«Es gab Tage, da haben wir uns richtig abgeschossen»

In Luzern flog ein Schüler-Drogenring auf. Ein ehemaliger Dealer erzählt über das Geschäft im Darknet und weshalb er damit aufhörte.

Unter den beschlagnahmten Substanzen befand sich so ziemlich jede Droge Foto: Polizei Luzern

Unter den beschlagnahmten Substanzen befand sich so ziemlich jede Droge Foto: Polizei Luzern

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Auf dem Pausenplatz der Kantonsschule Alpenquai ist es verdächtig ruhig. Bloss eine Handvoll Schüler befinden sich auf dem Areal, sie bepflanzen gerade ein Blumenbeet. Ehrlich verdientes Geld durch einen schlecht bezahlten Ferienjob – das kann derzeit nicht jeder Schüler in Luzern für sich beanspruchen.

Wie die Staatsanwaltschaft am letzten Schultag vor den Herbst­ferien mitteilte, wurden Ermittlungen gegen rund 50 Schüler, Lehrlinge und Studenten im Alter zwischen 16 und 21 Jahren aufgenommen, die im Darknet mutmasslich über Monate hinweg ein Drogennetzwerk betrieben. Das Darknet ist ein virtueller Marktplatz, der abseits des öffentlichen Internets operiert. Die Schüler hätten rezeptpflichtige Medikamente wie codeinhaltigen Hustensaft oder das Beruhigungsmittel Xanax sowie Speed, Ecstasy und Cannabis in grossen Mengen bestellt und untereinander weiterverkauft.

«Auf die Schliche kamen wir ihnen im Rahmen einer Routinekontrolle.»Jürg Wobmann, Kripo-Chef

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Urkundenfälschung, Betrugs, Diebstahls, Missbrauchs von Datenverarbeitungsanlagen sowie Verstössen gegen das Betäubungsmittel-, Strassen- und Waffengesetz. Bei den Beschuldigten handelt es sich mehrheitlich um Schweizer, die in der Luzerner Agglo wohnhaft sind.

Gjergj Kashnjeti, gerade damit beschäftigt, im Schulhof einen Setzling zu erden, ist weder vom Ausmass noch vom Vorgehen seiner Kameraden überrascht: «Ich weiss von vielen Schülern, dass sie konsumieren und ihren Stoff im Dark­net bestellen – auch von solchen, die nicht erwischt wurden.»


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Gemäss Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, haben die Schüler die Struktur des Netzwerks immer wieder neu aufgebaut. «Auf die Schliche kamen wir ihnen im Rahmen einer Routinekontrolle, bei der wir bei einem Jugendlichen entsprechende Substanzen sicherstellen konnten», sagt Kripo-Chef Jürg Wobmann.

Die Jugendlichen müssten nun mit Einträgen ins Strafregister rechnen, je nach Alter komme zudem eine angemessene Strafe dazu, sagt Wobmann. Ob es zu Schulverweisen komme, hängt nach Auskunft aus dem Bildungsdepartement davon ab, ob die Drogen auch auf dem Pausenplatz gehandelt oder konsumiert wurden. Diese Frage sei aktuell noch nicht abschliessend geklärt.

Turn-up im Klassenzimmer

Wie ein beschuldigter Jugendlicher gegenüber SRF erklärte, hätten er und seine Freunde die Substanzen auch unter der Woche konsumiert – und dadurch den Schulalltag strukturiert: «Es gab Tage, da haben wir uns richtig abgeschossen: am Morgen Amphetamine, Cannabis am Mittag und dämpfende Medikamente wie Valium und Xanax am Abend.» Ein Muster, das Fachpersonen bekannt ist.

Das Drogeninformationszentrum Zürich rät grundsätzlich von jedem Mischkonsum ab.

Der Mischkonsum hat zuerst die beabsichtigte Wirkung, dass man leistungsfähiger wird. Um in der Klasse nicht allzu zappelig zu wirken, beruhigt man sich zusätzlich mit Cannabis. Damit abends geschlafen werden kann, braucht es dann starke Beruhigungsmittel. Ein Teufelskreis.

Das Drogeninformationszentrum Zürich (DIZ) rät grundsätzlich von jedem Mischkonsum ab, da sich die Wirkungen der jeweiligen Substanzen nicht einfach nur summieren, sondern auch stark verändern können – und dadurch kaum einzuschätzen sind. Die Gefahr liege insbesondere darin, dass die verspürten Nebeneffekte der einen Substanz mit einer anderen Substanz unterdrückt würden. «Somit werden die Warnsignale des Körpers nicht wahrgenommen, die Konsumierenden fühlen sich viel zu lange noch gut.» Die Gefahr einer Abhängigkeit steige dadurch enorm, erklärt das DIZ.

Tod des Freundes führte zu einem Umdenken

Zudem kann der Mischkonsum zu einem Atemstillstand führen. Was das bedeuten kann, erlebte Manuel (Name geändert) auf tragische Weise im eigenen Freundeskreis. Der Mittzwanziger ist aktiver Teil der Luzerner Hip-Hop-Szene und versorgte diese lange Zeit mit Drogen und rezeptpflichtigen Medikamenten, die er ebenfalls zusammen mit Freunden im Darknet besorgte und teilweise auch selbst konsumierte. Doch dann starb einer seiner besten Freunde im Alter von 22 Jahren an den Folgen des Mischkonsums. «Er hat einfach aufgehört zu atmen», erinnert sich der Musiker.

«Du kannst dir im Darknet für 500 Franken 1000 Xanax-­Tabletten besorgen und diese dann für 10 Franken pro Stück an den Mann bringen.»Manuel

Der Tod seines Freundes führte bei Manuel zu einem Umdenken: «Ich habe erkannt, dass es das Risiko nicht wert ist. Nicht nur das Risiko, erwischt zu werden. Auch im Darknet selbst kannst du richtig auf die Fresse fallen.» So würden bereits bezahlte Lieferungen manchmal nicht eintreffen oder andere Wirkstoffe beinhalten als angegeben. «Früher hätten wir solche Lieferungen einfach an ­nichtsahnende Kunden weiterverkauft.»

Heute dealt Manuel nur noch mit Cannabis, denn daran sei noch nie jemand gestorben. Er versteht jedoch, weshalb der Handel mit Medikamenten verlockend sein kann: «Du kannst dir im Darknet für 500 Franken 1000 Xanax-­Tabletten besorgen und diese dann für 10 Franken pro Stück an den Mann bringen», sagt Manuel.



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Erstellt: 06.10.2019, 13:51 Uhr

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