Schweizer Geld für umstrittenes Tiefseeprojekt

Unternehmen wollen auf dem Meeresboden Erze abbauen. Trotz unklarer Umweltfolgen sind bekannte Schweizer Geldgeber dabei.

CEO Ivan Glasenberg hat sich für Glencore bereits Abnahmerechte für in der Tiefsee abgebaute Erze gesichert. Foto: Keystone

CEO Ivan Glasenberg hat sich für Glencore bereits Abnahmerechte für in der Tiefsee abgebaute Erze gesichert. Foto: Keystone

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Dort, wo bis zu sechs Kilometer unter der Wasseroberfläche tausendjährige Korallen wachsen, planen Rohstoffunternehmen mit gigantischen Maschinen wertvolle Erze abzubauen. Sie versprechen sich ein Milliardengeschäft – und sie argumentieren, mit dem Vorhaben auch dem Klimawandel zu begegnen. Eine der führenden Firmen wird mehrheitlich aus der Schweiz finanziert.

Je mehr E-Bikes, Handys, Computer oder auch Solaranlagen hergestellt werden, desto grösser ist der Bedarf an Metallen wie Kobalt, Nickel, Mangan, Lithium oder Kupfer. Solche Erze werden heute weltweit in Minen abgebaut. Das zerstört grosse Landstriche. Zudem werden immer wieder Fälle von Kinderarbeit und Korruption im Bergbau bekannt.

Gleichzeitig liegen am Meeresboden Unmengen solcher Erze. Sie haben sich über zehn Millionen Jahre abgelagert. Am Anfang standen winzige Partikel, an denen sich über den langen Zeitraum hinweg Metallteilchen ansetzten, bis daraus faustgrosse Manganknollen entstanden. Die Rohstofffirmen haben es vor allem auf jene Flächen abgesehen, die ausserhalb jeglicher Hoheitsgebiete liegen. In diesem Niemandsland auf hoher See, das fast die Hälfte der Erdoberfläche umfasst, sollen Milliarden solcher Knollen liegen.

An vorderster Front mischt in diesem Geschäft die kanadische Firma Deep Green Metals mit. Noch ist das Projekt in der Forschungsphase, doch in den nächsten Jahren soll es mit dem kommerziellen Abbau in der Tiefsee losgehen. Zu den Hauptinvestoren bei Deep Green gehört der ­Zuger Rohstoffkonzern Glencore, der sich für die Erze auch bereits Abnahmerechte gesichert hat. Ausserdem hat kürzlich der Ölfeldausrüster Allseas Group mit Sitz im freiburgischen Châtel-Saint-Denis über 100 Millionen Franken investiert.

Deep Green will mit einer Art Staubsauger von der Grösse eines Hauses den Meeresgrund abfahren und damit alles aufsaugen, was der Maschine in die Quere kommt. Die eingesaugten Knollen sollen über eine kilometerlange Leitung an die Meeresoberfläche transportiert, in Schiffe verladen und an Land gebracht werden.

In der Finsternis gibt es faszinierende Lebewesen

Das Problem: Niemand weiss genau, was in 4000 Meter Tiefe passiert, wenn dort einmal die Maschinen auffahren. Wenn an diesem stillsten Ort der Welt die Ruhe auf einmal vorbei ist.

In der Tiefsee herrschen ständige Dunkelheit und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Und trotzdem findet man dort Lebewesen. «Es gibt viele verschiedene Arten von Tieren, die sich auf faszinierende Weise an diesen unwirtlichen Lebensraum angepasst haben», sagt Meeresbiologin Iris Menn, Chefin von Greenpeace Schweiz. Sie und andere Forscher und Umweltschützer befürchten, dass der Tiefseebergbau das fragile Ökosystem zerstört oder zumindest arg beschädigen könnte. «Alles wächst sehr langsam», erklärt Menn, «ich bin überzeugt, dass in einem derart empfindlichen System ein nachhaltiger Abbau von Erzen nicht möglich ist.»

Gerard Barron, CEO von Deep Green, bestreitet nicht, dass Tiere und Pflanzen wegen des Abbaus mit Sedimenten überdeckt und dadurch beschädigt werden können. Doch die Schicht dieser Ablagerung sei gering, der Schaden somit begrenzt, schreibt er als Reaktion auf die Kritik. «Das Leben in diesen Meeren ist erst minimal erforscht, man kann deshalb noch nicht sagen, ob ein Schaden durch den Bergbau nicht wiedergutzumachen ist», so Barron. Dem entgegnet Meeresbiologin Menn: Genau deshalb dürfe es am Meeresgrund keine Bergbautätigkeit geben, bevor dies nicht geklärt sei.

Laut einem kürzlich publizierten Bericht von Mining Watch Canada, Deep Sea Mining Campaign und London Mining Network verlangen Vertreter der Zivilgesellschaft, des Tourismus, der Fischerei, aber auch NGOs, Wissenschaftler und zum Teil staatliche Stellen rund um den Globus ein Moratorium für den Tiefseebergbau. Das Ökosystem der Ozeane stehe global bereits stark unter Stress – unter anderem wegen der Verschmutzung durch Plastik. Im Minimum aber müsse es strenge Umweltschutzvorschriften und grossflächige Schutzzonen geben.

In der Tat werden derzeit international mehrere Abkommen ausgearbeitet, welche die Nutzung der Hochseegebiete regeln sollen. In New York fand im August eine Verhandlungsrunde zu einem Ozean-Vertrag statt. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) war für die Schweiz dabei. Ein Sitzungsprotokoll eines Beobachters, das der SonntagsZeitung vorliegt, zeigt, dass sich vor allem jene Staaten äusserten, die sich gegen einen starken Pakt zum Schutz der Umwelt aussprachen. Sie bevorzugen die bereits bestehenden regionalen Abkommen, die eher tiefe Umweltstandards enthalten. Offenbar nahm auch das Bafu diese Position ein. Die Behörde gibt auf Anfrage keinen Kommentar ab.

Parallel dazu erarbeitet die seit 1994 existierende UNO-Meeresbodenbehörde (ISA) einen sogenannten Code zur Nutzung der Meere. Diese Behörde mit Sitz in Kingston, Jamaika, vergibt zurzeit Forschungslizenzen für Tiefseebergbau-Projekte. Voraussichtlich innert der nächsten zwei Jahre wird sie dazu übergehen, Firmen und Ländern den kommerziellen Abbau zu erlauben.

Die ISA spielt in diesem zukünftigen Rohstoffmarkt somit eine zentrale Rolle, ebenso lokale Machthaber. Deep Green Metals pflegt mit beiden Akteuren eine besondere Nähe.

Auch Nauru hofft auf Geld aus Abbau-Gebühren

Der ISA-Generalsekretär Michael Lodge tritt in einem Werbefilm der Firma persönlich auf. Er ist auf einem Schiff zu sehen, auf seinem Helm prangt das Firmenlogo von Deep Green. Lodge erklärt auf Anfrage, es gehöre zu seinen Aufgaben, «von Partnern organisierte Anlässe» zu besuchen. Die Weltbevölkerung werde bis 2050 auf 9,6 Milliarden Menschen wachsen. «Es ist deshalb zentral, neue Rohstoffquellen zu finden, die verlässlich sind und deren Abbau sauber und ethisch vertretbar ist. Der Code berücksichtigt sowohl das Bedürfnis nach neuen Ressourcen als auch nach einem strengen Umweltschutz», sagt Lodge. Deep Green erhielt von der ISA bereits eine Lizenz zur Erforschung der Clarion-Clipperton-Zone, einem Gebiet von rund 74'000 Quadratkilometern zwischen Hawaii und Mexiko.

Eng verbunden ist Gerard Barron, CEO von Deep Green, auch mit dem kleinen pazifischen Inselstaat Nauru. Nauru hat innerhalb seiner Seemeilen ebenfalls Erzvorkommen. Zudem präsidiert das Land derzeit das sogenannte Pazifische Inselforum, in dem ebenfalls Nutzungsrechte diskutiert werden.

Nauru hatte vor vierzig Jahren weltweit das höchste Pro-Kopf-Einkommen. Heute ist es praktisch bankrott, der jahrzehntelange Phosphat-Abbau hat die Umwelt zerstört, bewohnbar ist nur noch ein schmaler Küstenstreifen. In dieser Misere ist Nauru ein Joint Venture mit Deep Green eingegangen. CEO Barron versprach dem Ministaat im letzten Februar für den Abbau der Erze Gebühren von mehreren zehn Millionen Franken pro Jahr, wie der britische «Guardian» schrieb.

Die Verbindung zwischen Deep Green und Nauru geht so weit, dass Chef Barron im Februar an einer UNO-Konferenz der ISA den Platz von Nauru einnahm und an der Versammlung die Vorzüge des Tiefseebergbaus erklären durfte. «Die Entscheide fällt die ISA, private Firmen haben in diesem Prozess keine Stimme», sagt Barron der SonntagsZeitung. Doch sie hätten viel investiert, um zu verstehen, welche Umwelteinflüsse der Rohstoffabbau an Land versus die Gewinnung von Manganknollen in der Tiefsee habe. Nauru sei der Meinung gewesen, dass es wichtig sei, dass der ISA-Rat dies verstehe. «Deshalb war ich dort», sagt Barron.



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Erstellt: 26.10.2019, 22:02 Uhr

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