Zum Hauptinhalt springen

Dieselabgase verursachen ähnlich viele Tote wie Verkehrsunfälle

Die Belastung in Städten und an Verkehrsachsen sinkt zwar stetig – die Schweiz hat bezüglich Luftqualität aber noch Handlungsbedarf.

Technisch wäre bei Dieselautos und bei Benzinern noch viel möglich in der Abgasbehandlung, aber der politische Wille dazu fehlt. Foto: Keystone
Technisch wäre bei Dieselautos und bei Benzinern noch viel möglich in der Abgasbehandlung, aber der politische Wille dazu fehlt. Foto: Keystone

Für Alarmismus besteht kein Anlass. Die Belastung der Luft durch Feinstaub und Stickoxide ist heute massiv tiefer als zu Zeiten des Waldsterbens in den Achtzigerjahren. Der Bund packte das Problem damals entschlossen an.

«Die Schweiz hat bereits 1985 bei Stickstoffdioxid einen Grenzwert von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel eingeführt», sagt Richard Ballaman vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). In Deutschland, wo in Grossstädten Fahrverbote für Dieselautos drohen, ist der Grenzwert mit 40 Mikrogramm pro Kubikmeter ein Drittel höher. Auch Offenheit für neue Technik half. «Die Schweiz hat als erstes Land in Europa den Katalysator eingeführt», sagt Lukas Emmen­egger, Abteilungsleiter der Eidgenössischen Forschungseinrichtung Empa.

Seit einiger Zeit verlangsamt sich die Abnahme der Luftbelastung – der Verkehr nimmt zu, Autos werden schwerer, Motoren stärker. Zudem wird beim Abgas getrickst, wie der Dieselskandal zeigt. Lange wurden Diesel als sauber vermarktet, ihr Anteil stieg auf ein Drittel des Bestandes.

«Der Grenzwert für Stickstoffdioxid wird in der Schweiz grossflächig eingehalten, ausser an stark befahrenen Strassen und in Teilen von städtischen Zentren», sagt Ballaman vom Bafu. Liegen auf dem Land und im Gebirge die Messwerte weit unter dem Grenzwert, nützt das dem Gros der Bevölkerung wenig, das in Ballungsräumen lebt. Zürich ist ein typisches Beispiel. «Eindeutig eingehalten» sei der Grenzwert 2016 «nur an peripheren, verkehrsarmen Lagen» worden, steht auf der Website der Stadt Zürich. «In Teilen der Innenstadt und an anderen stark verkehrsexponierten Orten» wurde der Grenzwert «immer noch überschritten.

Bei der Abgasbehandlung wäre technisch noch viel möglich

An Zürcher Verkehrsachsen wie etwa der Rosengartenstrasse mit 47 Mikrogramm und der Stampfenbachstrasse mit 42 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter war die Belastung 2016 massiv über dem Grenzwert von 30 Mikrogramm. Teils markant über dem Grenzwert ist die Stickstoffkonzentration auch an anderen verkehrsstarken Standorten wie dem Bollwerk in Bern, dem Blumenbergplatz in St. Gallen, der César Roux in Lausanne, an der Feldbergstrasse in Basel, der A 2 bei Hardwald BL, in Sitten und Härkingen SO an der Autobahn. Da Bund, Kantone und Städte nur an gut 80 Orten stationär Stickoxid messen, bleibt offen, wie gut die Luft in weiten Teilen des Landes wirklich ist.

Dieselautos sind ein Hauptgrund für die mediokre Luftqualität in Agglomerationen. Ohne Manipulationen und legale Tricks bei der Abgasreinigung würden Dieselautos «50 Prozent weniger Stickoxide ausstossen», hat der Kanton Zürich im November errechnet.

«Die Überschreitung von Grenzwerten bedeutet: Die Luftqualität muss noch besser werden», sagt Ballaman vom Bundesamt für Umwelt. Handlungsbedarf habe die Schweiz «insbesondere bei Heizanlagen und Motorfahrzeugen». Sehr ernst nimmt die Schweiz das Thema Verkehrstote, entsprechend tief war ihre Zahl mit 230 im letzten Jahr. Technisch wäre bei Dieselautos und bei Benzinern noch viel möglich in der Abgasbehandlung, aber der politische Wille dazu fehlt.

1140 vorzeitige Todesfälle wegen Stickstoffdioxid

Die Folgen sind gravierend. «Abgase sind immer noch eine wesentliche Ursache für vorzeitige Todesfälle», sagt Emmenegger von der Empa. Der Strassenverkehr war laut einer 2014 publizierten Studie von Ecoplan/Infras im Auftrag des Bundes 2010 in der Schweiz für über 1000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich – wegen Fremdstoffen wie Stickoxiden, Feinstaub und Ozon in der Luft. Ein Bericht der Europäischen Umweltagentur von 2016 rechnet gar, dass es in der Schweiz 2013 allein wegen des Stickstoffdioxids in der Luft 1140 vorzeitige Todesfälle gab.

Längst nicht alles, aber ein grosser Anteil dieses Stickstoffdioxids kommt aus dem Auspuff von Dieselautos. Selbst wenn man konservativ von der Annahme ausgeht, dass nur ein Viertel dieses Stickstoffdioxids aus Dieselautos stammt, wären diese praktisch für gleich viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich wie die Verkehrsunfälle. 2013 gab es 269 Verkehrstote. «Wir müssen unsere Bemühungen verstärken, die Abgasbelastung zu reduzieren, speziell in dicht bebauten Gebieten», sagt dazu Empa-Manager ­Emmenegger.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch