Schweizer Firmen fürchten sich vor Sexismusfällen

Die #MeToo-Bewegung löst auch bei Unternehmen Aktivismus aus. Liegt ein Flirt am Arbeitsplatz noch drin? Und was tun, wenn ein Fall von sexueller Belästigung ans Licht kommt?

Wenn es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, verstecken sich vor allem Grosskonzerne gerne hinter Richtlinien – Betroffenen helfen diese jedoch kaum. Foto: Sebastian Magnani

Wenn es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, verstecken sich vor allem Grosskonzerne gerne hinter Richtlinien – Betroffenen helfen diese jedoch kaum. Foto: Sebastian Magnani

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«Sexuelle Belästigung zu bekämpfen und eine Kultur der Integrität zu schaffen, ist etwas vom Wichtigsten, was ich in meiner Karriere erreichen will – auch weil ich eine kleine Tochter habe», sagte UBS-Investmentbanking-Chef Andrea Orcel im August gegenüber Bloomberg. Dieser Tage hat er die Bank verlassen – und seine ehemalige Arbeitgeberin schlägt sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit herum. Eine junge Hochschulabsolventin, die für die UBS in London tätig war, hatte Vergewaltigungsvorwürfe gegen einen Arbeitskollegen erhoben und sich an Orcel ­gewendet.

Worauf die UBS ihre «tiefe Betroffenheit» aussprach, Untersuchungen einleitete und versprach, die Prozesse zu überprüfen. Auch Konkurrentin Credit Suisse (CS) steht unter Druck: Eine Ex-Mitarbeiterin hatte dem Konzernchef Anfang Jahr geschrieben und ihn gebeten, einen sexuellen Vorfall von 2010 neu anzuschauen, nachdem er damals versandet war. CS-Chef Tidjane Thiam reagierte im Juli unter anderem mit der Ernennung einer neuen Ombudsfrau für ethische und Verhaltensfragen.

Die Nachfrage nach ­Weiterbildungen ist gewachsen

#MeToo – ein Jahr nach dem Sexskandal um Filmproduzent Harvey Weinstein ist die Debatte in der Wirtschaft angekommen. Und das, obwohl die Unternehmen bemüht waren, so zu tun, als hätte der Aufstand der Frauen gegen Sexismus nichts mit ihnen zu tun. Dabei wäre #MeToo und Time’s Up ein Steilpass für die Chefs gewesen, um zu zeigen, dass es ihnen ernst ist mit der Gleichbehandlung. «Viele Firmen tun reflexartig so, als hätten sie kein Problem, weil es ein Tabuthema ist. Doch sie sind naiv, zu glauben, es gebe keinen Sexismus bei ihnen», sagt Allyson Zimmermann, Schweiz-Chefin der globalen Organisation Catalyst.

Eine Umfrage der auf Diversity spezialisierten Organisation hat ergeben, dass 85 Prozent der Frauen in den deutlich strenger regulierten USA am Arbeitsplatz schon einmal sexuelle Belästigung erlebt haben. Ein Malaise mit wirtschaftlichen Folgen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine sexuell belästigte Frau ihren Job kündigt, ist laut Forschern 6,5-mal höher als bei Kolleginnen, die so etwas nicht erlebten.

In den Schweizer Unternehmen hat #MeToo bis dato vor allem eines ausgelöst: Unsicherheit und Angst, dass Fälle aus der Vergangenheit plötzlich explodieren. «Insgesamt führen wir in diesem Jahr doppelt so viele Weiterbildungen zum Thema sexuelle Belästigung durch als im Vorjahr», sagt Anja Derungs, die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Im Unterschied zu früher kämen die Firmenanfragen mittlerweile aus allen Branchen.

«#MeToo hat zu einer Sensibilisierung bei Frauen und zu Verunsicherung bei Männern geführt», bestätigt auch Katja Müggler, die Leiterin der Proitera in Basel. Sie bietet betriebliche Sozialberatung für Firmen, hauptsächlich KMU. Wo ist die rote Linie gegenüber Frauen? Nach #MeToo ist nichts mehr klar. «Jetzt darf ich ja keiner Frau mehr ein Kompliment machen» – das höre sie häufig, sagt Müggler. Bei der Fachstelle für Gleichstellung tönt es ähnlich. Die Fragen seien fast bei allen Firmen die gleichen: Dürfen wir noch flirten? Darf ich einer Lernenden den Arm um die Schulter legen? Und: Muss eine Chefin oder ein Chef sofort etwas unternehmen, wenn sie/er über einen Fall informiert wird?

«Wir haben eine Vielzahl von Kanälen, über die sich Mitarbeiter melden können.»Mittelung UBS

Gerade Grosskonzerne verstecken sich gerne hinter ihren Richtlinien für den Umgang mit sexueller Belästigung. Sozialberatungsstellen, Whistleblower-Hotlines, Ombudsstellen, Onlinetrainings – all das haben sie längst implementiert. «Wir haben eine Vielzahl von Kanälen, über die sich Mitarbeiter melden können», heisst es etwa bei der UBS. «Allen Mitarbeiten steht mit Care Gate eine neutrale interne Ansprechstelle zur Verfügung, die über unterschiedliche Kanäle und für den Erstkontakt auch anonym genutzt werden kann, falls jemand von Machtmissbrauch betroffen ist», sagt ein Swisscom-Sprecher. Ähnlich tönt es bei Novartis, wo man unter anderem auf Schulungen zu Machtmissbrauch verweist.

Nur: Mit der Ermutigung, diese Kanäle auch zu nützen, hapert es vielerorts. «Mir wurde deutlich gemacht, dass ich mit grösster Wahrscheinlichkeit den Job würde wechseln müssen, wenn ich mein Problem bei der Anlaufstelle deponiere», erzählt eine Frau, die bis vor kurzem bei einer Grossbank arbeitete. Eine andere, die bei der UBS in der IT tätig ist, lässt durchblicken, dass sie sich nie an die Sozialberatungsstelle wenden würde in einem Fall von Belästigung: «Da passiert nachher sowieso nichts», glaubt sie. Ihre Vermutung kommt nicht von ungefähr. «Zwei Fehler werden häufig gemacht: Die Leute werden entmutigt, und es wird einfach nicht sorgfältig und sensibel genug abgeklärt, was vorgefallen ist», sagt Claudia Stam von der Fachstelle für Mobbing in Zürich und Bern. Sie macht etwa 20 bis 30 Beratungen pro Jahr zu dem Thema. Vor zwei Jahren hatte es die Psychologin mit einer Untersuchung gegen einen CEO zu tun. «Mitten in der Übung wurden wir von der Firma angewiesen, die Untersuchung zu beendigen.» Auch bei Catalyst stellt man fest: «Die ‹Due Diligence› zu Belästigungsvorwürfen wurde bis dato nicht konsequent gemacht.»

Das wahre Problem sind verbale Übergriffe

Sexuelle Belästigung wird noch viel zu stark mit körperlichen Avancen gleichgesetzt. Dabei ist das wahre Problem in Firmen der verbale Sexismus, der mitunter subtil daherkommt. Er gedeiht in einem Umfeld mit einer dominanten Geschlechtergruppe und einer hohen Leistungskultur. Die Banken, die eine massive Untervertretung von Frauen im Kader haben, sind besonders anfällig. Besagte UBS-Angestellte etwa erzählt, dass bei ihnen regelmässig Apéros organisiert werden, an denen sie eigentlich Präsenz markieren sollte. «Doch ich fühl mich da als Frau einfach nicht wohl. Es wird viel getrunken. Und ich habe Kinder, die auf mich warten.» Alkohol als Gefahrenherd für Entgleisungen: In den USA haben einzelne Firmen bereits eine «Two Drinks Maximum»-Regel für Anlässe herausgegeben. Auch die Datingregeln wurden verschärft.

Erstellt: 29.09.2018, 21:16 Uhr

Männer, mischt euch ein!

Nur 27 Prozent der Männer, die beobachten, dass eine Kollegin belästigt wird, greifen ein. Frauen tun dies eher, aber auch da ist der Anteil tief, wie eine Befragung von 3213 Männern und Frauen in den USA zeigt. Männer sollten deshalb nicht einfach zu potenziellen Tätern, sondern zu Helfern in Sachen Sexismus gemacht werden. Die meisten Männer haben einen inneren Kompass, was korrekt ist. Wenn sie ihre Stimme erheben gegen Kollegen, die sich danebenbenehmen, ist das ein grosser Hebel.

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