«Die Situation ist schlimmer als im Rekordsommer 2003»

Versicherungen, Preisstützen: Bauern fordern Massnahmen gegen Dürre.

Notversorgung: Wasser für eine Alp bei Schänis SG. Foto: Keystone

Notversorgung: Wasser für eine Alp bei Schänis SG. Foto: Keystone

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Gras wächst nicht mehr, Felder trocknen aus. Die Schweizer Bauern leiden dieser Tage unter der Jahrhundertdürre. «Die Situation ist weitaus schlimmer als im Rekordsommer 2003», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands. «Die Trockenheit in unserem Kanton hat eine Dimension erreicht, wie wir sie noch nie erlebt haben.»

Dramatische Zustände melden auch die Bauern aus anderen Kantonen. Im Bündnerland herrscht eine «grossflächige Trockenheit von den Bergen bis ins Tal», sagt Thomas Roffler, Präsident des Bauernverbands Graubünden. Verschiedene Wasserquellen hätten zu wenig Wasser. «Mit jedem Tag, der keinen Regen bringt, verschlechtert sich die Situation markant», sagt Roffler. «Wenn es bis zum 20. August so bleibt, sind die Alpen ausgetrocknet.»

Folgen für Bauern und Tiere

Hitze, Dürre und Trockenheit haben für die Bauern dramatische Folgen. Auf den Feldern wächst kein Futter mehr. Auch Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln leiden unter der Hitze. Bewässern ist vielerorts nicht möglich.

Im Kanton Aargau kann aus vielen Gewässern kein Wasser mehr entnommen werden. Im Thurgau dürfen die Bauern nur noch aus dem Rhein oder grossen Seen Wasser nehmen. «Das ist für viele nicht praktikabel», sagt Markus Hausammann, Präsident des Thurgauer Landwirtschaftsverbands. «Sie müssen wohl schweren Herzens ihre Kulturen verdorren lassen.»

Futterpreise sind als Folge der Knappheit explodiert

Die Situation sei «dramatisch», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands (SBV). Weil das Futter fehlt, müssen Viehhalter bereits auf die Wintervorräte zurückgreifen – oder Futter zukaufen. «Es fragt sich aber, wo man das noch bekommt», sagt Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbands. «Frankreich etwa hat die Grenze für die Ausfuhr von Luzerne-Heu, einer häufig importierten eiweissreichen Futterpflanze, gleich dichtgemacht.»

Als Folge der Futterknappheit ist der Preis für gewisse Futterpflanzen wie Luzerne-Heu förmlich «explodiert», sagt Bucher. «100 Kilogramm kosten normalerweise rund 35 Franken, jetzt ist der Preis um 10 Franken gestiegen – eine Preissteigerung um über 30 Prozent.»

Bauern verlangen Massnahmen, um Fleischpreis zu stützen

Wegen des Futtermangels führen immer mehr Bauern ihre Tiere auf die Schlachtbank – was die Schlachtbetriebe ans Limit bringt. Am schweizweit grössten Schlachtkuhmarkt, der nächsten Dienstag in Wattwil SG stattfindet, wollten die Bauern über 350 Tiere verkaufen, «mehr als 100 mussten wir aus Kapazitätsgründen ablehnen», sagt Ernst Rutz von der Ostschweizer Nutz- und Schlachtviehgenossenschaft. «In früheren Jahren hatten wir jeweils nur etwa 150 Tiere auf dem Markt.»

Noch nie hätten in der Ostschweiz so viele Bauern ihre Kühe und Rinder verkaufen wollen, sagt Rutz. «Wegen des grossen Angebots sind die Auktionspreise in den letzten Tagen für die Tiere massiv gesunken.»

«Die aktuelle Situation zeigt, dass wir über eine Versicherungslösung für die Branche diskutieren müssen»Andreas Widmer, St. Galler Bauernverband

Wenn jetzt im grossen Stil geschlachtet wird, stürzt auch der Fleischpreis ab. «Der Bund hat die Möglichkeit, Fleisch einzulagern, um den Markt zu stützen», sagt Ralf Bucher vom Aargauer Bauernverband. «Das ist eine klare Forderung von uns.»

Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Laut dem Europäischen Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersagen soll sich das Regendefizit in der Schweiz bis Mitte September noch verschärfen. «Die aktuelle Situation zeigt, dass wir über eine Versicherungslösung für die Branche diskutieren müssen», sagt Andreas Widmer vom St. Galler Bauernverband. Tatsächlich prüft der Bund im Rahmen der anstehenden Agrarreform, die im Spätherbst in die Vernehmlassung gehen soll, mögliche Versicherungsmodelle. Aktuell erarbeitet das Bundesamt für Landwirtschaft eine Risikomanagement-Studie.

Ein Befürworter von Versicherungslösungen ist der ETH-Professor Robert Finger. Eine dauerhafte staatliche Unterstützung von Versicherungslösungen sieht er jedoch kritisch, da auch hohe Direktzahlungen Landwirte vor Einkommensrisiken schützen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 10:14 Uhr

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