat sich selbst zu helfen. Benjamin S. und Markus K. haben dieses Klischee überwunden, auch wenn es beiden am Anfang nicht leichtfiel. Rückblickend haben beide Väter «enorm viel über sich selbst gelernt». Markus K. hat sich in der Krise auf sich selbst zurückbesonnen. Benjamin S. will in seiner künftigen Beziehung intensiver kommunizieren. «Wer sich trennt, denkt zu kurzfristig. Man verletzt sich selbst und macht neue Baustellen auf. Besser ist, sich vorher gemeinsam zu finden.» Bis die Väter wieder Vertrauen in neue Partnerinnen und den Staat fassen, wird es noch eine Weile dauern.

Lu Decurtins nickt verständnisvoll. Das eigentliche Problem ortet der Sozialpädagoge schon viel früher: «Bei der Heirat dominieren nach wie vor Romantik und Naivität. Die wenigsten überlegen sich da, wie man eine Ehe ‹entsorgt›.» Dass die vielen neuen Lebensformen mit allen dazugehörenden Herausforderungen noch nicht im Bewusstsein jedes Einzelnen angekommen sind, findet Decurtins bedenklich. «Es wäre an der Zeit, umzudenken und sich ähnlich wie bei der Berufswahl auf Entwicklung und Veränderung ein­zustellen, statt auf ein statisches Modell zu setzen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 07:32 Uhr

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