Schlaflose Nächte für Trump-Gegner

Der US-Präsident zwingt die Demokraten dazu, sich mit vier Frauen zu solidarisieren, die in der breiten Öffentlichkeit unbeliebt sind – und ihm damit die Wiederwahl erleichtern.

Frauentrupp gegen Donald Trump: Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Alexandra Ocasio-Cortez (v. l.). (Bild: AP/Keystone)

Frauentrupp gegen Donald Trump: Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Alexandra Ocasio-Cortez (v. l.). (Bild: AP/Keystone)

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Wieder einmal beherrschte Donald Trump tagelang Amerikas Nachrichtensendungen und Zeitungsseiten. Der US-Präsident hatte am Sonntag vor einer Woche vier weibliche Kongressabgeordnete zur Rückkehr in ihre Herkunftsländer aufgerufen und damit landesweit Entrüstung ausgelöst. Der Rassismusvorwurf liess Trump jedoch ungerührt.

Vorgestern Freitag doppelte er nach. Trump wurde gefragt, wie unglücklich er darüber sei, dass zwei Tage vorher das Publikum an einer Wahlkampfveranstaltung in einem Sprechgesang gefordert hatte: «Schickt sie zurück!» und damit die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar gemeint hatte. Trumps Antwort: «Worüber bin ich unglücklich? Über die Tatsache, dass eine Kongressab­geordnete unser Land hassen kann. Ich bin unglücklich über die Tatsache, dass eine Kongressabgeordnete antisemitische Dinge sagen kann.»

Video: Menge skandiert: «Schickt sie zurück»

Während einer Wahlkampfveranstaltung legte Donald Trump im Streit mit vier demokratischen Parlamentarierinnen nach. (Video: AP)

Mit der neuerlichen Attacke auf die Muslimin liess Trump eine kurze Phase des Bedauerns hinter sich. Am Donnerstag hatte er noch gesagt, er habe den fremdenfeindlichen Sprechgesang nicht gemocht und er werde künftig Wiederholungen unterbinden. Davon war nun keine Rede mehr, obwohl Kommentatoren bereits von Faschismus sprachen und ein erregter TV-Moderator bei Trump sogar den Wunsch nach ethnischer Säuberung ausmachte.

Bleibt Trump ungerührt, weil er ein Rassist ist und es nicht merkt, wenn er Grenzen überschreitet? Beobachter erkennen bei seinen Tweets in erster Linie politisches Kalkül. Und die Rechnung des meisterhaften Trolls könnte aufgehen. Der US-Präsident vermeidet es, Hautfarbe oder Religion der vier jungen, progressiven Politikerinnen zu erwähnen, die sich seit längerem als «Squad» – Trupp – in Szene setzen. Omar flüchtete aus Somalia, Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) ist puerto-ricanischer Herkunft, Rashida Tlaibs Familie stammt aus Palästina, und Ayanna Pressley ist Afroamerikanerin. Nur nach eigener Darstellung, nicht nach jener Trumps, sind die Frauen «women of color» – farbige Frauen. Trump wendet sich gegen sie bloss mit dem Vorwurf, sie seien linksextrem und unpatriotisch.

Die Unterscheidung bricht dem Rassismusvorwurf die Spitze. Im engeren Sinn als rassistisch kann Trumps Charakterisierung des Quartetts nicht gelten, bloss seine Aufforderung, die Abgeordneten sollten doch nach Hause gehen. Derartige Aufrufe zur Ausreise aus Amerika mussten sich Afroamerikaner schon immer anhören.

Das schwache Fundament erleichtert es Trump-Fans, den Rassismusvorwurf als übertrieben abzutun. Am Donnerstag rief ihnen der Präsident in Erinnerung, dass die Mainstream-Medien ihre einstige Deutungshoheit verloren hätten. Im Weissen Haus versammelte Trump ihm zugeneigte Online-Journalisten und rechnete ihnen vor, dass sie zusammengenommen auf 500 Millionen Follower zählen könnten.

Ocasio-Cortez und Omar haben tiefe Zustimmungswerte

Bei seiner Anhängerschaft wird Trumps Twitter-Fehde mit den vier Frauen daher kaum politischen Schaden anrichten, womöglich nicht einmal bei zögerlichen Wechselwählern. Die Demokraten und ihre möglichen Präsidentschaftskandidaten könnten jedoch darunter leiden. Trumps Tweets zwingen sie dazu, sich mit vier radikalen Volksvertreterinnen zu solidarisieren, die in der breiteren Öffentlichkeit unbeliebt sind.

Laut einer Umfrage der demokratischen Partei hat AOC nur bei 22 Prozent der US-Wählerschaft einen positiven Ruf, Omar nur bei 9 Prozent. Bis sich die Demokraten auf eine Kandidatur einigen, wird Trump auf die Frauen zeigen und sie als das wahre Gesicht der Partei darstellen.

Die vier Abgeordneten geniessen die Aufmerksamkeit. Omar versprach am Freitag, sie werde weiterhin der «Albtraum» des «faschistischen» Präsidenten sein. Doch schlaflose Nächte drohen auch anderen Demokraten, die sich nächstes Jahr zur Wahl stellen. Falls die Wählerschaft nur von den vier Frauen höre, drohe die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren zu gehen, sagte ein hoher Parteivertreter dem Onlineportal «Axios».

Gemäss dem früheren republikanischen Speaker Newt Gingrich hat Trump das politische Grossthema gesetzt. Die Linke werde den Wahlkampf mit Rassismus führen, Trump und die Rechte mit Patriotismus, glaubt Gingrich. «Die Wahlen von 2020 werden zu den bestimmendsten der amerikanischen Geschichte zählen.»



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Erstellt: 21.07.2019, 13:46 Uhr

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