Schon allein der Kittel wirkt heilend

Die Patienten vertrauen den Ärzten mehr, wenn diese traditionelle Berufskleidung tragen.

Selbst bei Kindern hilft der Arztkittel: Trägt Frau Doktor weiss, wird sie allerdings als weniger freundlich empfunden. Foto: iStock

Selbst bei Kindern hilft der Arztkittel: Trägt Frau Doktor weiss, wird sie allerdings als weniger freundlich empfunden. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganz in Weiss – das ist nicht nur der Hochzeitstraum vieler Bräute. Auch für die Wahrnehmung von Ärzten hat das einfarbige Outfit grosse Bedeutung. Trotz aller Bemühungen um eine offene Arzt-Patienten-Beziehung mit Informationsaustausch, gemeinsamer Erwägung von Behandlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindung sowie anderer vertrauensbildender Massnahmen in diesem fragilen Verhältnis, gehört der weisse Kittel noch immer zu den wichtigsten Ausstattungsmerkmalen eines Arztes. Zu diesem Ergebnis kommen Mediziner vom Universitätsspital Zürich (USZ) im Fachmagazin «BMJ Open».

Das Team um Marc Zollinger hat mehr als 800 USZ-Patienten gefragt, wie sie das Erscheinungsbild von Ärzten beurteilten. Dabei sollten die Kranken vom äusseren Auftreten der Doktoren darauf schliessen, wie kenntnisreich, vertrauenswürdig, fürsorglich und nahbar ihnen die Mediziner vorkamen und ob es eine angenehme Vorstellung für sie war, von ihnen betreut zu werden. Dazu wurden den Teilnehmern Fotos vorgelegt, die Ärztinnen und Ärzte jeweils paarweise in unterschiedlichen Dresscodes zeigten.

Weisser Kittel plus weisse Hosen sind das Nonplusultra

Mehr als ein Drittel der Probanden gab an, dass die Kleidung des Arztes für sie ein wichtiger Faktor ist. Ein Viertel fand sogar, dass diese Äusserlichkeiten einen Einfluss darauf haben, wie zufrieden sie mit der Behandlung sind.

Am besten schnitten jene Doktoren ab, die zusätzlich zum weissen Kittel auch weisse Arzthosen trugen – das galt sowohl für Männer als auch für Frauen. Danach folgte in der Beliebtheitsskala die Kombination Arztkittel mit Hosen und Hemden im formalen Businessstil, also beispielsweise gebügelte Stoffhosen, Hemden, Blusen und gegebenenfalls Krawatte.

Der lässige Look zum weissen Kittel wurde hingegen nicht so geschätzt. Er schnitt aber immer noch besser ab als die – kittelfreie – gepflegte Freizeitkleidung, auch wenn manche Ärzte glauben, dass sie darin besonders menschlich und nahbar wirken. An letzter Stelle in der Patientenwertschätzung rangierte der Businesslook, also ein Anzug für den Mann und wahlweise Hosenanzug oder Kostüm für weibliche Mediziner.

Wenn eine Spritze schmerzt und teuer ist, hilft sie am besten

Das Outfit von Ärzten ist nicht allein eine Frage modischer Präferenzen. Medizin ist schliesslich zu grossen Teilen Magie und bedient sich etlicher Rituale. «Die Beziehung zwischen Patienten und Ärzten ist der Schlüssel zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung», schreibt das Team um Zollinger. «In etlichen Studien hat sich gezeigt, dass sich die Zufriedenheit der Patienten und wie sie ihren Arzt wahrnehmen auf den Genesungsverlauf auswirkt, auf das Risiko einer Wiederaufnahme in die Klinik und sogar auf die Sterblichkeit.»

Natürlich ist die Einschätzung von Ärzten auch von Landessitten, dem kulturellen Hintergrund, dem medizinischen Kontext und anderen Einflüssen abhängig. In England ist es zum Beispiel üblicher, dass Ärzte im Anzug und mit Krawatte behandeln. In einer anderen Studie mit Kindern zeigte sich, dass Ärzte im weissen Kittel zwar als kompetent, aber als nicht so freundlich bewertet werden. Gerade in Kinderkliniken verzichten viele Mediziner deshalb auf den Kittel. Auf Intensivstationen, in der Notaufnahme und der Chirurgie ist hingegen die komplette weisse Uniform üblicher als unter Internisten, Neurologen oder Psychiatern. Hausärzte wiederum tragen immer seltener die weisse Berufskleidung.

Die Zürcher Studie zeigt, dass viele Patienten wissen, wie sie sich den idealen Arzt vorstellen, je nachdem, wo und in welchem Zusammenhang sie ihrem Doktor begegnen. Da der weisse Kittel offenbar noch immer von grosser Bedeutung für die Patienten ist, sollten Ärzte ihn in den meisten beruflichen Situationen tragen – dazu möglichst ein Stethoskop um den Hals, auch wenn das manchmal nur dazu dient, sie vom Friseur zu unterscheiden, wie böse Zungen behaupten.

Auch andere Bereiche der ärztlichen Versorgung können davon profitieren, wenn die Erwartungshaltung stimuliert wird.

Die Medizin ist, vergleichbar mit der katholischen Kirche, von symbolischen Handlungen und Traditionen geprägt. Nicht immer ist klar zu erkennen, ob die Gläubigen – in diesem Fall also die Kranken – einen Nutzen davon haben, und nicht immer wird das Illusionstheater allein für die Patienten aufgeführt. Vor Jahren hat der Freiburger Mikrobiologe Franz Daschner das tägliche Desinfizieren und Reinigen der Spitalflure als Teil der «medizinischen Psychohygiene» entlarvt. Zwar würden Ärzte wie Patienten glauben, dass dadurch Spitalinfektionen verhindert werden könnten. Man müsse aber, so Daschner, «Patienten schon mit offenem Bauch über die Gänge schleifen, damit sie sich etwas holen».

Auch andere Bereiche der ärztlichen Versorgung können davon profitieren, wenn die Erwartungshaltung stimuliert wird. So ist bekannt, dass Patienten Tabletten eine umso stärkere Wirkung zutrauen, je grösser, greller und bunter sie sind. Die Farbe der Pillen spielt ebenfalls eine Rolle: Kräftig roten, orangen oder gelben Tabletten wird eine anregende Wirkung zugeschrieben. Sind die Medikamente hingegen grün oder blau, gelten sie als beruhigend.

Die Wirkung von Spritzen unterliegt ebenfalls einer klaren Hierarchie. Dünne, kaum sichtbare Spritzen zur subkutanen Anwendung gelten als dezent wirksam. Eine intravenöse Spritze, deren «Piks» stärker zu spüren ist, macht da weitaus mehr her. Und die – manchmal durchaus schmerzhafte – Injektion in den Muskel gilt als besonders effektiv.

Was tief geht und wehtut, muss wirksam sein, so die verbreitete Annahme. Wenn etwas dazu noch teuer ist, wird die Wirkung ebenfalls stärker eingeschätzt. Und wird die Spritze dann gar noch von einem Arzt verabreicht, der ganz in Weiss zur Tat schreitet, ist der Behandlungserfolg eigentlich nicht mehr zu verhindern.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 10.08.2019, 17:51 Uhr

Artikel zum Thema

Kranke Kinder werden immer teurer

Kinderspitäler klagen über Defizite und pochen auf eine bessere Vergütung ihrer Leistungen. Die Krankenkassen wehren sich vehement. Mehr...

So finden Patienten das beste Spital

Vier Websites helfen beim Qualitätsvergleich der Behandlungsorte – ein Ärzte-Rating soll bald folgen. Mehr...

Per Klick zum richtigen Arzt

Kommentar Die Wirtschaft macht, was die Politik seit Jahren nicht schafft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Warum Selbstständige den Lohn versichern sollten

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...